Das Geschrei der Boeoter

Ostfriese, Samstag, 26.11.2016, 11:03 (vor 3346 Tagen) @ Silke10883 Views
bearbeitet von unbekannt, Samstag, 26.11.2016, 11:36

Liebe Silke,

der Weg in die Öffentlichkeit – in diesem Fall ins Forum –, von dem Du in dem Satz

1. wäre es nicht konstruktiver, wenn du den Weg zu deinem Ziel umreißen würdest.

aus einem zurückliegenden Beitrag sprichst, wurde von vielen außergewöhnlich kreativen Menschen sehr unterschiedlich beschritten. Das gilt besonders im Hinblick auf die Art, wie sie ihre Ideen und Werke darstellen, der Öffentlichkeit zugänglich machen und der Nachwelt hinterlassen.

Carl Friedrich Gauß, der schon im Alter von 16 Jahren Vermutungen über Erweiterungen zu einer nicht-euklidischen Geometrie angestellt hatte – nach Zweifeln bzgl. der euklidischen Geometrie als 12-Jähriger –, veröffentlichte nur einen Bruchteil seiner Entdeckungen, weil er das „Geschrei der Boeoter scheue“ – der anderen Gelehrten –, wie aus einem Briefwechsel mit Friedrich Willem Bessel (Seite 490) zu entnehmen ist.

Inzwischen werde ich wohl noch lange nicht dazu kommen, meine sehr ausgedehnten Untersuchungen darüber zur öffentlichen Bekanntmachung auszuarbeiten, und vielleicht wird dies auch zu meinen Lebzeiten nie geschehen, da ich das Geschrei der Boeoter scheue, wenn ich meine Ansicht ganz ausspreche.

Böotien ist der Name einer griechischen Landschaft, in der in der Antike Rinder weideten. Bei den Athenern bedeutete „Böotier“ abwertend so viel wie „ländlich grobes, ungebildetes Volk“ – wie es halt auch in den Witzen über die „Ostfriesen“ oder die „Sch'tis“ zum Ausdruck kommt. Le béotien = der sture Kopf, der blutige Laie ist heute noch französischer Sprachgebrauch. Gauß veröffentlichte erst dann etwas, wenn es die von ihm angestrebte vollkommene Form hatte. Erst wenn eine Theorie seiner Meinung nach den Zustand der Vollkommenheit erreicht hatte – gemäß seines Grundsatzes „Pauca sed matura'' („Wenig aber Reifes'') – war er be¬reit, sie zu veröffentlichen.

Ignaz Philipp Semmelweis führte unterschiedlich häufiges Auftreten von Kindbettfieber auf mangelnde Hygiene bei Ärzten und Krankenhauspersonal zurück und bemühte sich, Hygienevorschriften in den Spitälern einzuführen. Zu seinen Lebzeiten wurden seine Erkenntnisse nicht anerkannt und von Kollegen, die andere Ursachen vermuteten, als „spekulativer Unfug“ abgelehnt. Die Folge waren Anfeindungen der damaligen Koryphäen der ärztlichen Gynäkologie, denen er sich durch öffentliche Kampfansagen zu erwehren versuchte. Daraufhin wurde er ohne Diagnose von drei Ärzten im Alter von 47 Jahren in die staatliche ‘Landesirrenanstalt Döbling‘ bei Wien zwangseingewiesen, in der er laut Sherwin Nuland auf dem Anstaltshof von Pflegern erschlagen wurde. Seine psychologische Verfasstheit und Gegebenheiten seiner Persönlichkeit bestimmten seinen Lebens- und seinen späteren Leidensweg. Der ’Semmelweis-Reflex‘, dem zufolge neue Ideen erstmal abgelehnt werden („geht nicht!“, ,,wollen wir nicht!“, „haben wir immer so gemacht!“) dürfen wir ja zur Genüge in diesem Monsterfaden genießen und studieren.

Edgar Degas wechselte nach einer fünfzigjährigen malerischen Schaffenszeit wegen eines zunehmenden Augenleidens zur Anfertigung von Skulpturen. Da die Plastik ‘Kleine vierzehnjährige Tänzerin‘ von der Kritik wohl abgelehnt wurde – sie sei eine „schreckliche Wirklichkeit“, „hässlich“ und „kümmerlich“ –, verbarg und verleugnete er seine weiteren Skulpturen vor der Öffentlichkeit. Nach seinem Tod wurden die zum Teil verfallenen Figuren aus Wachs oder Terrakotta erneuert und in Bronze gegossen. Die Ausstellung ‘Degas & Rodin – Giganten der Moderne‘ ist gegenwärtig in Wuppertal zu sehen.

Wir haben aber vor allem einen @dottore, der zurück geholt werden
könnte in die Feurigkeit seiner Argumentation , in die Überzeugungskraft
seiner Worte, in die Schlagkraft seiner kurzen Statments – das Feuer
lodert doch noch und die neuen Fackelträger sind bereit, dieses
unwiederbringliche Wissen nicht verschütt gehen zu lassen.

Paul C. Martin hat meines Wissens in weit zurückliegenden Beiträgen über ältere Unternehmerpersönlichkeiten gesprochen, die nicht in der Lage waren, das „Ruder rechtzeitig aus der Hand“ zu geben, um eine ordentliche Nachfolge zu regeln, weil sie sich selbst für unersetzlich hielten. Das führte dann häufig zu Nachfolgern, die sich aus der Umklammerung des Patriarchen nicht frühzeitig genug gelöst hatten, und dann in der Unternehmensführung scheiterten. Ich denke, dass er sich im Sinne des Wissens – sich zum passenden Zeitpunkt zurückzuziehen – im Forum nur noch selten zu Wort meldet und den Zwang zur Veröffentlichung – Nein, kein Buch in Arbeit (oT) – oder der öffentlichen Stellungnahme vermeidet, weil er auch durchschaut, „… was hier seit einigen Jahren zunehmend abläuft“ und die Frage: Was verstehst Du eigentlich unter „Debitismus“? nicht immer von neuem beantworten möchte. Es steht doch nun alles in den Sammlungen! Er sieht eben von außen, wie seine Nachfolger den Debitismus, der ja die Offenlegung eines Codes darstellt, fortentwickeln und erweitern. Damit besitzt er die Fähigkeit des „Loslassen“ und hat im Gegensatz zu vielen anderen Menschen die Gabe, sich neuen Lebensinhalten zu widmen.

Zum Abschluss noch einmal Carl Friedrich Gauß â€“ aus einem Briefwechsel mit Wolfgang Bolyai (S. 109). Das Zitat zeigt auch, dass ihm jeder Prioritätenstreit und persönlicher Dünkel fremd waren und dass die Mathematik für ihn etwas Meditatives hatte.

„Wenn ich damit anfange, ‘dass ich solche nicht loben darf‘: so wirst du wohl einen Augenblick stutzen: aber ich kann nicht anders; sie [die Arbeit des Sohnes von Bolyai, Anm. des Verf.] loben hiesse mich selbst loben: denn der ganze Inhalt, der Weg, den Dein Sohn eingeschlagen hat, und die Resultate, zu denen er geführt ist, kommen fast durchgehends mit meinen eigenen, zum Theile schon 30 – 35 Jahre Meditationen zurück. In der That bin ich dadurch auf das Äusserste überrascht. Mein Vorsatz war, von meiner Arbeit, von der übrigens bis jetzt wenig zu Papier gebracht war, bei meinen Lebzeiten gar nichts bekannt werden zu lassen. Die meisten Menschen haben gar nicht den rechten Sinn für so was, worauf es dabei ankommt, und ich habe nur wenige Menschen gefunden, die das, was ich ihnen mittheilte, mit besonderem Interesse aufnahmen. Um das zu können, muss man erst recht lebendig gefühlt haben, was eigentlich fehlt, und darüber sind die meisten Menschen ganz unklar. Dagegen war meine Absicht, mit der Zeit alles so zu Papier zu bringen, dass es wenigstens mit mir dereinst nicht unterginge.“

Nichts Neues unter der Sonne und liebe Grüße

Ostfriese


gesamter Thread:

RSS-Feed dieser Diskussion

Werbung

Wandere aus, solange es noch geht.