Über das Vorher-Nachher-Problem
> Es ist der 01.01.0001 und du willst eine Zwingherrschaft errichten. Dafür brauchst du neben deiner Überzeugungskraft einen Machtapperat und die Ordnung verteidigende bzw. gewährleistende Strukturen im Inneren wie auch im Äußeren. Das alles hast du am 01.01.0001 nicht.
Der berühmte nackte Mann?
> Es bleibt dir also nichts anderes, als dich vorzufinanzieren.
Welcher Idiot würde einem dahergelaufenen Habenichts einen Kredit einräumen?
Und worauf lautet der Kredit?
Geld kann es nicht sein, denn das entsteht ja bekanntlich erst, nachdem sich die Zwingherrschaft etabliert hat.
> Wo?
Sehr gute Frage. "Vorfinanzierung" setzt ja irgendwie voraus, dass jemand vorher bereits Überschüsse besitzt, die er dem Möchte-Gern-Machthaber leihen könnte. (siehe unten)
> Bei der Gefolgschaft
Da könnte man jetzt streiten, ob ein solches "Joint-Venture", der Zusammenschluss Gleichgesinnter Zwecks gemeinsamen Raubzuges, wirklich eine "Vorfinanzierung" im Sinnes des Wortes darstellt...
> bzw. deinen Untertanen
Am 01.01.0001 sind es aber noch keine Untertanen, sondern freie Menschen. Warum sollten die sich freiwillig in Knechtschaft begeben - und das dann auch noch "vorfinanzieren"?
> Um diese Schuld zu besichern, d.h. damit die Untertanen ihre Forderung überhaupt als werthaltig erachten
Mir scheint, da hast du irgend etwas gründlich missverstanden. Die Untertanen besitzen keine Forderungen gegen den Machthaber, sondern umgekehrt: der Machthaber fordert Tribut - ex nihilo.
Macht basiert bekanntlich zunächst einmal auf der (überlegeneren) Waffe, d.h., der springende Punkt ist: besitzt der zukünftige Zwingherr am 01.01.0001 bereits Waffen - oder nicht?
Falls ja: warum sollte er sich diese ominöse "Vorfinanzierung" dann von den zukünftigen Untergebenen leihen? Wo in der Geschichte hätte es auch nur einen Fall gegeben, in der ein militärisch überlegener Eroberer sich bei den Eroberten verschuldete.
Falls nein: dann würden sich die Waffen in den Händen der am 01.01.0001 noch Freien befinden. Warum sollten diese ihre Waffen aus den Händen geben?
> Aus diesem Grunde ist der Zwingherr verpflichtet laufend Abgaben (gg. intern) / Tribut (gg. extern) zu erheben.
Du meinst also, der Zwingherr erhebt deshalb Steuern von seinen Untertanen, um ihnen das vorher geliehene Abgabengut zurückzahlen zu können?
> Da nach Einnahmenkassierung aber sowohl die Schulden der Vergangenheit getilgt werden wollen...
Und keiner der Untertanen merkt, dass er 100 zahlt, aber nur 20 zurückbekommt?
> ...als auch Redistribution/Staatsausgaben der Gegenwart/Zukunft getätigt werden wollen (sonst Aufstand),...
Ja, so wird es gewesen sein: die zukünftigen Untertanen wählten sich am 02.01.0001 einen Zwingherren, weil der ihnen versprach, von denn 100 Tribut, die er ihnen auferlegen würde, brav 20 zur Tilgung der "Vorfinanzierung" abzustottern und weitere 40 ganz großzügig als "Redistribution" zu verteilen.
> Richtig: Ohne Abgabenforderung, kein Staat, kein Wirtschaften! Die Abgabenschuld, sie zwingt zur Überschussproduktion.
Ja. Da hast du aber jetzt ein "kleines" Vorher-Nachher-Problem.
"Vorfinanzierung" am 01.01.0001 setzt ja irgendwie voraus, dass bereits Überschüsse existieren, auf die der zukünftige Zwingherr leihweise zugreifen kann. Die Abgabenschuld setzt aber - wenn überhaupt - erst nach dem 01.01.0001 ein.
> Du begreifst entweder aufgrund dieser dich nervenden Unterhaltung oder aufgrund deines noch fehlenden Blickwinkel auf das Gesamtsystem nicht, dass es einen systematischen Zwang gibt, der aus der Notwendigkeit der Besicherung der Staatsverschuldung erwächst.
Das ist eine Behauptung, die tatsächlich nicht so ohne weiteres nachzuvollziehen ist.
Zumal es in der Praxis immer wieder Machtsysteme gab und gibt, die ohne Verschuldung auskommen, und ein Staat theoretisch gänzlich ohne Schulden funktionieren könnte.