Bipolare Welt
Sehr geehrter Zarathustra
Saluti Ion, Du alter Schönfärber
"Der Hass ebenso. Ganze Galaxien vertilgen sich gegenseitig, und nicht
nur Du den andern, tausendfach. Wie fühlt sich das an, Ion? Was hilft es,
wenn wir uns etwas vormachen?"Das ist unfair, mich mit Galaxien zu vergleichen. Die Galaxien haben
nichts dagegen, vertilgt zu werden. Ich allerdings schon.Aber vielleicht hast Du recht und ich habe null Mitgefühl, weil ich den
Schmerz der Galaxien einfach nicht ertragen kann?
Ja. Du verdrängst die Kehrseite einer bipolaren Welt. Hältst es im Kopf und Herzen nicht aus, den Tatsachen ins Auge zu sehen. Leid ohne Ende.
Ich esse meinen Salat nicht, weil ich ihn hasse.
Im Gegenteil. Ich habe eine sehr inniges Verhältnis zum Löwenzahn, den
Brennnesseln, dem Giersch und seinen Freunden im Garten.
Und zertrampelst dabei abertausende kleine Wesen am Boden. Die einen sind sofort tot, die andern liegen leicht oder schwerverletzt liegen. Siehst Du die überhaupt?
Ich vertilge Teile von ihnen, sie vertilgen Teile von mir. Wo ist das
Problem? Wir haben uns einfach zum Fressen gern.Und meine Kräuter lieben mich auch. Woanders wären sie schon längst
weggemacht. Mach ich mir das nur vor?
Vielleicht mache ich mir auch nur vor, dass ich Mitgefühl mit mir und
meinen Gewohnheiten habe, wenn ich ab und zu auch mal was Deftigeres als
Unkräutersmoothie esse.Hat Dich vielleicht als Kind erschreckt, wenn die Mama über den Papa
hergefallen ist?
Schon gut Ion. Ich verstehe das Verdrängen der Verdränger. Es kann einfach nicht sein, was nicht sein darf.
"Das klingt ja alles sehr nett und nach Friede – Freude –
Eierkuchen. Die Realität in der sogenannten Schöpfung ist aber eine
andere: Gegenpol inklusive. Liebe und Hass ohne Ende im Gesamtkonstrukt und
bis zum Ende beim Individuum, weil das ja kein Mensch auf Dauer aushält
und früher oder später notgedrungen kapituliert und der Daseinswille
erlischt.“
Da stellt sich mir die Frage: Wenn der Daseinswille ein Ende hat, dann
muss er doch auch einen Anfang gehabt haben. Wo und wann soll das denn
gewesen sein? In einem Dasein, das immer schon da war?
Er hat - wie beschrieben - nur individuell ein Ende, da kein Individuum sowas auf Dauer aushält. Der Organismus zerfällt nach dessen Kapitulation, aber seine Fragmente existieren weiter. Im Wurm und sonstwo.
"Das ist doch Schönfärberei, Ion, nur die eine Seite der Medaille.
Der Hass wird erst aufgehoben, wenn die Liebe aufgehoben wird."
Der Hass ist nur eine Spielart der Liebe, während die Liebe nicht nur
eine Spielart des Hasses ist.
Doch, das ist so in einer bipolaren Welt.
Das erkennst Du sofort, wenn Du Dir mal erlaubst, von ganzem Herzen zu
hassen.
Wie lange hältst Du das durch, ohne Unterbrechung?
Aber wenn Du auch nur ein einziges Mal in Deinem Leben geliebt hast, und
wenn es auch nur eine Nanaosekunde lang war, dann kennst Du diesen
Geschmack von Zeitlosigkeit für immer.Was wäre Deine Liebe wert, wenn Du lieben müsstest?
In einer bipolaren Welt ist nicht jeder von gleich viel Liebe und Hass, Freud und Leid betroffen. Nur das Gesamtkonstrukt befindet sich in diesem Gleichgewicht des Schreckens. Ein Glückspilz widerlegt dieses universelle Prinzip sowenig wie der Pechvogel.
"Im Etwas ist das eine ohne das andere nicht zu haben, und darum hat das
Individuum früher oder später genug. Auf Dauer hält das niemand
durch."Alle haben bis heute durchgehalten. Das Individuum (das Unteilbare)
sowieso, und nach Deiner Logik sogar immer schon. Die andere Hälfte der
Ewigkeit, die uns noch bevorsteht, die schaffen wir auch noch, komm jetzt,
echt!
Nein, die einzelnen Organismen fallen in relativ extrem kurzer Zeit der eigenen Kapitulation und dem Verfall anheim. Die mehr oder weniger anorganisch gewordenen Bestandteile gehen dann allenfalls in anderen Organismen auf, welchen die Kapitulation wiederum noch bevorsteht.
"Darum sehnt sich der Buddhist nach dem Nirvana, dem absoluten Nichts, dem
Jenseits von Liebe und Hass."Worin hat Alles Platz? Im Nichts. Dieses Nichts ist vollkommene Liebe,
Nein, vollkommene Ruhe. Da ist schlicht nichts. Darum heisst es ja 'das Nichts' und nicht 'die Liebe'.
weil es alles in sich birgt und vollkommene Freiheit, weil es nichts will.
Ja, erst im Nichts ist man frei von allem.
Alles reicht ja auch. Und das eventuell schon immer!
Warum bin ich nicht einfach nur Nichts geblieben? Weil ich wissen wollte,
dass ich bin.
Dich hat es davor nicht gegeben. Du wurdest sozusagen zusammengewürfelt.
Später wirst Du wieder auseinander dividiert.
Schlaf gut
Zara