Selbstmord und Lebenstrieb vs. Todestrieb

Phoenix5, Dienstag, 18.10.2016, 21:18 (vor 3427 Tagen) @ vegan6814 Views
bearbeitet von unbekannt, Dienstag, 18.10.2016, 21:34

Hallo vegan,

vielen Dank, gelungen und originell, vor allem der letzte Absatz mit
seinem letzten Halbsatz. Aber der Tod als Strafe und Befreiung zugleich?
Würdest Du mit diesem Gleichnis nicht jenen Menschen auch Weisheit, ja
sogar gewollte Willensbefreiung aus sich selbst heraus, attestieren?

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Quelle: Wikipedia

Wer Selbstmord begeht - und da konzentriere ich mich auf jene, die psychische und soziale Probleme haben (und nicht jene, die physisch stark eingeschränkt oder schwerkrank sind) - wird meist mit den Kräften seines eigenen Unterbewusstseins nicht fertig, die sein Bewusstsein überfluten (z.B. durch eine fehlende Ursicherheit in der Kindheit oder Traumata, etc.). Deshalb sehen Selbstmörder im Tod die Erlösung. Niemand tötet sich aus Weisheit. Da gerade jener, der sein Leben als vollkommen sinnlos erachtet, sowohl im sozialen, wie auch im metaphysischen Sinne, das Leben lieben müsste, wie sonst niemand. Empfehle hierzu Albert Camus "Der Mythos des Sisyphos". Wer an nichts glaubt, kann alles tun und sein Leben in vollen Zügen genießen. Die Sinnlosigkeit des Lebens, die dagegen Selbstmörder für ihr Vorhaben angaben, ist meist eine Ausrede für ihre eigenen Unzulänglichkeiten mit ihrem nicht kohärenten Ich klar zu kommen. Wären sie von der Sinnlosigkeit wirklich überzeugt (statt sie als Synonym für ihre Probleme zu benutzen), könnten sie jederzeit aus ihrem Käfig ausbrechen. Um das klar zu stellen: Diese Behauptung ist keine überhebliche persönliche Feststellung - wer an seinem Schicksal psychisch zerbricht, dem kann keine Philosophie helfen. Die Behauptung ist rein philosophisch gedacht: Ein tief greifendes Gefühl der Sinnlosigkeit, das ein gesundes oder dadurch gesundendes Ich durchflutet, bedeutet absolute Unabhängigkeit und Lebensbejahung. Es ist das theoretische Konzept des Übermenschen, das nicht einmal dessen Schöpfer leben konnte, der an sich selbst zerbrach.

Was den Todestrieb im Allgemeinen betrifft, will ich hier Freuds These mit Jungs Psychologieverständnis amplifizieren, wenngleich Letzterer diesen Begriff von Herzen ablehnte (was mir unverständlich bleibt, passt er doch hervorragend in Jungs System). Folgende Gedanken sind also meine Interpretation (mit einem Schuss Freud): Nach der Ausreifung des menschlichen Bewusstseins (Bruch der Zeit, Fähigkeit zur langfristigen Planung, etc.) setzte das patriarchalische Zeitalter ein. In diesem wurde das verlorengegangene Paradies als Ziel ans Ende der Zeit gesetzt. Das ist im Grunde der Kern der Kulturentwicklung: Das Schuften zur Herstellung des ewigen Paradieses für alle. Dieses Schuften für die Zukunft (im Gegensatz zum Leben in der Gegenwart bei Stammesvölkern) erschafft aber, wie wir hier im Gelben wissen, kein Paradies, sondern eine hochkomplexe und deshalb äußerst fragile, instabile Welt aus zermürbenden 40-Stunden-Jobs (oder mehr), Kriegen, Raubbau, Naturzerstörung und Atombomben. Es scheint also im psychoanalytischen Sinne, als sei der Lebenstrieb des Kulturmenschen dafür da, das "Eschaton zum immanentisieren" (um Wilson zu zitieren). Der Mensch, der im Uterus bzw. der sorglosen Fürsorge durch die Mutter das Paradies sah, will wieder in diesen Uterus zurück bzw. metaphysisch gesagt: Er will nicht mehr wollen und wieder ins Nichts zurück, aus dem er kam. Dieses Nicht-mehr-wollen ist ja auch das Kennzeichen des Selbstmörders, der in den Uterus von Mutter Natur zurückkehren will. Zynisch gesprochen also, erschafft sich der Kulturmensch am Ende womöglich tatsächlich das sorgenfreie Paradies: Durch Selbstzerstörung. Lebenstrieb und Todestrieb sind beim Kulturmenschen also keine Gegensätze, sondern Synonyme.

Das erkannte in einem Exzess an Radikalität auch Ulrich Horstmann in seinem Buch "Das Untier". Wenngleich es Indizien dafür gibt, dass Horstmann dieses Buch als satirischen Mahnruf zur Umkehr schrieb, ist sein Werk in sich konsistent und - anders als Schopenhauer - in seinem gezogenen Schluss bestechend logisch. Wer Zarathustra hier im Forum für radikal hält, dem wird er spätestens nach diesem Buch als handzahmer Pudel Schopenhauers vorkommen (nichts für ungut Zara). Horstmann sah nicht im Neolithikum den Sündenfall, ja nicht einmal als die Affen den Baum verließen, sondern in der ersten lebenden Zelle. Nach ihm versucht das Universum seither nichts anderes, als diesen unverzeihlichen Fehler wieder rückgängig zu machen, indem es, als letztlich nichts fruchtete, schließlich Bewusstsein hervorbrachte, dem das Potential zur Selbst- und Fremdzerstörung inne wohnt. Und er plädiert dafür, Rüstungskonzerne, die atomare Aufrüstung und Genozide zu unterstützen, um alles Leben endlich dorthin zu befördern, wo es hingehört: Ins Paradies, ins Nichts.

>Und das Blitzen der Detonationen und der sich über die Kontinente fressende Brand wird sich spiegeln in den Augen des Letzten unserer Art und sein Antlitz erleuchten und verklären. Und alle Geschöpfe werden niedersinken in der Glut und dem Untier huldigen in der Stunde ihres Untergangs als dem Heilande, der sie erlöst hat zum ewigen Tode. Und dann wird dem Letzten das Sinn werden, was zuvor Absurdität war, und er wird die Hände aufheben über dem versengten Fleisch, es segnen und zu ihm sprechen: "Seid getrost; die Last des Seins ist von euch genommen, und die Prüfung ist vorüber. Jedes von euch war nur der Alp eines Quarzkristalls. Wir, wir alle, sind nie gewesen!" Und er wird in Frieden sterben.<

Ulrich Horstmann - Das Untier

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