Der Sinn des Lebens
Hallo R.S.
Danke für die erwähnten Bücher. V.a. "Desuggestion" werde ich mir besorgen. Ich gehe schon mal davon aus, dass es gut sein wird, da es älter als 70 Jahre ist (das ist aber ein anderes Thema. Ich kann nur jedem dringend empfehlen, sich Bücher zu bestimmten Sachthemen antiquarisch aus dem 19.Jhdt, oder Anfang 20.Jhdt. zu besorgen. Er wird die Tiefe der Denkweise zu schätzen wissen und immer weniger zu neuen Büchern greifen).
bezüglich des von Dir genannten Buches von Ulrich Horstmann aus dem Jahr
2005 - ich habe es nicht gelesen - möchte ich anmerken, dass die Kernthese
"Leben als kosmischer Unfall" bereits in den 1970er Jahren von Gottfried
Gummerer in seinem Buch "Weltbild ohne Illusion" ausformuliert wurde.
Horstmann hat mir gereicht, aber vielleicht tu ich mir Gummerer noch an.
Die Erkenntnis, dass wir Irrläufer der Evolution sind, bringt mich auch
nicht weiter. Dafür dass ich ein Krüppel bin, kann ich nichts, weil meine
Eltern bereits Krüppel waren. Erkenntnisgewinn? Praktischer alltäglicher
Nutzen daraus für mich und meine Mitmenschen? - Komplette Fehlanzeige!
Bei mir zu Hause steht Nietzsche neben der Bibel, Dawkins neben der Kabbala und esoterische Sinnsuche neben Horstmann. Mit der nötigen Distanz kann alles ein Erkenntnisgewinn sein.
Da der Mensch (jedes Lebewesen) allerdings nach Lust, und nicht nach
Unlust strebt, wird diesen Büchern wohl keine große Leserschaft
beschieden sein. Sie zielen daher meines Erachtens in eine falsche
Richtung, da diese Erkenntnisse ("alles hat ein Ende" und "nur der Tod
erlöst uns von Schmerz und Leid") zwar sachlich richtig sind, aber
no-brainer sind. "Alles hat ein Ende." Ja, und? - Deswegen ist noch lange
nicht alle sinnlos, solange real Lust erlebt wird oder die Hoffnung auf
Lusterleben besteht.
Ja.
Wer das nicht verstanden hat, tut mir ehrlich leid. Wer kein Lustempfinden
mehr hat, und auch solches geistig nicht extrapolieren kann, begeht
zunächst geistigen, und dann körperlichen Selbstmord. Das ist der EINZIGE
Grund für eine Selbsttötung: Die Abwesenheit von Lust und das Erwarten
großer, ständiger Unlust. Man könnte auch sagen: Wenn die Hoffnung
stirbt, stirbt man selbst.
Ja.
Oder warum bringen sich denn Suizidanten um? - Weil das Leben so etwas
Schönes ist, oder weil man (momentan!) nur alles schwarz sieht, sogar die
gesamte Zukunft? - Es handelt in vielen Fällen um Fehlvorstellungen, die
daher durchaus korrigiert werden könnten, wenn diese Personen die passende
Hilfe erhalten würden. Was in den meisten Fällen aber nicht geschieht.
Was dann natürlich oft in einem Fiasko endet, indem sogar noch
'unschuldige' Personen hineingezogen werden (z.B. Kinder, die man vorher
auch noch tötet, bevor man von einem Hochhausdach hinunter springt, weil
einen die Frau verlassen hat). Wenn es nach Horstmann und Gummerer ginge,
müsste man diesen Menschen ja noch posthum mit einem Orden auszeichnen, da
"dieser liebende Vater" ja so "gütig zu seinen Kindern war, und
zukünftiges Leid verhindert hat". Das ist eine ziemlich abartige, kranke
Ideologie, wenn ich das mal so abgeschwächt formulieren darf!
Das ist eine moralische Wertung, aber aus subjektiver Sicht gebe ich dir absolut recht. Interessant ist ja, dass Horstmann (und vielleicht Gummerer) bei all dem Pessimismus dennoch Moralisten sind. Wenn Horstmann fordert, die Apokalypse zu beschleunigen, dann ist das ja aus einem morbiden Blickwinkel heraus für ihn dennoch eine gute Tat (um zukünftiges Leid zu verhindern). Er ist damit ein astreiner Ideologe, was ihn vom Nihilisten unterscheidet, der die Dinge sein lässt, wie sie sind.
Das entsprechende Buch dazu hatte ich ja bereits oben empfohlen
(Desuggestion). Da steht alles drin, was man wissen muss. Dieses Buch sorgt
für Lustgewinn, während Horstmann, Gummerer und Koestler genau das
Gegenteil machen und Unlustgefühle erzeugen ("es ist eh' alles sinnlos!! -
Wir werden alle sterben! - Holt die Giftspritzen.").
"Wer ein Warum im Leben hat, kann fast jedes Wie ertragen", hat Nietzsche geschrieben. Nur um eines klar zu stellen: Der Übermensch, den Camus zeitgemäßer beschreibt als Nietzsche, kann als Konzept niemanden heilen. Er ist auch keine ideologische Präferenz von mir. Mir ging es nur um eine Sache: Wenn Menschen sich das Leben nehmen, weil sie dieses als sinnlos erachten, dann meinen sie damit stets: Sinnlos für ihr Ich. Um ein Beispiel zu nehmen: Der potentielle Selbstmörder, der sich vom Chef zermürben lässt, von Freunden verlassen ist (weil das Selbstbewusstsein völlig am Boden liegt) und vor Frauen schüchtern ist, dem mag das Leben als sinnlos erscheinen. Dieses Gefühl der Sinnlosigkeit ist ein Resultat seiner kaputten Psyche. Würde er das Leben tatsächlich als völlig sinnlos sehen, dann hätte er keine Skrupel mehr, dem Chef die Meinung zu geigen, Freunde zu gewinnen so viel er will und Frauen im Stundenintervall ansprechen und ins Bett lotsen - weil eben alles egal ist. Tatsächlich sorgen psychische Programme bei ihm, dass er sich vorm Chef winzig vorkommt, er Freunde nicht verdienen darf und bei Frauen ein Verlierer sein muss. Mit wahrhaftiger Sinnlosigkeit im philosophischen Sinne, hat das aber nichts zu tun. Nur das wollte ich sagen.
Ich selbst behaupte keineswegs, dass das Leben sinnlos ist. Ebensowenig, dass es von Sinn erfüllt ist. In der göttlichen Sphäre muss Sinn und Unsinn zu einer Einheit finden, wie immer man sich das vorstellen mag. Letztlich bastelt jeder an seinem eigenen Mythos und auf der richtigen Spur ist er wohl dann, wenn er darüber nur ungern mit anderen spricht - dann hat er seinen subjektiven Mythos und Weg gefunden. Klar ist: Mit einem Sinn im Leben lebt es sich´s leichter als ohne, denn Übermenschen sind bloß ein theoretisches Konstrukt. Aus empirischer Sicht würde ich behaupten, dass jene, welche so richtig weit unten waren und die subjektive Sinn- und Gottlosigkeit ausgekostet haben bis zur schweren Depression und diese Phase überlebten, danach oft Gott die Hand reichen durften, d.h. gläubig wurden und Sinn fanden. Man kann das als Mechanismus der Psyche zur Selbstrettung betrachten (Ein erfundener Gott trägt die Sorgen für einen) oder als religiöse Gerechtigkeit. Nicht umsonst heißt es in der Bibel, dass Gott die liebt, die er züchtigt.
Wer ständig nach Unlust sucht und eine solche erleben will, hat einen
organischen Defekt oder eine schwere psychische Erkrankung und sollte ggf.
professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. (Das ist kein Witz.)
Wer so denkt, findet seine Rolle in der Welt nicht, weshalb er die Welt abwerten muss, um sich psychisch zu retten.
Danke und mit besten Grüßen
Phoenix5