...fünfzig Gelbs und Brauns und Grüns und Rots
Darüber hinaus würde mich interessieren,
wieso bei dir,
zwischen Kräutertinktur und Krebstherapie, die Coolnes des heiligen
Ja-Sagens zum gefressen werden, wie sie dem coolen paläolithischen
Menschen im Angesicht des Todes zugeschrieben wird, offenbar verlustig
gegangen ist?
Disclaimer: Alles Folgende ist subjektiv, erhebt - obwohl möglicherweise klar und pointiert formuliert - nicht den Anspruch die Wahrheit zu sein, sondern sind subjektive Ableitungen aus meinem persönlichen Weltbild.
Hallo lieber Schneider,
danke, ich mag Deine süffisanten Fragen, führen sie doch jedes mal bei mir zu einem anerkennenden Schmunzeln!
Das am längsten domestizierte - also entwilderte, unterworfene, unterwürfige - Tier nach dem Hund (ca. 25.000 Jahre) ist der zivilisierte Mensch (ca. 10.500 Jahre).
Was ist am Pekinesen noch vom Wolf?
Was ist am westlich zivilisierten Mensch noch vom animistischen, wilden, paläolithischen Menschen?
Ein Pekinese ist schon so degeneriert, dass er nicht mal nach einem Knochen scharrt.
Der Zivilist hat demgegenüber noch den Vorteil, dass er sich seit kurzem für ausgelutschte oder sogar versteinerte Knochen interessiert und alle Mühen auf sich nimmt, diese der wissenschaftlichen Verdauung zuführt.
Da darf gerne mal ein Bauprojekt mehrere Jahre still stehen und umgeplant werden.
Und diese Funde werden vom Zivilist im schwachen Bewusstsein seiner Sehnsucht reflektiert.
Wo komm ich her, wo geh ich hin...?
Zugegeben, wir haben erst seit vielleicht 150 Jahren ein prähistorisches Verständnis.
Das ist sicher wenig, aber nicht nichts.
Wie @Zarathustra bereits andeutete, gibt es schon ne Menge prähistorischer Erkenntnisse, die - selbstverständlich - idealisiert werden.
Wie übrigens alles, was der Mensch zu sogenannten Erkenntnissen oder Wahrheiten bündelt.
Es gibt nach Castaneda - ja, ich mach mir den Spaß wieder mit dem Märchenerzähler anzufangen
- den Bewusstseinsaspekt des 'glauben müssens'.
Damit soll zunächst angedeutet werden, dass wir Menschen für unser Handeln immer glauben, also etwas als wahr, sinnvoll bzw. richtig annehmen.
Er führt dann zwei Glaubens-Kategorien ein:
Einfach 'glauben' - also Dinge als gegeben hinnehmen bzw. in meinen hier kommunizierten Konzept: automatisch oder nicht-hinterfragt glauben aufgrund der sozialisierten Meme oder Glaubenssätze.
'Glauben müssen' - Dinge reflektiert betrachten, also mit Vernunft und Intuition, und dann bei den sich ergebenden verschiedenen Interpretations- oder Denkmöglichkeiten nach der innersten Wahl entscheiden, was man zur Grundlage seines Glaubens erhebt.
Ich könnte jetzt Stunden damit zubringen zusammenzuschreiben, warum ich glauben will und muss, was ich über den wilden, animistischen Menschen schreibe.
Bei Bedarf mache ich das vielleicht, aber jetzt nicht.
Nur so viel dazu: Ich muss das glauben, weil es bei mir innerlich in vielerlei Hinsicht extrem positiv resoniert.
Und es ist zur geistigen Verarbeitung und Kommunikation idealisiert.
Und ich habe auf einen Autor und Buch (Daniel Quinn - The Story of B.) hingewiesen.
Danke und Gruß
Hinterbänkler
----------- Bonusmaterial -----------
296.
Ach, was seid ihr doch, ihr meine geschriebenen und gemalten Gedanken! Es ist nicht lange her, da wart ihr noch so bunt, jung und boshaft, voller Stacheln und geheimer Würzen, dass ihr mich niesen und lachen machtet - und jetzt? Schon habt ihr eure Neuheit ausgezogen, und einige von euch sind, ich fürchte es, bereit, zu Wahrheiten zu werden: so unsterblich sehn sie bereits aus, so herzbrechend rechtschaffen, so langweilig! Und war es jemals anders? Welche Sachen schreiben und malen wir denn ab, wir Mandarinen mit chinesischem Pinsel, wir Verewiger der Dinge, welche sich schreiben lassen, was vermögen wir denn allein abzumalen? Ach, immer nur das, was eben welk werden will und anfängt, sich zu verriechen! Ach, immer nur abziehende und erschöpfte Gewitter und gelbe späte Gefühle! Ach, immer nur Vögel, die sich müde flogen und verflogen und sich nun mit der Hand haschen lassen, - mit unserer Hand! Wir verewigen, was nicht mehr lange leben und fliegen kann, müde und mürbe Dinge allein! Und nur euer Nachmittag ist es, ihr meine geschriebenen und gemalten Gedanken, für den allein ich Farben habe, viel Farben vielleicht, viel bunte Zärtlichkeiten und fünfzig Gelbs und Brauns und Grüns und Rots: - aber Niemand errät mir daraus, wie ihr in eurem Morgen aussaht, ihr plötzlichen Funken und Wunder meiner Einsamkeit, ihr meine alten geliebten - - schlimmen Gedanken!
Friedrich Nietzsche
Jenseits von Gut und Böse
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...und es gibt überhaupt gute Gründe dafür, zu mutmassen, daß in einigen Stücken die Götter insgesamt bei uns Menschen in die Schule gehen könnten. Wir Menschen sind - menschlicher ...
Friedrich Nietzsche 'Jenseits von Gut und Böse'