Nietzsche, die Zeit und der Debitismus

nemo, Samstag, 29.10.2016, 11:41 (vor 3418 Tagen) @ Hinterbänkler4381 Views

Hallo Hinterbänkler,

was du schreibst ist sehr allgemein, aber im Grunde stimme ich zu. Zu Nietzsche:

Im Grunde muss man nur wissen (erkennen), dass Empfindungen, Gefühle
und Gedanken real sind. Nur das kann der Boden sein, auf dem wir
stehen. Wir landen damit in der Welt der energetischen Tatsachen.

Wir haben diese Dinge in die Welt der subjektiven Vorstellungen verbannt.
Das resultiert in der Idiotie der Annahme, dass das, was die Mehrheit für
richtig hält, auch richtig sein muss. Damit wird die Unwissenheit der Masse
zum Maßstab des Handelns. Das wiederum bedeutet Degeneration. Wir folgen
dem kleinsten gemeinsamen Nenner und nehmen Dinge in Kauf, die voll-
kommen absurd sind. Wer mit wachen Augen durch das Leben geht,
findet diese Absurditäten an jeder Ecke.

Debitismus und die Sklaven der Zeit

Der Debitismus ist ein gemachtes Konstrukt. Ein gewolltes Konstrukt kann jedoch
verändert werden, in dem man etwas anderes konstruiert.

In einem Buch bin ich über ein interessantes Beispiel gestolpert: Die Bedeutung
des Freitags. Der Freitag wurde ursprünglich so benannt, weil an diesem Tag
nicht gearbeitet, sondern die Waren auf dem Markt verkauft wurden. Gleichzeitig
war es der Tag, an dem alle Rechnungen und offenen Schulden der letzten Woche
beglichen wurden. Daraus entstand das geflügelte Wort, dass für jemanden alle
Tage Freitag ist, wenn er seine Schulden an diesem Tag nicht zurück zahlen konnte.

Es ist also eine Frage der Disziplin und der Übereinkunft, seine Schulden einmal
in der Woche glattzustellen und einen Ausgleich zu schaffen. Wenn man dieser
Geschichte glaubt, dann ist es nicht schwer herauszufinden, dass der Debitismus
entstanden ist weil man dazu übergegangen war, auf Kosten der Zukunft (der Zeit)
Schulden anzuhäufen, woraus eine permanente Schuldenspirale wurde. Oder
anders gesagt: Der Kredit wurde erfunden. Das Jetzt wurde mit der Zukunft erkauft.

Um die Schuldenspirale anzuhalten, hat die Occupy Bewegung gefordert, allen alle
Schulden zu erlassen. Damit würde man wieder im Jetzt sein und müsste nicht für
die Zukunft wirtschaften. Wir wären damit keine Sklaven der Zukunft und des
selbsterschaffenen Zwanges – Kausalität – mehr.

Debitismus in seiner Endform bedeutet, dass alle ständig mehr erwirtschaften
müssen als sie brauchen, um die gemeinschaftlichen Schulden zurück zahlen zu können.
Dieses Phänomen ist heute so vergemeinschaftet worden, so dass in jedem Produkt
Steuern, Zinsen und Zinseszinsen stecken. Da diese unaufhörlich steigen, muss
ständig Wachstum erzeugt werden, damit Produkte überhaupt noch gekauft werden
können und das Leben weiter gehen kann.

Allgemein kann man sagen, dass all unser Fortschritt hauptsächlich auf Kosten der
Zukunft erschaffen wurde, während ein kleinerer Teil durch die Unterdrückung und
Versklavung anderer Völker erschaffen wurde. So verstehe ich Debitismus. Wir
sind selbst zu Sklaven unseres Systems geworden.

Irgendwann muss wieder ein Freitag kommen, an dem alle Schulden glatt gestellt
werden. Erst dann werden wir wieder in der Lage sein, Zeit sinnvoll zu nutzen.

Gruß
nemo


gesamter Thread:

RSS-Feed dieser Diskussion

Werbung

Wandere aus, solange es noch geht.