ad fontes - aber dann doch an die tiefen... denn: De profundis clamavi ad te, Domine.
Also geht’s nicht, lieber CM – bzw. geht’s so schon, es ist sogar common practice, so zu handeln – aber dient es dem Geist des Gelben, Aufklärung und Wissensweitergabe?
Das Eine ist Deine Argumentation, die mir gegenüber nereus die schwächere zu sein scheint – denn Du ziehst Dich auf diesen „Verbrechen ist Verbrechen – egal, ob hundert oder eine Million“ -Grundsatz zurück, denn ich auch schon anderswo gehört habe.
Will sagen, nach Deiner Sicht mache es keinen Unterschied, ob ein Terrorregime wie das der Nazis 300.000 oder 6 Mill umgebracht habe. Dem möchte ich wiedersprechen: Es macht sehr wohl einen Unterschied! In einem Falle ist das Verbrechen monströs, im anderen Falle auch, doch wäre es gleichzeitig weniger oder gleich monströs wie ein oder mehrere Bombenangriffe der Alliierten!
Und die Dinge zu Faurisson verwundern mich: Du bringst ein Buch, in dem zwei Belege gebracht werden, dass auch Faurisson „mal etwas weglassen würde“. https://books.google.de/books?id=_yLm_cHp_REC&pg=PT201&lpg=PT201&redir_esc=...
Die Beispiele im Buch sind dabei wie folgt:
Beispiel 1: Er habe in einem Krematorium von Auschwitz II gefragt, ob dieses authentisch sei und, als die Antwort von jemandem vom Museumspersonal bejaht worden war, einen Finger über die Öffnung des Ofens gewischt- dabei habe sich kein Ruß bei ihm abgesetzt, er habe dies dem Angestellten des Museums gezeigt und der habe zugegeben, dass das Krematorium ein Nachbau sei.
Allerdings sei es (nach dem Autor des verlinkten Buches) nach den Photographien des Museums schon vorher klar gewesen, dass dies ein Nachbau gewesen sei – mithin schmücke sich Faurisson hier mit fremden Federn.
Beispiel 2: Faurisson sei in einem Radiointerview gewesen, wo auch ein Holocaust-Überlebender war, welcher vom Gastgeber als Häftling von Auschwitz von April 1943 bis April 1945 vorgestellt worden sei. Das habe Faurisson aufgegriffen und klargestellt, dass Auschwitz im Januar 1945 befreit worden sei. Faurisson habe dann später berichtet, dass der Überlebende beschämt zugegeben habe, dass er im Januar 1945 nach Buchenwald transferiert worden sei – und Faurisson habe dies zum Anlass genommen, zu sagen, dass, wer über eine Sache lüge, auch über andere lügen könne.
Der Autor des Buches argumentiert auch hier ähnlich wie beim vorherigen Beispiel, dass es doch Allgemeinwissen sei, dass Auschwitz 1945 im Januar befreit worden sei – es also höchstens ein Missverständnis des Gastgebers gewesen sei, was Faurisson als Lüge bezeichnet habe.
Bei beiden Sachen wird Faurisson in Deinem Buch vorgeworfen, dass dieses Verhalten typisch für Holocaust-Leugner sei.
Nun ist mein zarter Einwand der: Das sind doch völlige Nebenkriegsschauplätze! Wenn schon, so müsste man Faurisson et al da wiederlegen, wo sie gewichtige Argumente bringen (wenn sie denn welche haben – ich kenne sie nicht)! Das sehe ich hier aber nicht – und auch in Deinen ganzen Ausführungen bisher nicht. Stattdessen bringt man belanglose Dinge als Nachweis, dass hier Leugner am Werke seien. Aber wo sind die WIRKLICHEN Argumente der Leugner – im Detail?
Wenn Faurissons einziges Argument gegenüber dem Holocaustüberlebenden das war, dass dieser im April 1945 nicht mehr in Auschwitz gewesen sein konnte, war dies sehr schwach – nur: War es das? Oder was hat Faurisson noch in diesem Radiobeitrag gesagt? Wenn das sein einziges Argument gegen den Mann war, war es, wie gesagt, denkbar schwach – aber dazu müsste man, wenn schon, den ganzen Text des Interviews zeigen – oder gewichtigere Argumente bringen. So kommt es mir wie Nebelkerzen vor, eine bewußte Diskreditierung mit schwachen Argumenten.
Ich will zum Abschluss zwei Gegenbeispiele bringen, die mir bei einer aufgrund Deines Beitrags spontan gestarteten Recherche mal aufgefallen sind:
Faurisson hat sich offenbar mit Hilbergs „Destruction of the European Jews“ - kennst Du ja sicher, dem großen Standardwerk zur Judenvernichtun - kritisch auseinandergesetzt. Das hatte ich selber mal gelesen und war beeindruckt von der enormen Fülle an Quellen gewesen. https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Vernichtung_der_europ%C3%A4ischen_Juden
In einem Videoausschnitt einer Rede von Faurisson, ging dieser auf einen gewichtigen Kritikpunkt ein: https://www.youtube.com/watch?v=V--F3_MTMeE (Hier ab Min 05.53).
Und zwar sei ihm, Faurisson, aufgefallen, dass Hilberg in der ersten Ausgabe von 1961 angegeben hatte, dass Hitler zwei Befehle zur Judenvernichtung gegeben habe – ohne irgendwelche Quellenbelege.
Wie heute allgemein bekannt ist, hat es nie einen schriftlichen Befehl zur Judenvernichtung gegeben - nicht von Hitler, nicht von Himmler oder sonst jemandem. Ich habe in das Buch hineingeschaut und es stimmte- Hilberg behauptete in seinem Buch tatsächlich, Hitler habe zwei Befehle zur Judenvernichtung gegeben (einen im März 1941 zur Erschießung von Juden durch die Einsatzgruppen und dann einen weiteren zur Vernichtung aller Juden).
Faurisson hatte 1985 die Freude, Hilberg über den Anwalt Doug Christie, welcher Ernst Zündel in Toronto beim ersten Zündelprozess verteidigte, das unter die Nase zu reiben, der schließlich zugab, dass es diese Befehle nicht gegeben habe (Hilberg war in Toronto als Zeuge geladen gewesen). Das kann man im Protokoll des ersten Zündelprozesses nachlesen. http://www.worldcat.org/title/between-her-majesty-the-queen-and-ernst-zundel-before-the...
In der aktuellen Ausgabe von „The destruction of the european Jews“ findet sich der Hinweis auch nicht mehr. Eins zu Null für Herrn Faurisson.
In einem weiteren Video fand ich noch einen sehr viel amüsanteren Fall - https://www.youtube.com/watch?v=pxjCA42aVT0 Hier ab Min 05.00).
Und zwar hatte Hilberg wohl 1983 in einer Rede gesagt, dass es kein Budget für die Judenvernichtung gegeben habe, keinen Plan, keine zentrale Leitstelle, sondern dass man eben Schritt für Schritt vorgegangen sei – die deutsche Bürokratie habe sich gewissermaßen in einem „Verknüpfen des Bewusstseins“ ohne Befehl, ohne Anordnung etc. spontan der Judenvernichtung zugewandt.
Hier der Wortlaut im Original:
“But what began in 1941 was a process of destruction not planned in advance, not organized centrally by any agency. There was no blueprint and there was no budget for destructive measures. They [these measures] were taken step by step, one step at a time. Thus came about not so much a plan being carried out, but an incredible meeting of minds, a consensus — mind reading by a far-flung bureaucracy.†Hier findet man es in den Kommentaren – leider habe ich dafür keine Originalquelle. http://forward.com/culture/134058/lies-and-provocation/
Die Nazis also als Spiritualisten. 2:0 für Herrn Faurisson. Dass der sich darüber lustig gemacht hat, kann ich ihm nicht verdenken. Beide Dinge waren durch kurze Recherche im Netz herauszufinden.
Welche „Fehler“ hier schwerer wiegen, also der Ruß im Krematorium oder der Verweis auf den Hitlerbefehl, überlasse ich den Lesern.
Das Problem, welches nereus ansprach, bleibt bestehen: Solange es keine offene Debatte gibt, werden Fragen bleiben – sowie (Vor)Verurteilungen und ein hysterischer Umgang (grade auch im Strafrecht) mit einem Thema, welches wohl nach unserem Tode neue Bewertungen erfahren wird. Und eben der hysterische Umgang ist auch der Grund, dass ICH mich mit dem Thema nicht tiefer auseinandersetzen will – ich fürchte, ich würde dann immer neurotischer, ich meine, nereutischer werden.
Beste Grüße
K_v_S
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Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.
Karl Valentin