Immer noch Flintonization

Hinterbänkler, Schweiz - tief im Emmental, Donnerstag, 03.09.2015, 01:32 (vor 3795 Tagen) @ azur5185 Views

Darin beschreibt er das, was Du sagst. Es gab sozusgen Üblichkeiten,
Gepflogenheiten, die durchaus verbindlich waren, aber keine Abstraktion. Es
wird also Abmachungen gegeben haben, aber kein Vertrag, der aber im Kern
ein verbindliche Abmachung ist. Es gab sicher die Vorstellung von Dingen
die zu tun sind, aber nicht als Erfassen von Rechten und Pflichten (oder
gar Niederlegungen und Durchsetzung: Also Gesetzgebung und Rechtsstab). Es
gab sicher die Vorstellung, dass eine Geschenk beim Beschenkten verbleibt,
oder etwas nach einem Tausch, aber nicht abstrakt als Eigentum (das ja ein
Rechtsinstitut ist, und mithin erst mit dem Recht erscheint). Aber eine
Vorstellung von zu etwas gehören (Stamm, Sachen des Stammes, Nachwuchs),
also auch fremd und eigen.

Wie auch bei Uwe Wesel über die Nuer zu lesen, gab es auch in
vorrechtlichen Gesellschaften Gepflogenheiten, Üblichkeiten und
Mechanismen, was bei Verletzungen zu tun ist. Das sind die Bausteine
dessen, was das Recht später regelt. Aber eben nicht abstrakt.

Wie gesagt, das Recht regelt Dinge, die im Leben an sich vorhanden sein
müssen. Es erfindet sie nicht. Eine gewisser Grad von Abstraktion und
Vorstellungswelt muss erst erreicht sein, damit man Verträge usw. als
solche erfassen kann (wie gsagt: Im Kern schlicht eine verbindliche
Abmachung, auf der Grundlage von Versprechen.), aber deren Gegenstände
sind schon vorhanden.

Lieber azur,

danke für die ausführliche Würdigung und Bestätigung meiner Gedanken und für das zusätzliche Material.
Den Artikel von Engels werde ich demnächst mal gerne lesen.
Im Moment möchte ich jetzt bei Deinen Ausführungen nur zu den von mir oben zitierten Stellen Anmerkungen machen.

Tausch:
Da bin ich mir nicht so sicher, ob sowas überhaupt stattgefunden hat.
Das würde bedeuten, dass man bereits Dingen einen mit anderen Dingen vergleichbaren Wert zugemessen hat.
Ich glaube, das war wie noch heute (manchmal) beim Sex, wo man Zärtlichkeiten austauscht, ohne sie zu bewerten bzw. aufzurechnen.
Es war einfach eine Frage der Lust zu geben.
Teilen (Geben und Nehmen) war wie ein Gespräch, das hin- und herfließt.

Mein Vater war Pioniermissionar auf irgendwelchen kleinen Südseeinseln vor und während des 2. Weltkriegs.
Als er bei den 'Wilden' neu ankam, saßen nach einem Fischfang alle Erwachsene im Kreis und jemand verteilte die Fische reihum.
Er fing irgendwo an und die Reihe hörte nach dem letzten Fisch irgendwo auf.
Jemand konnte also aufgrund des Verteilprinzips beispielsweise 3 kleine Fische bekommen und sein Nachbar 4 große.
Es gab nie irgendwelche Diskussionen oder Neid (Nach erfolgreicher Mission dann allerdings schon [[zwinker]] ).
Ich glaube, dass dort keinerlei Bewertung stattfand.
Allerdings baten die Häuptlinge meinen Vater ihnen das Rechnen beizubringen, da sie das Gefühl hatten, vom regelmässig vorbeischauenden japanischen Händlerboot (Reis gegen Sisal) übers Ohr gehauen zu werden.
Es war ein unbestimmtes Gefühl, da sie wirklich keine Vorstellung von Wert und Gegenwert bzw. der Vergleichbarkeit hatten.

Vorstellung von zu etwas gehören:
Auch das glaube ich nicht.
Es war keine Vorstellung zu etwas zu gehören, sondern der Mensch vom anderen Stamm sah einfach anders aus (Moden, Ritzungen, Waffen...).
Er war einfach fremd.
Der aus dem eignen Stamm war einfach bekannt.
Es ist einfach eine instinktive Sache des Wohl- bzw. Irritiertfühlens.
Man brauchte da nichts Abstraktes wie beginnende Eigentumsgefühle 'zu etwas gehören'.

Mechanismen, was bei Verletzungen zu tun ist:
Auch das glaube ich nicht.
Verletzungen von Gepflogenheiten waren nicht unerlaubte Handlungen die sanktioniert wurden.
Man war sich der Gepflogenheiten nicht bewusst.
Man hat einfach gelebt, wie man sozialisiert wurde.
Wenn einer aus diesen Gepflogenheiten 'ausbrach', war er einfach ein Zauberer oder modern 'Innovator'.
Wenn solch eine Innovation anderen gefiel (Wohlfühlen) wurde sie eben begrüßt und ins Leben integriert, wenn nicht (Unwohlfühlen) hatte sie keine innovierende Kraft und wurde schnell vergessen.

Ich behaupte, dass alles viel direkter war.
Man hatte eben keine Vorstellungen von Wert, Tausch, Zugehörigkeit oder Gepflogenheiten sondern fühlte sich einfach wohl (stark, lustvoll...) oder unwohl.

Danke und Gruß
Hinterbänkler

Nietzsche:
Im "An-sich" gibt es nichts von "Kausal-Verbänden", von "Notwendigkeit", von "psychologischer Unfreiheit", da folgt nicht "die Wirkung auf die Ursache", da regiert kein "Gesetz". Wir sind es, die allein die Ursachen, das Nacheinander, das Für-einander, die Relativität, den Zwang, die Zahl, das Gesetz, die Freiheit, den Grund, den Zweck erdichtet haben; und wenn wir diese Zeichen-Welt als "an sich" in die Dinge hineindichten, hineinmischen, so treiben wir es noch einmal, wie wir es immer getrieben haben, nämlich mythologisch.

--
...und es gibt überhaupt gute Gründe dafür, zu mutmassen, daß in einigen Stücken die Götter insgesamt bei uns Menschen in die Schule gehen könnten. Wir Menschen sind - menschlicher ...

Friedrich Nietzsche 'Jenseits von Gut und Böse'


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