Kinderlosigkeit

Leserzuschrift, Freitag, 12.02.2016, 13:43 (vor 3648 Tagen) @ Blue6693 Views

Liebes Forum,

ich lese schon lange mit und bringe mich jetzt zum ersten Mal aktiv ein, da blue in ihrem Kinderlos-Thema ein Reizthema angsprochen hat, das auch in meinem Leben Bedeutung hat.

Im Gegensatz zu Blue wollte ich Kinder und war zweimal schwanger. Beide Kinder habe ich verloren und ich bin jetzt mit einem Mann verheiratet, der keine Kinder zeugen kann.
Wir haben genügend Geld, sichere Berufe und würden uns sehr über ein Kind freuen, aber wir sind zu alt für eine Adoption und wollen nicht zu Tätern an Drittweltfrauen werden (Eizellspende, Leihmutter etc).
Ich liebe meinen Mann zu sehr als dass ich mir einen anderen Mann suchen wollte, um doch noch eine Familie zu gründen. Mit 38 ist das auch gar keine Frage mehr.

Es verletzt mich und meinen Mann, wenn man uns unterstellt, dass wir nur materiellen Zielen nachjagen würden. Mich als Frau verletzt es, wenn kinderlose Frauen als unvollständig gesehen werden und man ihnen eine fehlgeleitete Emanzipation unterstellt. Und man tatsächlich fordert, Kinderlose sollten sich selbst um ihre Rente kümmern.

Auch Aussagen, die implizieren, dass nur Eltern wahres Glück kennen oder wir im Alter alleine sein werden und erst später erkennen werden, was der Sinn dieses Lebens war, sind verletzend und machen uns trotzig.

Wir haben es uns nicht ausgesucht und vom Genderwahn halte ich nichts, ebensowenig vom Auseinanderdriften der Familien in unserer Single-Gesellschaft.

Manche Aussagen zu diesem Thema werden irgendwann dazu führen, dass wir jedes soziale Engagement zurückfahren und tatsächlich selbst so vorsorgen, dass wir nie auf eine unsolidarische Gesellschaft angewiesen sein werden.

Wir sind nicht so hedonistisch egozentrisch, wie es kinderlosen Dinks häufig unterstellt, aber dieser ständig präsente gesellschaftliche Neid auf kinderlose, gutverdienende Paare wird uns möglicherweise zu Egomanen machen.
Der Neid ist nicht hier im Forum, aber latent immer wieder in der Gesellschaft zu hören und zu spüren.

Wir sind gerne bereit, weiterhin sehr hohe Steuern für Familien zu bezahlen, erwarten dafür aber Respekt und keine Abwertung.

Niemand kennt die Geschichten, die hinter Kinderlosigkeit stecken. Nicht jeder wird einem Fremden die Wahrheit offenbaren.

Noch sind wir sozial engagiert, wir pflegen die Schwiegereltern und sind in der Obdachlosenhilfe aktiv.
Aber die Diskussion wird immer verbohrter geführt und manche Familienväter (auch Mütter) definieren sich über ihre Kinder und tragen ihr Familienglück wie eine Monstranz vor sich her. Damit meine ich nicht echte Freude, die ich sehr schön finde, sondern die immer häufiger anzutreffende Variante, die Kinder als Statussymbol beinhaltet.

Die Kinderlosigkeit als solche belastet uns inzwischen nicht mehr. Wir können ein Schicksal als solches akzeptieren und ich denke, dass der Sinn des Lebens auch darin liegt, dieses Leben zu leben und das Beste aus den Gegebenheiten zu machen. Damit sind wir sehr glücklich.

Das Leben wäre leichter, wenn Lebensentwürfe nicht immer wieder gegeneinander aufgerechnet würden. Warum nicht lieber voneinander profitieren und lernen?

Diese Diskussion Kinderlos-Familien ist nur ein weiterer Spaltpilz in einer fragilen Gesellschaft.
Wir werden in Zukunft weitaus größere Probleme haben und sollten uns an Solidarität erinnern.

Herzliche Grüße.


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