Warum ich kein Kind bekommen habe

Blue, Donnerstag, 11.02.2016, 12:40 (vor 3649 Tagen)11293 Views

In der letzten Zeit liest man hier im Forum sehr oft, dass die deutsche Frau schuld am derzeitigen Übel in unserem Land hat, weil sie sich weigerte, Kinder in die Welt zu setzen. Ich kann nicht für alle Frauen sprechen und meine Worte werden dem ein oder anderen höchst sauer aufstoßen. Aber mir persönlich geht es langsam so unendlich auf den Zeiger, jetzt die Sündenziege für das menschliche Versagen im Allgemeinen zu sein, dass ich mich gezwungen sehe, meinen Senf hier einzustellen.

Ich habe mich aus mehreren Gründen gegen ein Kind entschieden:

1. Als ich auf die Welt kam, zählten wir 3,5 Milliarden Menschen.
Als ich in das Alter kam, um eine Familie zu gründen, gab es schon sechs Milliarden. In der Zwischenzeit war Tschernobyl explodiert, der Aralsee fast verschwunden und Madagaskar zu 90% von seinem Regenwald befreit, um nur ein paar Beispiele zu nennen.
Ich persönlich fand die Rechnung irgendwie unerquicklich. So unerquicklich, dass ich nicht wußte, was ich meinem Kind erzählen soll, wenn es mich dereinst fragt, warum wir soviel kaputt gemacht haben.

2. Von meinem Vater kenne ich eigentlich nur seinen Rücken. Ich bin ihm 25 Jahre lang hinterhergelaufen, in der verzweifelten Hoffnung, er möge mich irgendwann doch noch einmal lieb haben. Und wie das so ist, brennen sich solche Muster derart ins Hirn ein, dass man auch im Erwachsenenalter dazu neigt, sich Männer zu suchen, die dem Verhalten des eigenen Vaters entsprechen. Bis heute fand ich also niemanden, der emotional ausgereift genug gewesen wäre, sich der Aufgabe „Kind“ zu stellen. Im Gegenteil, gab es einen prozentualen Überschuss an männlichen Individuen, die selbst kein Kind wollten.

3. Ich gehöre unglücklicherweise zu den Frauen, die die wachsende gesellschaftliche Gleichstellung zwischen Männern und Frauen als Ansporn sah, ihre Träume zu verwirklichen. Die da waren: Motorrad - Rennen fahren, einen technischen Beruf ergreifen, meine geistig – seelische Entwicklung voran zu bringen. Auf diesem Weg jedoch ließ ich derart viele Federn, dass meine psychischen Flügel schlicht und einfach nicht mehr stark genug waren, ein Kind zu tragen. Denn die Gleichstellung macht sich prima auf dem Papier; in der Praxis jedoch hatte ich täglich gegen altbackene Vorurteile anzukämpfen. Selbst heute noch, probiert man, mich in der Autowerkstatt über den Leisten zu ziehen, weil „Frau hat ja eh keine Ahnung, von Technik“.

4. Die wachsende Lieblosigkeit zwischen den Menschen, das Sterben der Romantik, der Ausverkauf von individuellen Lösungen mit dem Preis von unfassbar primitiver Massenproduktion, der Verfall unseres Bildungssystems, die massiv um sich greifende Totalüberwachung, die Gefahr, mein Kind unter Drogen (Ritalin) setzen zu müssen, wenn es sich ähnlich temperamentvoll wie ich entwickelt, mal abgesehen von der panischen Angst, dass es ein ebensolcher Außenseiter wird wie ich, weil ich ihm das selber Denken wohl beigebracht hätte.


Tja, so sieht es aus. Wenn Sie dann jetzt immer noch denken, deutsche Frauen seien bloß zu faul oder zu egoistisch, Kinder zu bekommen und man müssen ihnen jetzt die Schuld für den demographischen Wandel geben, bitte sehr. Auf eine etwaige Diskussion werde ich mich jedenfalls nicht einlassen. Denn solange Menschen das Thema „Schuld“ nicht aus ihren Köpfen bekommen, sind Menschen wie ich sowieso fehl am Platze.


Mit freundliche Grüßen
Blue


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