Meine Sichtweise der Dinge

helmut-1, Siebenbürgen, Freitag, 12.02.2016, 03:42 (vor 3649 Tagen) @ Blue6797 Views

Ich hab mir das alles mal reingezogen und erst mal eine Weile darüber nachgedacht, bevor ich auch meinen Senf dazu gebe, - wie Du es nennst.

Prinzipiell akzeptiere ich immer die Anschauung meiner Mitmenschen. Ob ich sie für mich übernehme, steht auf einem anderen Blatt. Aber ich darf mir erlauben, die Argumente mal unter die Lupe zu nehmen, - aus meiner Sicht.

Der Hinweis auf die Herkunft des Vaters sowie andere Familienzusammenhänge ist für mich kein begreifbarer Grund. Jeder Mensch formt sich aus genetischen Motiven und durch seine Umwelt. Meistens ist das 50:50. Es liegt also schon an einem selbst, welchen Weg man beschreitet.

Auch für mich hatte niemand Zeit, als ich klein war. Meine Mutter als alleinerziehende war dauernd im Restaurant meiner Großmutter, - ich war mir selbst überlassen, auch dann, als ich krank im Bett lag. Das bewirkte zwar eine jahrzehntelange Disharmonie zu meiner Mutter, - aber es beeinflußte nicht mein familiäres Konzept. Genauso waren um mich herum in familiärer Hinsicht zum überwiegenden Teil Alkoholiker, in allen Facetten. Trotzdem lehne ich den Alkohol nicht ab, - sondern verwende ihn als Genußmittel. Das nur als Beispiel.

Bei Deiner Erzählung kam mir ein Gespräch mit einer Bekannten hier in Rumänien in Erinnerung, - genauso vom Westen zugezogen wie ich auch. Ich diskutierte mit ihr, warum meine beiden großen Kinder auch mit über 40 immer noch in losen Verbindungen leben und mir bis jetzt noch keine Enkel präsentiert haben. Anders mein Jüngster, - der fast 20 Jahre jünger ist. Der hat da ganz andere Vorstellungen, - träumt von einer Familie, weiß, dass er erst mal seine Ausbildung fertigmacht, weil er erst dann eine Familie ernähren kann, usw.

Ich diskutierte mit meiner Bekannten, warum der Jüngste so anders ist als seine Geschwister. Sie meinte, bei ihr sei es ähnlich, - und sie wäre zu einem bestimmten Schluß gekommen: Es würde einfach mit dem Umfeld zusammenhängen, in dem ein Kind aufwächst. Meine beiden Großen wuchsen in Deutschland auf, - der Jüngste in Rumänien. Hier wäre des Pudels Kern. So nachteilig manchmal die Umstände auch in diesem Land sind, - aber die Uhren gehen hier noch etwas anders, - so , wie es früher auch mal in Deutschland war.

Hier kann man dem Lehrer nicht auf den Tisch sch..en, hier bekommt man noch Respekt beigebracht, hier wird noch das gemacht, was Vater und Mutter sagen, hier sieht man noch die Kuh auf der Weide und nicht nur auf einer Buchseite, hier kann man auch nicht von zuhause abhauen und mit irgendeinem Vorwand zum Jugendamt gehen, damit die Eltern verpflichtet werden, dem Sprößling eine eigene Wohnung zu unterhalten, - da würde man höchstens von der Behörde ausgelacht.

Ich weiß es nicht, ob es daran liegt, - aber ich habe mich an das Gespräch erinnert, als ich das gelesen habe. Kann es sein, dass man in einem Land, in einer Umwelt, wo alles übertrieben und bald nicht mehr "normal" ist (ohne zu wissen, wie man dieses Wort eigentlich richtig definiert), ein anderes Verhältnis zum Thema "Familie" entwickelt als dort, wo es noch einfacher zugeht?

Eines weiß ich aber: Ich hab in meinem Leben viele Leute getroffen und mich mit ihnen unterhalten, meist auch ältere. Die Unabhängigkeit, die man sich durch Kinderlosigkeit schafft, hat eine Faszination für sich. Aber sie verkehrt sich ins Gegenteil, wenn man ins Alter kommt. Irgendwann realisiert man dann, dass man völlig allein ist und es dabei keinen Weg zurück gibt. Wenn man der Typ ist, der sich dann in einer Altenaufbewahrungseinrichtung zurechtfindet, dann geht das noch an. Ich könnte das nicht. Deshalb wurde auch bei allen Elternteilen dafür gesorgt, dass sie eben nicht in so eine derartige Einrichtung in ihrer letzten Lebensphase kommen müssen. Derzeit ist die Schwiegermutter dran, - und ich finde es normal, hier Präsenz zu leben, - obwohl das uns in unserer Bewegungsfreiheit ziemlich einschränkt.

Aber mich freiwillig in so eine Einrichtung zum Abnippeln zu begeben, - da wüde ich schon dafür sorgen, dass es gar nicht erst soweit kommt. Gibt genügend Möglichkeiten, die auch nicht einmal weh tun. Das ist leider die Endstation, wenn man keine Kinder hat. Oder Kinder hat, die man nicht so erzogen hat, dass sie gelernt haben, worauf es im Leben ankommt.

Natürlich haben wir keine Kinder in die Welt gesetzt, damit wir im Alter jemanden in der Nähe haben, - da waren ganz andere Beweggründe vorhanden, - genauso wie viele Glücksmomente, während sie aufwuchsen. Natürlich gabs auch weniger schöne Erlebnisse, - aber die Natur des Menschen bringt es mit sich, dass im Laufe der Zeit die negativen Erlebnisse verblassen und die schönen verklärt werden. Daneben gibts noch ein ganz bestimmtes Gefühl als Vater, wenn man die drei, die ja alle voneinander mit einer räumlichen Entfernung von mehr als 1000 km leben, mal zusammenhat und mit denen z.B. über einen Weihnachtsmarkt geht. Weiß zwar nicht, wie man das Gefühl nennt, aber ich kenne es sehr gut.

Ich musste das so dezidiert erklären, damit Du mich verstehst, wenn ich Dir sage, dass ich Dich wirklich nicht beneide. Aber ich wünsche Dir trotzdem alles Gute!


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