Tragik?

Weiner, Donnerstag, 11.02.2016, 19:21 (vor 3649 Tagen) @ Taurec6962 Views

Hallo Taurec,

was die "Pyramide des kulturfähigen Menschen" sein soll, weiß ich natürlich nicht. Eines aber weiß ich sicher: dass der kulturfähige Mensch überhaupt nicht verschwindet. Denn der Mensch wird zum Menschen erst durch die Fähigkeit zur Kultur bzw. (präziser ausgedrückt) durch die Fähigkeit, kulturelle Traditionen zu erschaffen (eine Mischung von erfinden und schöpfen) und weiterzugeben. Die Weitergabe, die durch verschiedene Verfahren des Lehrens und Lernen bewerkstelligt wird, ist dabei so wichtig wie die erstmalige Erfindung einer Kulturtechnik und ihre Optimierung, denn erst durch die Weitergabe entsteht Tradition sowie die (synchrone wie diachrone) Verkettung. Die Fähigkeit, ein Feuer anzuzünden, ist eine derartige kulturelle Tradition, vermutlich ist es die älteste, die der Mensch kennt, denn mit Steinen und Stöcken hantieren auch die Affen. Daneben gibt es Millionen andere Kulturtraditionen: jedes Wort einer Sprache ist eine Tradition für sich, jede Melodie und jede Harmonie (im Kontext eines Musikstiles, der wiederum ein Komplex von Traditionen ist). Weil es so wichtig ist: der Mensch ist per se kulturfähig. Diese Eigenschaft trennt ihn am deutlichsten von Tieren. Ich verstehe das "sapiens" somit als Befähigung zur Kultur.

Wovon Du immer redest ist die Hochkultur und die Zivilisation. Das ist etwas ganz, ganz Anderes. Hier läufst Du Spengler hinterher, in ähnlicher Weise wie @Blue ihrem Vater: Du siehst immer nur seinen Rücken, betest vielleicht ihn an, jedenfalls nach. Das bringt Dich wirklich nicht weiter! Versuch mal herauszufinden, wo er sich seine Kulturtheorie geholt hat (die er selbstverständlich viel wortgewaltiger ausdrückt als seine Vorläufer). Und versuch mal, die ganze Sache ein wenig in die übrige Realiltät des Menschlichen und der Natur einzuordnen.

Da gibt es beispielsweise das Phänomen, dass sich Menschen zu großen, ja zu sehr großen Gruppen zusammenschließen können. Und innerhalb dieser Gruppe werden dann bestimmte kulturelle Traditionen erschaffen, räumlich und zeitlich weitergegeben und dabei optimiert und entfaltet. Das Gesamtmuster dieser kulturellen Traditionen kann man dann, und das macht Sinn, "die Kultur" dieser Gruppe nennen. Nehmen wir dazu einen Hottentottenstamm in Südafrika. Ich schätze mal, dass er über 10.000 einzelne Kulturtraditionen (vom Feuermachen bis zum gemeinschaftlichen Medizin- und Trancetanz) in seinem kulturellen Inventar hat.

Du wärst nun nicht bereit zu sagen, die Hottentotten hätten eine Hochkultur. Ich eigentlich schon (vor allem wenn man sie mit einer Pavianherde vergleicht). Aber es ist klar, dass beispielsweise die klassische ägyptische Kultur von 3000 bis 1000 v.Chr. nicht nur quantitativ sondern auch qualitativ hier etwas Neuartiges ist. Quantitativ gesehen haben wir im Falle einer solchen Hochkultur mindestens eine hohe sechsstellige Zahl von elementaren kulturellen Techniken bzw. Traditionen in der Gruppe. Die sind so zahlreich, dass nicht jedes Individuum alle Traditionen insgesamt erlernen kann. Das geht vielmehr nur "arbeitsteilig" und in Kooperation. So ist eines der qualitativen Merkmale der Hochkultur eine damit gekoppelte soziale Organisation. Bisher war das meist ein Staatssystem, das auf Formen der Herrschaft basiert (was aber nicht zwingend ist). Fast alle mir bekannten Hochkultursysteme sind durch eine (kriegerische) Überlagerung zweier Bevölkerungen entstanden, der neue europäischen Zyklus beispielsweise u.a. durch die in die Galloromania eindringenden Franken.

Die Arbeitsteilung und die Herrschaftsstrukturen führen zu genetischen Selektionen und Driften, im ungünstigen Falle zu Klassen und Kasten. Dies ist eine erste Gefahr für die innere biologische Stabilität der Gruppe. Eine zweite Gefahr entsteht durch die permanente nervliche und körperliche Anspannung, die das intensive Leben in der dichten und aktiven Gruppe mit sich bringt. Am besten kann man das bei den staatsbildenden Insekten sehen: die Arbeitsteilung wird dort so weit getrieben, dass auch die Fortpflanzung monopolisiert ist. Diese Tendenzen sind auch im Menschlichen so angelegt und prinzipiell möglich (erste Anzeichen im 20. Jahrhundert). Wir hoffen, dass es in den kommenden Jahrhunderten nicht dazu kommt (also zu einer breiten Kaste von Arbeits- und Konsumfrauen und zu einer Kaste von Gebärerinnen, die dann womöglich nach ideologischen Kriterien ausgewählt werden).

Die Hochkulturgruppe als Ganzes unterliegt einer eigenen Ontogenese und zeitlichen Dynamik. Formal gesehen handelt es sich hier um ein neues Lebewesen, einen Organismus eigener Art (eigentlich eine absolut phantastische Geschichte, denn dieses Lebewesen hat tatsächlich ein eigenes "Bewußtsein", in der gleichen Weise wie auch unser Körper ein eigenes Bewußtsein hat - hier könnte man echt ins Philosophieren kommen ...). Das heißt nun: so wie wir selbst aus unzähligen einzelnen Zellen bestehen (überwiegend spezialisierte Zellen, aber eine jede am Anfang noch omnipotent), so besteht auch die Kultur aus einzelnen menschlichen Individuen. Wenn der König stirbt, wird ein neuer König eingesetzt, wenn der Dombaumeister stirbt, tritt der Geselle seine Nachfolge an. Wenn der Domänenbauer stirbt, übernimmt sein Sohn den Hof. Weil die Kultur ein eigenes Lebewesen ist, hat sie unter anderem auch dessen wichtigstes Kennzeichen: sterben zu müssen. Dieses Sterben sieht so aus, dass sich die Individuen nicht weiter "vermehren" und die kulturellen Traditionen nicht mehr korrekt weitergegeben, nicht mehr weiterentwickelt werden. Das ist ein ganz natürlicher Vorgang, und Du - und kein Anderer nicht - brauchst darüber ein solches Gedöns machen, wie es aus den Worten von Spengler heraustönt. Das ist mitnichten Weltuntergang sondern das ist alltägliches Brot im Lauf der menschlichen Geschichte. Neulich hörte ich einen Witz bei einer Karnevalsveranstaltung, der auch hier passt: Zwischen Hochzeit und Beerdigung gibt es nur den kleinen Unterschied, daß nämlich ein Besoffener weniger gezählt wird.

Der Unterschied zwischen Hochkultur und Zivilisation (in der Terminologie Spenglers) lässt sich wiederum im Vergleich mit den menschlichen Lebensaltern sehr gut illustrieren. Die Zivilisation entspricht in etwa dem Renten- und Greisenalter. Hier ist die Reproduktionsfähigkeit nicht nur des Gesamtorganismus eingeschränkt (Wechseljahre der Frau, statistisch gesehen auch beim Mann), sondern vor allem die einzelnen Gewebearten können sich nicht mehr so gut regenerieren. Wenn aber das Individuum gut in Form ist (sprich: gesund), dann kann es noch lange mit diesen Funktionen weiterleben ... und gute Werke tun. Byzanz beispielsweise, die Zivilisationsphase der griechisch-römischen Antike, hat fast 1000 Jahre überstanden. Das pharaonische Ägypten, dessen Hochkulturphase etwa 1100 v.Chr. zu Ende war, hat in einzelnen relevanten Traditionskomplexen bis zum Beginn der islamischen Herrschaft als Zivilisation fortgelebt (ca. 600 n.Chr.). Die chinesische Hochkultur, ungeachtet der jeweiligen Überformung durch Fremdherrscher (Mongolen u.a.), dauerte sogar bis ins 20. Jahrhundert. Ich wette also meinen Kopf darauf, dass im Jahre 4000 nach Christus immer noch Englisch und Deutsch gesprochen wird, ganz wie auch das Griechische und Lateinische noch 1500 Jahre nach dem Untergang des (west-) römischen Reiches gepflegt wurden und - Gottseidank! - immer noch gepflegt werden. Denn das Abendland geht genausowenig heute unter, wie es (von Spengler fälschlich vorausgesagt) nach dem ersten Weltkrieg untergegangen ist. Das Rentenalter des Abendlandes beginnt vielmehr im 25. Jahrhundert. Seine Entlassungsurkunde erhält es, mit einem Seufzer, genaugenommen im Sommer des Jahres 2383.

Im Kern ähnliche Entwicklungen gab es in allen untergegangenen
Zivilisationen.

ja, siehe oben.

Zur Tragik gehört,

da ist überhaupt keine Tragik, sondern hier ist die pure Natur und damit auch Vergänglichkeit am Werk. Tragisch wäre es, wenn eine Kultur vorzeitig sterben müsste, ohne sich vollkommen entfalten zu können. Das ist beispielsweise mit den Hochkulturen der Inkas und Azteken geschehen, die von den Spaniern praktisch ermordet wurden. Das kommt leider manchmal vor in der Geschichte. Wird dem Abendland aber nicht widerfahren.

Das Ruder ließe sich durch eine Kraftanstrenung (noch!) binnen weniger
Monate herumreißen. Allein es gibt zu wenige, die dazu bereit wären.
Daher wird es nicht geschehen.

Es wird geschehen, verlass Dich drauf. Ab 2020. Eine Hochkultur hat 2000 Jahre. Das Abendland ist um 500 n.Chr. geboren worden. Wir haben nach Adam Riese also noch weitere 500 Jahre. Und die werden glänzend sein!

Bitte also keine Klagelieder. Sondern Ärmel hochkrempeln.

Gruß
Taurec

Gruß, Weiner - und allseits einen schönen Abend mit Immigranten und Geburtenraten. Mit Putin und der Börse. Und mit dem Gemurksel in Berlin.


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