Die menschliche Psyche, ein komplexes, autopoietisches System, reduktionistisch "testbar"?

BillHicks ⌂, Wien, Samstag, 09.05.2015, 22:52 (vor 3903 Tagen) @ Liated mi Lefuet4463 Views
bearbeitet von unbekannt, Sonntag, 10.05.2015, 12:52

Sali Bill

Sali Liated,

…(.)…. Vielleicht kann diesen laufenden Test eine kritische
Öffentlichkeit durchführen: "An den Taten werdet ihr sie erkennen..."


Wünschbar wäre es. Aber man muss sehr genau hinschauen.

ob es selbst mit sehr genauem Hinschauen getan wäre?

Martha Stout oder
Robert D. Hare
warnen vor Psychopathen. Das Dumme ist nur: Typische, psychopathische
Merkmale sind der Öffentlichkeit kaum bekannt. Dito die Merkmale, die
auf der
Psychopathie
Check-Liste (PCL)
auftauchen, ähneln den Erfordernissen für jene
Führer-Positionen in Politik und Wirtschaft, die –sagen wir mal -
unzimperliches Vorgehen bedeuten, um die (selber) gesetzten Ziele zu
erreichen, koste es was wolle.

Ja, das verstehe ich. Und ich finde gut, dass man sich mit diesen Themen 'wissenschaftlich' beschäftigt. Allerdings fängt mein Zweifel genau dort an, bei der 'Wissenschaft' auf diesem - aber nicht nur diesem - Gebiet. Mehr dazu unten.

Mit ihren Büchern alarmieren natürlich nicht nur Hare und Stout
(Der
Soziopath von nebenan
). Sondern u.a. auch Camen Kühn´s Buch. Es
trägt den bezeichnenden Titel:
Psychopathen
in Nadelstreifen
.

Sehr spannendes Thema.

Mir lief / läuft es kalt den Rücken herunter: Psychopathen kommen
vermutlich(?) schon so zur Welt,

Was würde es brauchen um das mit Bestimmtheit sagen zu können?

Alles was ich heute über System/Umwelt vs. Subjekt/Objekt und Komplexität vs. Kompliziertheit verstanden habe sagt mir, dass Aussagen über das komplexe System "menschliche Psyche" ohne gleichzeitige Boebachtung der Umwelt(en) dieses Systems mit gaaaaanz großer Vorsicht zu genießen sind.

aus unbekannten Gründen unfähig
Empathie, Gewissenbisse, Reue, Mitleid oder Erbarmen zu empfinden.

Hm... und genau da geht es los.
Können wir alle zu jeder Zeit (mit allem?) Empathie empfinden?
Haben wir alle zu jeder Zeit Gewissensbisse?
Fühlen wir alle zu jeder Zeit Reue, Mitleid, Erbarmen?

Ich würde selbst vermutlich in keinem Test der Welt als Psychopath abschneiden, behaupte ich jetzt einfach mal so. Und dennoch: gerade in meiner aktiven Zeit als Trader gab es ganz sicher Phasen in denen ich nichts von alledem da oben empfunden habe. Da hat mich im Zweifelsfall bloß der nächste Tick (Preisfeststellung) interessiert.

Solche
Gefühle fehlen ihnen einfach, sind völlig abwesend: „abgeschaltet“
(von der Evolution?).

Also das Kriterium ist: können niemals Empathie, Reue, Mitleid, ... empfinden?

Rätselhaft: Laut Stout seien ca. 4% der Bewohner
westlicher Industrie-Staaten Psychopathen. Im Asien kämen sie aus
unbekannten Gründen rund 100 Mal weniger oft vor.

Nochmal eine Überlegung zu System/Umwelt:
Hat sich in Asien (z.B. speziell China) an den Zahlen etwas geändert über die letzten 20 Jahre? Empfände ich als spannende Information.

Mich beschäftigt seit einiger Zeit die Frage, ob „jenseits“ der PCL
weitere Ansätze existieren, Psychopathen zu identifizieren.

Ich vermute, dass - egal wie ausgeklügelt und genial die Bestimmungsmethode ist - ohne die gleichzeitige Beobachtung der Umwelt, des potentiell psychopathischen Systems, keine ernsthaft brauchbaren Informationen gewonnen werden können. Das klingt ziemlich ernüchternd einerseits, ich weiß. Andererseits hilft es ja nichts: die menschliche Psyche ist komplex, nicht kompliziert. Sie ist keine triviale Maschine (v. Förster), die sich über reduktionistische Ansätze ein für alle Mal verstehen ließe (diesbezüglich gibt es mEn völlig zu Recht Kritik an dem von Dir oben genannten Robert D. Hare).

Plausibel
scheint mir, das völlig verarmte Gefühlsleben eines Psychopathen
schlägt sich in seinem sprachlichen Ausdruck entsprechend nieder:

Ganz ehrlich Liated: ich nehme sooo viele Menschen mit "verarmtem Gefühlsleben" wahr, da reichen mEn die von Dir veranschlagten 4% gar nicht aus.

Er
verrät sich ungewollt, ähnlich wie Autisten in jedes sprachliche
Fett-Näpfchen treten, aufgrund ihres angeborenen Unvermögens soziale
Interaktions-Muster richtig zu deuten. Hättest Du weitere Ideen?

Wie gesagt: ich bin heute der Ansicht, dass auch ein noch so cleverer Test oder ein noch so cleveres Verfahren, im besten Falle genau das herausfinden kann, was im Test spezifiziert wurde.
Was ganz sicher nicht sinnvoll wäre, einem solchen Test "Gültigkeit" zu bescheinigen und dann einmal als "XYZ" erkannte Menschen endgültig so zu behandeln. Das entspricht mEn nicht dem aktuellen Stand der Wissenschaft, die sich über die cartesianische Trennung und den Reduktionismus längst zur Systemik/Kybernetik 2. Ordnung gewandelt hat. Übrigens: gerade im Bereich, in dem immer schon mit komplexen Systemen gerabeitet werden musste - in den sozialen Berufen. Einem Sozialarbeiter musste schon in den 1950ern nicht erklärt werden, dass wenn das 5 Jährige immer noch einnässt es "systemische" Ursachen haben kann. Die "Wissenschaft" hat zu der Zeit immer noch das "kaputte Teil", das 5 Jährige, versucht zu "reparieren", damit es nicht mehr einnässt.

Freundlicher Gruß
Liated

Ich hoffe ich konnte einigermaßen verständlich machen was ich meine: mir geht es nicht darum irgendwelche (psychopatischen) Verhaltensweisen zu entschuldigen. In keinster Weise.
Aber ich möchte darauf hinweisen, dass ich es nicht für nützlich halte Menschen ein Label zu verpassen. Selbst wenn damit "Verantwortliche" und "Schuldige" gefunden wären und das einiges an Erleichterung brächte. Es würde mEn auf eine bestimme Weise auch einen status quo zementieren. Einmal Label, immer Label.

Natürlich könnte jetzt Zara um die Ecke kommen und sagen: würdet ihr mal schön alle solidarisch in Gemeinschaften unterhalb der Dunbar-Nummer leben, dann würde kein einziger ein psychopatisches Verhalten zeigen. Vor allem dann nicht, wenn ihr schön entspannt und sexuell erfüllt im Ghotul aufgewachsen seid und ungepanzert geblieben seid. Recht hätte er womöglich, nur die Wirklichkeit heute ist die Wirklichkeit der Gesellschaft, die wir durch unsere Kommunikationen laufend neu erzeugen. Deshalb freue ich mich auch, dass am gelben Wochenende auch über gewaltfreie Kommunikation (obwohl ich damit bisher nur sehr perifär in Berührung gekommen bin - kann mir kein Urteil darüber erlauben) gesprochen wurde. Mehr Bewusstsein in unsere Kommunikationen bringen. Klingt sehr gut, finde ich.

Ein komplexes Thema.

Ich schick Dir beste Grüße in die Schweiz

--
BillHicks

..realized that all matter is merely energy condensed to a slow vibration – that we are all one consciousness experiencing itself subjectively. There's no such thing as death, life is only a dream, and we're the imagination of ourselves.


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