Das Hin-und-Her der Dialektik
Hallo BillHicks,
vielen Dank für Deine Antwort.
Habe mir Dein Video noch mal im Schnelldurchlauf angesehen und mein Feedback und die sich ergebenden Fragen etwas erweitert.
satte 5 Jahre habe ich kein Video mehr online gestellt. Ich hatte -
wie
ich finde - gute Gründe meine Klappe zu halten.
Nun ist es wieder so weit, weil ich heute das Gefühl habe etwas
Neues
erzählen zu können (im Vergleich zur Geschichte von vor 5
Jahren...).
Welche guten Gründe gab es für Dich?
Wenn man nichts (Neues) zu sagen hat, schweigt man lieber. Es gibt schon
genug Lärm (z.B. in Form von sprechenden Menschen, die nichts (Neues) zu
sagen haben).
Ja, wer hat schon was wirklich Neues zu sagen; wobei, wenn man missionarisch unterwegs ist, braucht es nichts Neues.
Was aber eigentlich immer geht ist das Erzählen einer Geschichte.
Was ist das Neue?
Vom Hin-und-Herpendeln (Goldstandard/Libertarismus, Freigeld, Vollgeld,
einzelwirtschaftliche Eigentumsökonomik, ...) zur Dialektik (übrigens
kein dialektischer Materialismus! Marx übersieht ja gerade durch seine
materialistische Brille die zentrale Rolle des ganz und gar nicht
materiellen Rechts (auch wenn es diesen Begriff - "materielles Recht" - in
der Juristerei gibt, bedeutet dort aber etwas anderes).
Dialektik ist ein unbestimmter Begriff. Kannst Du Deine Dialektik beschreiben?
Deinen neuen Ansatz beschreibst Du mit:
Systematische historisch- und kulturvergleichende Synthese mit dem Ziel, eine neue europäische Ökonomie zu beschreiben.
Dabei sollen weder Reduktionismus (Systembeschreibung beginnend von einem Ur-Axiom) noch Holismus (alles hängt mit allem zusammen – deshalb zu komplex und nicht beschreibbar) gedacht werden.
Bist Du letztlich in den vergangenen 5 Jahren von der Erkenntnis geküsst worden, daß es neben der ökonomischen Betrachtungsweise auch Disziplinen wie die der Historiker, Soziologen, vielleicht sogar Philosophen gibt und der sich immer mehr ausfächernde Baum der Komplexität von den Ökonomen weder übersehen noch beschrieben werden kann?
Und wie willst Du die Komplexität erklärend reduzieren, wenn Du sagst, daß Wirtschaftskrisen ein Kulturereignis sind, also kein rein ökonomisches?
Welche Disziplinen willst Du einbeziehen?
Habe mir Deinen Vortrag mit Interessen angesehen.
Der Start „Ich möchte eine Geschichte erzählen“ hat mich schon
hoffen lassen, endlich eine/Deine Uckmuck-Geschichte zu hören.Bin dann doch etwas enttäuscht worden.
Vielleicht musste diese Enttäuschung kommen, weil ich die eine
Geschichte schlicht nicht habe und es diese - nach meinem Verständnis von
Dialektik heute - wohl auch nicht geben wird?
Da bin ich völlig bei Dir – die eine Geschichte habe ich auch nicht erhofft, eher Deine Geschichte.
Die Entwicklung Animal Hunting - Animal Farming - Man Hunting - Man
Farming,
Gewalt Mensch gegen Tier und nachfolgend Mensch gegen Mensch mit der
unbedingten Betonung der Gewalt kam mir deutlich zu kurz.
"Wir sind alle arme Opfer!"
"Wir werden 'gefarmed'!"
"Die Gewalt muss weg, dann kommen wir ins Paradies."Was wäre an dieser Geschichte neu gewesen?
Die "wir sind die armen Opfer"-Geschichten werden doch rauf und runter
erzählt. Übrigens auch - für meinen Geschmack viel zu häufig - in
unserem Forum.
Nichts mit arme Opfer. Die Charismatiker waren und sind so überzeugend, daß alle mehr oder weniger freudig mitgemacht haben.
Deine Aussage:
"Nein, 'gewollt' werden musste der Staat von der Bevölkerung nicht. Tatsächlich haben sich die Gewaltmonopole, die Staatlichkeit, in Europa nicht auf Basis eines "Gesellschaftsvertrags" gebildet, sondern wurden "von oben" geschaffen, einschließlich des Privatrechts (wobei es dort schon gravierende Unterschiede gibt: Frankreich, England, Preußen)."
Für uns wäre an dieser Geschichte nichts neu gewesen, für Dein Publikum wohl eher.
Ja, es ist halt ein Debitismus-Forum, aber es steht Dir doch frei Deine eigene Geschichte zu erzählen.
Auch Deine Gegenüberstellung von öffentlichem zu privatem Recht hat
nicht betont, daß beide eine Quelle haben und beide gänzlich dem
einzigen
Sinn jeglichen Staates dienen und sich deshalb entwickelt haben:
Herrschaft einer Minderheit über den Rest mit dem Ziel der
ökonomischen
Ausbeutung.
Der "einzige Sinn"?
Ja, der einzig alleinige.
Es ist das Streben nach Frühverrentung, nach Arbeitslosigkeit, nach Harz IV auf allerhöchstem Niveau. Dieses ist innerhalb einer akephalen Gemeinschaft nicht möglich, in der soziale Regeln, Reziprozität gelten.
Und weil Raub auch für den Chef der Räuberbande noch Anstrengung bedeutete, hat er sich ein neues Geschäftsmodell einfallen lassen: Machtausübung mittels Androhung / Ausübung von Gewalt.
Dieses Geschäftsmodell existiert seit mehreren tausend Jahren, im Kern unverändert und über die Zeit perfektioniert, so perfektioniert, daß es von uns Zivilisten mehrheitlich getragen und verteidigt wird.
Ist es Deine Überzeugung, dass die griechische Polis und Rom von Beginn
an mit dem Ziel geschaffen wurden eine Minderheit ökonomisch auszubeuten?
Es ist das was letztlich passiert ist (und dazu kann man von den
obligatorischen Sklaven sogar absehen), aber war das die Intention von
Anfang an?
Ja, eine Minderheit raubt die Mehrheit ökonomisch aus. Oder ist etwas anderes passiert?
Welche andere Intention stand denn sonst an, die dann unglücklicherweise gescheitert ist?
Wozu kann Macht und Gewalt (und Sklaventum) denn sonst „Sinn machen“? Wenn alle gemeinsam, kooperativ beschließen und handeln, braucht es keinen Zwang, dann geschieht alles auf freiwilliger Basis. Und alle heißt alle, nicht nur wenige Prozent, wie es bei griechischer Polis und auch in Rom war (und überall sonst war und bis heute ist).
Ich vermute - mit Heinsohn - dass die Griechen in der Schaffung von
Freiheit, Gleichheit, Eigentum die "Wirtschaft" (samt ihrer Dynamiken) mehr
als Betriebsunfall, denn als von Beginn an absichtsvoll zu
"Ausbeutungszwecken" (o.ä.), schaffen.
Sorry, diese Überlegung eines Betriebsunfalls erscheint mir zu schlicht; „die Griechen“ waren Sklaven haltende Großgrundeigentümer, denen es um ihre Freiheit, ihre Gleichheit und ihr Eigentum ging und die restlichen 95% hatten nichts zu sagen – Demokratie pur und schnörkellos.
Dabei spielt die Art des Staates, wenn überhaupt, nur eine
untergeordnete
Rolle.
Das ist die Schwierigkeit bei "Universalgeschichten", also solchen, die
irgendwie immer passen (sollen).
Man kann dann nicht mehr differenzieren.
Deshalb spielen für Dich dann die "Arten des Staates" keine Rolle mehr.
Es gibt aber gerade dort - beim Design der Staatlichkeit - doch ganz
erhebliche, heute beobachtbare Unterschiede, findest Du nicht?
Doch, man kann differenzieren, und ja, es gibt Unterschiede in der Ausgestaltung der Staaten; es gibt aber keinerlei Unterschied darin, daß es sich bei aller Unterschiedlichkeit um Staaten handelt, um ein System von Macht und Gewalt.
Die Ausgestaltung von Staaten hängt ausschließlich von deren Unterdrückungspotential ab; je niedriger es ist, desto mehr Macht muß nach unten delegiert werden. Ist es sehr hoch, reicht einer kleinen Machtgruppe ein gut funktionierender Überwachungs- und Unterdrückungsapparat.
Der Mehrheit muß nur die Freiheit zur Erwirtschaftung eines surplus gegeben werden, der dann den Machterhalt auch ökonomisch garantiert.
Es geht nur um Machterhalt mit dem Mittel der Gewalt(-Androhung),
unterlegt mit einer Ideologie oder der Gnade der Götter.
Um wessen Machterhalt geht es denn?
Um den des Systems Staat. Um den der kleinen Minderheit. Bei uns z.B. um den Machterhalt des Parteiensystems.
Zum Geld:
Es gibt kein Geld des Privatrechts. Geld ist ein Derivat der
Staatsmacht.
Ja.
Über den Umweg Privatrecht und dann in Zusammenspiel von Privatrecht mit
dem öffentlichen Recht. Direkt ist das öffentliche Recht involviert über
notwendige Haftungen/Regulierungen etc. (die völlig unausweichlich sind
aufgrund der inhärenten Instabilität der privatrechtlichen Beziehungen)
und indirekt ist das öffetnliche Recht involviert über das Ermöglichen
funktionierenden Privatrechts.
Nein, erst braucht es öffentliches Recht und das Gewaltmonopol, dann erst wird Privatrecht nachgelegt.
Erst das öffentliche Recht ermöglicht die Benennung von gesetzlichem Zahlungsmittel (lustige bunte Zettel),
das Privatrecht gibt nur die Spielregeln vor, wie mit den Zetteln und deren Derivate umgegangen werden muß.
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Wer war bei Deinem Vortrag Dein Publikum?
Habe den Vortrag ausgerichtet auf ein interessiertes, aber durchaus
fachfremdes Publikum.
Hast Du das Gefühl, Deine Botschaft ist angekommen?
Einerseits ja, andererseits sehe ich auch weiteres drastisches Übersehen
der Dialektik auch nach Ansehen des Videos. Da werde ich wohl üben
müssen.
Dann kann ich mich ja auf ein nächstes Video von Dir freuen.
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Ein paar Anmerkungen zu EU, Schäuble und Varoufakis.
Wenn ich Deine Dialektik richtig verstehe, beinhaltet das Recht auf Freiheit eben auch das Recht, welches nur von einem Staat kreiert und gesichert werden kann.
Also ist der Ruf nach Recht auf Freiheit gleichzeitig auch der Ruf nach Staat.
Und auch der Ruf nach der Einschränkung der Freiheit durch den Staat.
Demnach ist der Staat unabdingbar für eine eingeschränkte Freiheit .
Und wenn schon Staat, dann soll es Deiner Meinung nach eine Europäische Republik sein (Freiheit vom Staat im Staat).
Warum soll eine Europäische Republik eine „Verbesserung“ bewirken, wenn wir doch an unserer Republik die permanente Machtausweitung seit über 60 Jahren erkennen und beklagen können?
Schwebt Dir da eine große Alpenrepublik vor?
Übrigens ist Schäuble m.E. kein Verteidiger des Nationalstaates; er wäre gern der erste europäische Finanzminister; ließe sich mit seinen Job beim ESM gut kombinieren.
So, genug Nicht-Neues geschrieben.
Vielen Dank und freundliche Grüße
KK