@Wayne Schlegel, @Ankawaor: Meine Argumente, meine Lösungen und meine Befürchtungen

Leser68, Donnerstag, 30.07.2015, 18:48 (vor 3828 Tagen) @ Leser6811509 Views
bearbeitet von unbekannt, Donnerstag, 30.07.2015, 19:33

Ich antworte am Besten in einem, dann spare ich mir Schreibarbeit.
Beim Thema Blackouts muss man meiner Meinung nach unterscheiden zwischen einem Blackout, der praktisch für den Rest des Lebens vorhanden ist und einem, der auch mal einige Tage andauern kann.
Natürlich gibt es schon bei einem Blackout, der länger als ca. vier oder fünf Stunden andauert, ganz schöne Schäden alleine durch das Auftauen von Tiefkühlgut. Dann kämen noch Staus, Unfälle, ausgefallene Flüge, Rettungsmaßnahmen für eingeschlossene Personen etc. dazu.

Ich denke außerdem, dass es einen wirklich quasi für immer andauernden Zustand der Anarchie nicht geben wird, höchstens sowas wie die Novemberrevolution von 1918 in Deutschland (Soldatenräte und so), weil "die Elite" bei einer wirklichen Anarchie ziemlich alt aussähe und Polizei und sonstige Kräfte gar nicht mehr die Ressourcen hätten, um für deren Sicherheit zu sorgen.

Es handelte sich um junge Russen, die wohl kerngesund und in vollem Saft gestanden haben. Diese Aushaltensfähigkeit kann nicht für eine Bevölkerung gelten mit kleinen Kindern, gesundheitlich nicht Topfitten oder alten Menschen. Deren Nichtüberlebensrisiko ist ungleich höher als das von austrainierten, kerngesunden 25-35jährigen.

Ich habe nicht gesagt, dass ich eine Patentlösung für alle Menschen hätte.

Die Frage ist lediglich, bleibt das Wasser unverseucht, wenn bei einem fortgeschrittenen (längerdauerndem!) Krisenszenario die Leichen und Kadaver mangels Strom und Logistik nicht schleunigst verbracht werden können,

Für solche Szenarien muss man sich eigentlich nur mit der deutschen Vergangenheit beschäftigen (Beispiel Dresden).

bzw. beim Fukushimieren der Atomanlagen, Chemie- und Industrieunfällen die Verseuchung zwangsläufig eintritt.

Dann ist eh alles zu spät.

Wie viele Millionen Komposttoiletten braucht man für zig Millionen in Städten lebenden Menschen und wohin und von wem werden die anfallenden Fäkalien gerade in Ballungsgebieten seuchenfrei (!) entsorgt?

Das gute an Komposttoiletten ist, dass das einzige Überbleibsel nach spätestens einem Jahr reiner Kompost ist. Es wird ein Zwei-Kammer-System aufgebaut: Die eine Kammer wird nach und nach gefüllt (jeweils mit einer Handvoll Sägemehl oben drauf), während die andere Kammer, die nicht mehr benutzt wird, vor sich hin kompostiert.

Wasser ist nicht das größte Problem. Wie würden aber die Tankwagen betankt werden, wenn es keinen Storm gibt und von wem werden die Abertausend notwendigen Tankwagen gefahren? Wie werden die Fahrer/Routen ohne Strom (Computer, Telefon, Funk, usw.) eingeteilt usw.

Im absoluten Chaos-Szenario würde der Treibstoffbedarf auch in Deutschland enorm sinken. Und für den Restbedarf gäbe es (noch!) einiges an Fläche für die Produktion von Pflanzenöl - z.B. nach Wiederauffüllen der Braunkohletagebaue. Mit einem Steuergerät, das es schon gibt, können Benziner mit einer breiten Palette an Flüssigkeiten fahren, die Alkohol enthalten, nicht nur E10 (Stichwort: Überschuss an Wein in der EU).

Essen:
Einige Tage dürften alle Menschen ohne Besuch im Supermarkt auskommen
(u.a. Dank Nachbarschaftshilfe).

Das gilt für viele Menschen, aber bestimmt nicht für alle Menschen (Kinder, Alte, Kranke, Schwangere).

Es gibt Gott sei Dank, selbst in der heutigen Zeit nicht nur Egoisten auf dieser Welt.

Wie viele Sicherheitskräfte werden in Rund-um-die-Uhr-Schichten benötigt, um die abertausende Supermarkte zu bewachen, wie werden diese in einem stromlosen Umfeld aufgeteilt, transportiert und ihrerseits verpflegt?

Das mit den Supermärkten war ein Schnellschuss von mir. Wie das danach aussehen kann, hängt davon ab was für ein Szenario wirklich vorliegt. Kuba, das zugegebenermaßen vom Klima her sehr begünstigt ist, hat den ziemlich abrupten Abbruch der Ölimporte aus Russland relativ gut gemeistert (ohne Millionen an Tote).

Davon ab dürften die Märkte ruck-zuck leer sein, wenn mangels stromabhängiger Logistik nichts nachgeliefert werden kann. Wie ein Verkauf ohne Strom (Kassenterminals, elektrische Türen, elektrische Beleuchtung, elektrische Kühlung) überhaupt funktionieren würde, ist mir schleierhaft.

Wie gesagt abhängig vom Szenario gäbe es z.B. die Möglichkeit manueller Kassen, selbst einfach nur Schreibmaschinen könnten dafür herhalten oder noch einfacher Zettel auf denen die Summen stehen. Wenn die Verbindung zur Zentrale eh nicht mehr funktioniert und die Menschen vor Ort jeweils für sich selber sorgen müssen, so what?

Wie und vor allem wozu sollen Beschlagnahmen in einem stromlosen Umfeld organisiert werden?

Mit KW, Amateurfunk etc. bzw. Organisation über die Bundeswehr bzw. über die örtlichen Bundeswehrbüros in den Gemeinden, die es schon seit einigen Jahren gibt. Dann wären da noch das Rote Kreuz, das THW, der Katastrophenschutz, die Feuerwehren etc.

In Deutschland dürfte es
einige Getreidespeicher geben, ...

Wie ohne Strom und entsprechend funktionierender Logistik?

s.o.

Vermutlich werden viele Rinder bzw. Milchkühe geschlachtet werden, weil
der (Energie-)Wirkungsgrad Getreide->Mensch wesentlich höher als der
Wirkungsgrad Getreide->Rinder/Schweine->Mensch sein dürfte.

Die brauchen nicht geschlachtet zu werden. Die Verrecken elendig innerhalb ganz weniger Tage, weil sie mangels Strom und funktionierender Melkanlage nicht gemolken werden können.

Kühe können das Nicht-Melken überstehen, wenn auch mit ziemlichen Schmerzen (Stichwort: Absorption/Reabsorption der Milch durch das Euter bzw. den Stoffwechsel). Allerdings dürften die heutigen Hochleistungsturbokühe dies nur in den seltensten Fällen überstehen.
Ich habe vor einigen bei der Schlachtung eines Schweins geholfen. Das wurde nur mit Hilfe eines Zimmermannnagels durchgeführt. Bolzenschussgeräte dürfte es noch sehr viele in Deutschland geben und auch das Konservieren durch Trocknen oder Pökeln ist kein Hexenwerk. Da viele Menschen arbeitslos werden, können die dann beim Einmachen helfen.
Im Jahr 1978 gab es einen großen Winter-Blackout in ganz Norddeutschland von der Ems bis an die Oder. Haben die Menschen und vor allem die Bauern nichts daraus gelernt?

Die nicht mehr benötigten Parkplatzflächen vor den tausenden von
Supermärkten in Deutschland können in Hochbeetgärten umgewandelt werden
(s. das Beispiel Kuba). Ich sage nur: Prinzessinnengarten in Berlin.

Wie viele Monate und wie viele Arbeitskräfte und wie viele Pickel, Spitzhacken und Spaten braucht man dafür?

In jedem Stadtteil finden Versammlungen statt (Turnhallen, Konzertsäle etc.) wo die Leute darüber informiert werden (Aufruf per Flugblätter bzw. Anschläge oder Lautsprecherwagen) wie man schnell Lebensmittel erzeugen kann. Es gibt überall Baumärkte, Schrebergärten oder Hinterhofgärten. Deswegen gibt es in ganz Deutschland Millionen an Gartengeräten und sonstigen Werkzeugen. Wir sind nicht nur das Land der Dichter und Denker, sondern auch das der Tüftler (die meisten Patentanmeldungen pro Einwohner auf der ganzen Welt glaube ich).
Haben unserer Vorfahren nicht auch die totale Zerstörung Deutschlands überlebt sowie die Hungerjahre danach? Wir haben unzählige Stromerzeugungsanlagen, d.h. Energie, wie soll uns da was passieren?

Wie werden ohne Strom (Computer, Drucker, Telefon usw.) die Arbeiter eingeteilt, koordiniert und solange versorgt, bis - Erntezyklus - nach vielen Monaten theoretisch ein Ertrag erwartet werden kann?

Koordination: s.o.
Versorgung: s.o. (EU-Lager, Notreserven, geschlachtete Schweine und Rinder, Getreidespeicher etc.)

Und welcher Berliner könnte ein Kompostklo bauen?

Durch Unterrichtung von jemandem, der sich damit auskennt? Durch Verteilung einfacher Bauanleitungen? Mit Verteilung von dazu nötigem Baumaterial (Werkzeug dürfte es in der Bevölkerung genügend geben).
Im übrigen ist die Sache mit den Kompostklos eine Sache für ein Extremszenario, weil man z.B. in Berlin jede Menge Grundwasser hat und man davon, z.B. über die Notbrunnen, Wasser für die Klospülung holen kann. Allerdings kann man älteren Menschen im fünften Stock nicht zumuten ihr Toilettenwasser täglich hochzuschleppen. Da muss man irgendwie improvisieren.

Wer baut die Hochbeetgärten auf den Supermarktparkplätzen und wer hat die

Zeit, je nach nach Jahreszeit bis zu 7 Monaten auf die erste Ernte zu warten?

Antwort s.o

Nun zu deiner Theorie: Niemand im Viertel hat vorgeschlagen, in großen Mengen
Kompostklos zu bauen und Hochbeete vor dem Supermarkt anzulegen. Jeder ging
davon aus, dass der Strom wieder kommt.

Das kommt halt ganz auf das Szenario an. In Eurer Situation war es ja auch wohl vernünftig damit zu rechnen, dass der Strom in ein paar Tagen wieder da ist und nicht für immer weg ist, vor allem da es ja in anderen Stadtteilen Strom gab.

Wie lange würde es also dauern, bis die Leute realisieren, dass der Strom
NICHT wieder kommt, und sie anfangen, Kompostklos und Hochbeete zu bauen?

Wenn sie das per Rundfunk oder sonstiger Mitteilungsmöglichkeiten gesagt bekommen? Die Verantwortlichen wollen sicher nicht irgendwann von einem hungrigen Mob überrant werden.

PS: Die Erkenntnis, dass es lange dauert mit dem Stromausfall, ist auch in
"Patriots" von Rawles eine Unlogik gleich am Beginn des Buches: Der Strom
fiel aus, und die Handlungspersonen wussten, "es ist für immer", und fuhren
in ihr Refugium auf dem Land.

Ja man kann sich vieles ausdenken und für das Aufschreiben dann Geld bekommen, aber wir befinden uns ja nicht auf der Stufe von Neandertalern.

Im Ernstfall gibt es keine Möglichkeit, diesen zu erkennen. Ebenso wenig
werden wir erfahren, dass alle Atomanlagen durchgeschmolzen sind.

Wie Olivia so richtig bemerkt hat: Wir können uns nicht auf alles vorbereiten. Es ist viel wahrscheinlicher dass man bis zum Renteneintrittsalter mal einen schweren Autounfall hat. Wer aber fährt trotzdem weiter mit dem Auto zur Arbeit?

Ich setze u.a. auch darauf, dass selbst in der heutigen Zeit mit PCs und Smartphones die Kreativität und die Phantasie noch nicht völlig verschwunden sind, auch in Deutschland nicht.

Dieser Film hier aus dem Jahr 2004 oder 2005 ist auch sehr interessant:

Blackout Warum Stromausfaelle kein Zufall sind
www.youtube.com/watch?v=SZR8A1bw8yc


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