Warum diskutierst Du als Fatalist?

nvf33, Dienstag, 22.12.2015, 16:03 (vor 3698 Tagen) @ Zarathustra6634 Views
bearbeitet von unbekannt, Dienstag, 22.12.2015, 16:28


Warum bedauerst Du die Welt also?


Empathie mit gefolterten Kreaturen und Ekel gegenüber Versuchen, einen
derartigen Schöpfungsplan als göttlich und als Allweisheit zu
postulieren.

Zum ersten Teil voll Zustimmung, geht mir ähnlich, zum zweiten: bitte, wie Du willst.

...
Du hast nur eine mögliche Vergangenheit und auch nur eine
einzig mögliche Zukunft. Alles andere ist Freiheits-Fiktion.

Vielen Dank auch für die Literaturhinweise, interessant - allerdings:
Deine Meinung, Du negierst die Möglichkeit der Willensfreiheit: ich nicht. Wohlgemerkt halte ich es sehr wohl für möglich, die Möglichkeit der Willensfreiheit zu negieren, aber zwingend ist das nicht.

Die "Freiheits-Fiktion", deren vermeintliche Erkenntnis auch Nietzsche bekanntlich nicht gut bekommen ist (eigentlich niemandem, den ich kenne), die bedeutet in letzter Konsequenz auch, eine Realität außerhalb unserer selbst abzulehnen. Man stürzt damit in einen Solipsismus, wie er vor allem den Freunden psychoaktiver Stoffe eigen ist - außerordenlich modern das und eng verwandt mit den verbreiteten apokalyptischen Sehnsüchten!

Ob wir Finsteres tun, hängt ganz allein von unseren

Charakter ab, und es ist der physischen Kausalität entzogen[/b].


Es hängt sowohl von Deinem Charakter als auch von anderen Einflüssen
ab. Beide sind bestimmt/determiniert, und nicht irgendwie offen, oder selbst
zugeteilt. Du bist nicht der Schöpfer Deiner selbst.

Nein, das nicht, aber ich bin zuständig für das, was ich tue oder nicht. Zum Beispiel auch für das, was ich hier schreibe. Wenn es jedoch nur eine mögliche Zukunft gewissermaßen als Spiegel der Vergangenheit gibt, wie Du behauptest, dann wundert mich, von wo aus ich mir hier beim Schreiben zusehen kann und mir tausend andere Dinge dabei vorstellen kann (die Frage nach dem "Warum" will ich da sogar noch ausklammern). Offenbar ist unser Geist mit einer absurden Vielfalt an Möglichkeiten ausgestattet, die an der Realität als Zuchtmeister zu zerschellen verdammt sind, wie Du und Nietzsche es andeuten - bis auf die eine, wahre, "heroische". Gehorsam gegenüber dieser wahren Realität wäre also das einzige sinnvolle Gebot, wenn man schon Moral haben will. Soweit einverstanden? Ich wäre es, vollkommen.

Nun kann man diese Sichtweise eine ganze Weile also in sich pflegen, und dem Reigen im Uhrwerk der Welt zusehen, man mag mitunter etwas kichern (geheim), wie mancher sich so sinnlos müht, der das Uhrwerk nicht erkennt. So macht man das dann , und erkennt wie Du die schier unglaubliche Niedertracht der Welt, die bösartige Kleingeistigkeit, die Hinterhalte, das Geltungsbedürfnis der Vielen und die tiefe, bodenlose Sinnleere in den Menschenseelen. Das ist wahrhaftig kein Vergnügen. Und doch meine ich, dass an diesem Punkt der Aporie die Sache erst richtig losgeht. Das Uhrwerk ist nämlich keineswegs so dumpf und simpel, wie man(ich) es erst denkt(dachte). Es liegt da meiner Erfahrung nach ein ganz erstaunliches Muster vor, als eine Paradoxie zwischen beschränktem Wissen und realem Geschehen;

Ein Beispiel dazu, das ich in dem freiwillig :-) von "Chef" gelöschten Faden des verstoßenen LegasNICKERs schon gebracht hatte, stammt von Ernst Barthel (mit gewisser Ökonomienähe, wie man es hier schätzt):

In einem Kasino liefern eine Reihe von Roulettekugeln jede für sich Zahlen zwischen 0 und 36. Kausal ist jede völlig entkoppelt von den anderen, sowohl zeitlich als auch räumlich. Und doch sorgt jede Kugel im Verein mit ihren Geschwistern wie von Geisterhand dafür, dass am Ende eines Jahres getreu die Bank am meisten gewinnt, also die Null genau so oft herauskommt, wie die anderen Zahlen. Die einzelne Kugel weiß aber nichts davon, in ihrer Physis und auch in der ihrer mechanischen Umgebung ist nichts, aber auch gar nichts von dieser Ganzheit zu bemerken. Es ist sogar umgekehrt: Die Kugel darf nichts "bemerken" von ihren Geschwistern, DAMIT am Ende die richtige Verteilung herauskommt!

Ich glaube hierin mit Barthel eine tiefe Analogie zur Paradoxie der menschlichen Freiheit erkennen zu können. Wer weiß, Du vielleicht auch?

...
Ich habe kein Bedürfnis, mir einen höheren Sinn des Geschehens
einzureden.

Aber offenbar das dringende Bedürfnis, dergleichen anderen auszureden. Dieses Dein Motiv bleibt mir noch immer dunkel.

In einer Welt, in der das Böse nicht sein KÖNNTE, wäre es praktisch
unmöglich es überhaupt zu erkennen und abzulehnen.


Was sehr gut wäre. Das wäre dann schon eher eine Welt, die man als
allweise und göttlich bezeichnen könnte.

Du magst die Freiheit wirklich nicht - wie schade (und ich kann nicht umhin, es ein bisschen wie selbstverordnete "Zucht" zu verstehen zwischen den Zeilen..)!

Grüße nvf33


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