Scham ist der Inbegriff der Ehrfurcht vor dem Unerkannten
Woher Dein Bedauern über die Schlechtigkeit der Welt?
Wie aus meinen Zeilen hervorgeht, bedauere ich, dass die Leute sich
eintrichtern lassen, diese Welt, die auf dem Prinzip 'töte einen andern'
beruht, sei das Werk eines
intelligenten/allmächtigen/allweisen/allgütigen Schöpfergottes. Das ist
absurd.
Welche Leute meinst Du da? Die Mehrheit mag das so sehen, aber da ist noch viel anderer Unfug in diesem Mittelwert...
Meine Frage war aber eher, warum Du das bedauerst. Dass Du es tust, ist offensichtlich, ich tue das auch. Der Grund dafür allein entzieht sich offenkundig jeglicher pragmatischen Logik - und dennoch ist er so stark, dass ich jedenfalls ihn nicht preisgeben werde. Ich tue das aus der Ahnung einer höheren, wohl geistigen Struktur heraus, die über dem physischen steht, und die ich nur verehren, aber nicht bestimmen kann - etwa sowie die Beständigkeit von Tag und Nacht, in der ich ein tiefes, auch das Bewußtsein umfassendes Prinzip erkenne, dem die Mehrheits-Menschenwelt höhnisch den Rücken kehrt. Ich gehe sogar so weit, dieses Prinzip in der Tiefe mehr zu lieben, als die Verzerrungen, die die Mehrheit daraus macht.
Warum bedauerst Du die Welt also? Was ist die tiefere Quelle Deines Bedauerns, wo aus dem Irdischen doch eben nur Resignation zu schöpfen ist?
...
Du musst halt lesen, was man schreibt. Ich schreibe, dass sich jeder
Mensch, der bei Verstand ist, sich vor sich selber schämen würde, wenn er
eine Welt nach diesem real existierenden Prinzip (töte einen anderen)
erschaffen würde.
Las ich so, meine ich, aber ich verstehe es völlig anders: Die Welt ist exakt so, wie die Mehrheit der Menschen sie verdient bzw. haben will. Das Übel folgt so überdeutlich aus den Irrtümern über die Grundprinzipien des Daseins, dass es gar keiner weiteren Erklärung bedarf. Überirdisch ist die Willensfreiheit des Menschen, und eben irdisch das, was er oder sie daraus machen. Scham ist letztlich Unsicherheit über den eigenen Charakter und seine Einbettung in die Welt...
Man stelle sich vor, es wird Dir jetzt und heute die Macht gegeben, auf
dem Mond eine Welt nach Deinem Gusto zu erschaffen und Dir käme nichts
gescheiteres in den Sinn, als Wesen zu schaffen, die sich gegenseitig
auflauern und sich in allen nur erdenklichen Varianten abmurksen, wie dies
auf Erden der Fall ist. Wenn Du Dich danach nicht schämen würdest, weiss
ich immerhin, mit welchem Mass an Skrupelllosigkeit ich es zu tun habe.
Interessant. Der wesentliche Punkt unserer diesseitigen Welt ist m.E. allerdings, dass wir nicht hinterhältig sein MÜSSEN, es wohlgemerkt aber sein KÖNNEN. Ob wir Finsteres tun, hängt ganz allein von unseren Charakter ab, und es ist der physischen Kausalität entzogen. Gibt es eine bessere Selbstoffenbarung als ein solches Erdendasein? Ich kann mir kein weiteres Spektrum vorstellen, und deshalb unterstelle ich dieser Spanne einen höheren Sinn, der sich mir (womöglich noch) entzieht.
In einer Welt, in der das Böse nicht sein KÖNNTE, wäre es praktisch unmöglich es überhaupt zu erkennen und abzulehnen.
...
Erstens ist etliches über Scham zu lesen bei Nietzsche, und zweitens
teile ich nicht alle Aspekte in Nietzsches Moral.
Ich liebe Den, welcher sich schämt, wenn der Würfel zu seinem Glücke
fällt und der dann fragt: bin ich denn ein falscher Spieler? – denn er
will zu Grunde gehen.
Das empfinde ich nun weniger als Scham, denn als Irrtum oder gar der unterwürfigen und m.E. Pseudo-Christenmoral Nietzschens geschuldet
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... Scham wie gesagt ist im irdirschen leicht überwindbar,
Gewissen auch, und ein Mord wäre am Ende auch nur ein Todesfall, wenn
keiner davon weiß.
Diese Deine Zeilen sollten genug sein, die Thesen eines
allweisen/allgütigen Schöpfers zu begraben. Bleibt die Frage, warum Du
den Glauben an einen Generalplaner (Gott) nötig hast.
Weil ich sehe, dass die Welt unermesslich viel übler sein könnte, als sie ist, und gleichzeitig auch unermesslich viel besser. Was soll ein solches Spektrum? Es passt nicht ins Irdische, und es ist durch nichts Greifbares dort begründet (mögen auch Darwins Affengeschichten und die frommen Märchen die sonderbare Lücke mit allerlei Wirrsal zustopfen).
Grüße
nvf33