Persoenliche Betrachtungen zum Thema

Positiv, Montag, 20.04.2015, 12:03 (vor 3922 Tagen) @ ebbes6629 Views

Ich nehme mich in erster Linie als Mensch und nicht als Buerger wahr, wobei mir bewusst ist, dass es zunehmend aufwaendiger wird, sich den mir indirekt auferlegten Buergschaften zu entziehen. Doch das soll hier nicht das Thema sein.

Das Wort „Seelenheil“ missfaellt mir, da es ein christlicher Kampfbegriff ist. Mit „persoenlich empfundenem Glueck“ kann ich mehr anfangen. Bevor ich es wage, diesbezueglich ein Urteil zu faellen, moechte ich zuerst ein paar meiner Beobachtungen von damals und heute teilen.

Es wurde insgesamt weniger erwerbstaetig gearbeitet. Permanenten Stress, Depressionen und Burnout gab es nicht, jedenfalls nicht vom Job verursacht. Eine Familie zu ernaehren war kein Problem, wenn ein Eltenteil gearbeitet hat. Zukunftsangst und Sorgen wegen moeglichem Jobverlust waren unbekannt. Dadurch war auch das Klima auf Arbeit kollegialer, zumal Befoerderungen in vielen Branchen mehr eine Frage der idelogischen Flexibilitaet, denn der Leistung waren.

Man verbrachte mehr Zeit mit der Familie, mit Freunden und Nachbarn, mit Hobbys, mit Wochenendtrips... mit Erbaulichem.
Bedingt durch weniger Kunkurrenz und Neid, sowie mehr freie Zeit, hatte man mehr Kontakt mit den Menschen um einen rum. Es war auch ein Nebeneffekt der allgemeinen Mangelwirtschaft, dass man ein grosses Netzwerk pflegen musste – je mehr Bekannte umso mehr Moeglichkeiten ergaben sich zum Tausch von z.B. Baumaterial oder handfester „Nachbarschaftshilfe“. Da praktisch alle darauf angewiesen waren und man im selben Boot sass, gab es weniger individuelle Isolation und Abgrenzung. Wenn am Wochenende gegrillt wurde, tat man das selbstverstaendlich zusammen mit Nachbarn, Freunden, Kollegen und deren Umfeld, falls gerade Besuch da war. Diese Dynamik fuktionierte selbst in den Arbeiterschliessfaechern (Plattenbausiedlungen) – man kannte die Menschen im Hauseingang mit Vornamen und gratulierte zum Geburtstag.

Man hatte viel mehr Kontakt zur Natur. Praktisch jeder hatte einen kleinen Garten mit einem Huettchen, wo im Sommer das Wochenende im Gruenen verbracht wurde. Selbstverstaendlich baute man Erdbeeren, Tomaten, Gurken, Bohnen, ... selbst an. Und wenn die reif waren, tauschte man Ueberschuessiges gegen Kuerbisse vom Nachbarn oder ein Versprechen, im Herbst Pferdemist zu bekommen. Oder gegen Autoersatzteile, die ein Bekannter in irgendeinem VEB abgezweigt hat.

Man hatte ein gesuenderes und natuerlicheres Verhaeltnis zum eigenen Koerper und zu Sex. Mangels Vergleich mit gephotoshoppten Idealen in Hochglanzmagazinen war man mit seinem Aussehen zufrieden. FKK (nacktbaden) war flaechendeckend und fuer alle Altersklassen voellig normal, sich nackt im Garten oder auf dem Balkon zu sonnen ebenso. Ohne Scham und Paranoia, ob jetzt jemand guckt oder sich daran stoeren koennte. Durch die viel gesuendere und naturlichere Ernaehrung + ein aktiveres Leben + weniger Stress waren die Menschen im Durchschnitt auch attraktiver als heute. Mit attraktiv meine ich von innen heraus schoen und gesund, nicht mittels Makeup und Designerklamotten dekoriert.

Man war naeher an den archaischen Rollen von Mann und Frau (was ich persoenlich als gesund und natuerlich empfinde). Mehrheitlich konnten die Frauen gut kochen (und ich meine wirklich kochen, nicht „heiss machen“), die Maenner hatten zumindest rudimentaere Schreinerkenntnisse und ziemlich jeder hatte schon mal gemauert. Man wusste sich selbst zu helfen und war mangels Alternativen handwerklich fitter. Die Technikabhaengigkeit war viel geringer, man war es gewohnt zu improvisieren. Die Muetter betreuten ihre kleinen Kinder laenger als heute und mit mehr Koerperkontakt. Es wurde laenger gestillt. Niemand legte Wert auf einen perfekten Apfelbusen mit 35. Ein Mann konnte die Familie wie gesagt allein ernaehren und hatte trotzdem mehr Zeit, fuer Frau und Kind emotional und tatkraeftig praesent zu sein.

Was einem damals in der Aktuellen Kamera und in Printmedien praesentiert wurde, war nicht realitaetsferner oder unterirdischer, als das, was einem heute in der Tagesschau geboten wird. Und das war allgemein bekannt. Vielleicht mehr als heute. Die Diskrepanz zwischen oeffentlicher und veroeffentlichter Meinung war massiv und man schmunzelte darueber. Eine damals gelaeufige Nachrichtenformulierung war, dass ein zur Eroeffnung von irgendetwas eingeladener Parteigenosse „mit Jubelschreien begruesst wurde“. Anwesende dagegen erinnerten sich grinsend, dass die Jubelschreie dem angestochenen Fass Freibier von der ebenfall zugegenen freiwilligen Feuerwehr galten... Man hoerte auch damals aus interessierten Kreisen, welche ein bisschen mehr Einblick hinter die Kulissen hatten, die Verwunderung, dass das gesamte absurde Propaganda- und Planwirtschaftssystem ueberhaupt noch funktionierte, trotz offensichtlicher Luegen, Fehlallokationen und allgegenwaertigem Mangel an grundlegenden Gebrausguetern. Ich spreche gerade nicht von Bananen, sondern z.B. vom Mangel an Papiertaschentuechern. Die gab es nur selten und wenn, dann nur auf Zuteilung (maximal 10 Packungen pro Person). Klopapier war kein Ersatz, weil es nur eine Sorte gab – einlagig, grob, dick, grau und von der Konsistenz naeher an Sandpapier als an irgendetwas, das man im Gesicht haben wollte. An die mistigen "Rotzfahnen" (Stofftaschentuch) erinnere ich mich nur ungern.

Aber die wirklich wichtigen Dinge waren verfuegbar. Und rare Gueter wie Baumaterial, Ersatzteile, exotische Fruechte usw. konnte man praktisch immer bei irgendjemandem ertauschen oder organisieren – auch ohne Parteibuch oder harte Devisen (DM).
Soviel zu meiner Einschaetzung der damaligen Situation. Und heute? Ich nehme an, Ihr habt beim Lesen schon selbst verglichen. Ja, man kann ALLES kaufen, wenn man denn fluessig genug ist. Man muss sich nicht mehr mit Garten, Nachbarn und Kollegen abgeben, Kopien von Obst und Gemuese gibt in jedem Diskounter. Man kann hinfliegen, wohin man will, wenn man ein Visum bekommt. Man kann einen hohen Zaun um sein Grundstueck bauen und sich isoliert von der realen Welt mittels Breitbild TV und sauschnellem Internet an der Idiotie der Anderen ergoetzten und sich dabei gut informiert, selbstbestimmt, individuell selbstverwirklichend und ueberhaupt elitaer fuehlen. Der Meinungfreiheit sei Dank kann man sich wahlweise MSM Bullshit oder jeden noch so absurden Trutherbullshit reinziehen und dann dem eigenen Realitaetstunnel entsprechend Indizien oder gar Beweise pro und kontra allem finden. Und dann je nach Mentalitaet dem eigenen Umfeld die Wahrheitâ„¢ verkuenden oder sich von der realen Welt noch weiter zurueckziehen. Mit Menschen muss man sich nicht mehr beschaeftigen und das wirkliche Leben kann man komplett ausblenden, wenn man mag. Das Leben als Maskerade, Hartz 4 und Onlineshopping machen es moeglich. Was die heutige Ernaehrung anrichtet, koennt ihr euch im Supermarkt an der Kassenschlange selbst ansehen. Vergleicht das mal mit einem beliebigen DDR Dokufilm der 80er. Was die allgemeine (Des)Informationsflut auf allen Kanaelen in den Hirnen anrichtet, kann man hier im Forum beobachten.

(Wer sich nicht angesprochen fuehlt, der moege folgenden Absatz bitte ueberspringen.) Leute, im Ernst, geht mal oefters raus in die Natur (jenseits vom Stadtpark), lasst Sonne an Eure Haut, sprecht mal unvoreingenommen und ohne Agenda mit den Menschen in Eurer Umgebung, kocht und esst etwas gutes, goennt Euch mal ein internetfreies Wochenende, fuehlt Euch mal wieder richtig selbst, auch wenn das vielleicht erstmal Angst macht. Sorry, ich schweife ab.

Zurueck zur Frage nach dem „persoenlich empfundenem Glueck“. In meinem Fall kann ich das nicht wirklich von der Materie trennen. Ich habe das Glueck, nach 10 Jahren Selbststaendigkeit und einigen aus heutiger Perspektive irrsinnig riskanten Spekulationen ein bescheidenes Leben als Privatier fuehren zu koennen. Ich hatte das Glueck rechtzeitig auszusteigen und die materiellen Wuensche nicht immer hoeher anzusetzen. Ich bereise heute gern die Welt, fahre einen Sportwagen und geniesse den Luxus, nur noch zu arbeiten, wenn ich wirklich Lust darauf habe und zu hundert Prozent hinter dem Projekt stehen kann. Das ist alles schoen, macht aber nur bedingt gluecklich. Doch es schafft ein Fundament dafuer. Gluecklich macht mich meine Partnerschaft und der offene Kontakt und der ehrliche Austausch mit Menschen. Letzteres finde ich weitestgehend nur noch in mehrtaegigen Selbsterfahrungsseminaren, an welchen ich teilnehme oder die ich selbst leite, wo ich genau dieses Mass an Authentizitaet, Aufrichtigkeit und Lebendigkeit im Umgang miteinander finde, welches frueher allgemein viel normaler war als heute. Heute nehme ich das als Luxusgut war, welches nur noch temporaer in einer Parallelrealitaet stattfinden kann. Jenseits von politischen Diskussionen, persoenlichen Macht- und Maskenspielchen und nur ausserhalb der Hamsterradrealitaet. Das Normalste und Einfachste ist das Besondere geworden. Und dafuer braucht es nicht viel Geld – nur Mut, eine Entscheidung und ein bisschen freie Zeit. Merkwuerdig.
Ich kenne uebrigens einige ziemlich wohlhabende Menschen, darunter 3 Milliardaere. Letztere, die ich sehr privat erleben durfte, sind mit die Ungluecklichsten, die mir ueberhaupt je begegnet sind.

Soviel zu meinen ausschweifenden Gedanken zum Thema, auf Nachfrage gern mehr.

Achso, wo war ich gluecklicher? Ich habe auf diese Frage keine eindeutige Antwort. Frueher war das Leben menschlicher und ich musste weniger kompensieren. Heute ist die Denaturierung der Menschen zum Sklaven fremdbestimmter Ideale weiter fortgeschritten, aber ich habe mehr Freiheiten dorthin oder zu denen zu gehen, wo es noch nicht so weit fortgeschritten ist.

Beste Gruesse ins Forum und eine angenehme Woche wuenscht

Positiv.


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