Libertarismus ist als Science-Fiction-Szenario geeignet. Wenn man das aber in der realen Welt konkret durchdenkt...

Bernadette_Lauert, Montag, 28.12.2015, 21:15 (vor 3692 Tagen) @ Fabio4397 Views
bearbeitet von Bernadette_Lauert, Montag, 28.12.2015, 22:02

...stellt es sich aus meiner Sicht folgendermaßen dar:

Wer sagt denn, dass es diesen "Prozess" bereits geben müsse und dass er
sich auf "alle Staaten" beziehen müsse?

Dass er sich auf alle Staaten beziehen muss, kommt von den Libertären selbst. Ich könnte Dir das auch trefflich herleiten, ausgehend von einem weißen, staatenlosen Fleck auf der Landkarte in der Größe und Lokation Deiner Wahl, aber...

Ich habe eigentlich keine Lust mit Dir zu streiten,

Dann sollten wir das auch lassen. Schade eigentlich.

weswegen ich auf Deine
ad hominem Einwürfe auch nicht eingehen werde.

Habe ich wen persönlich angegriffen? Meinst Du Janich? Den finde ich klasse und verpasse kein Streitgespräch mit ihm. Hab vieles hier verlinkt. Er traut sich wenigstend den libertären Gedanken in inzwischen vielen Debatten zu verteidigen. Das Problem: Wer das verfolgt bekommt mit, dass die Gegenargumente eindeutig die besseren sind. Dass er da rumeiern muss schmälert nicht seine Leistungen als Investigativjournalist und als aufrichtigen Menschen. Das ist ein super Kerl, sonst hätte ich eh nur noch ein Gähnen für den Libertarismus übrig. Aber der gibt sich so nett Mühe...

Ich verstehe nur nicht,
weswegen man bei dem Thema nicht ergebnisoffen bleiben kann.

Ich schrieb, dass es Science-Fiction ist. Das räumt dem Modell eine mögliche zukünftige Existenz ein. Wobei das dann sicherlich nicht so sein wird, wie sich die ganzen Leute vorstellen, die parolenmäßig "bösere Staat" schreien, aber in der Wirtschaft (die ja dann alles regeln soll) nur redliche Kaufmannsehre sehen. SO als ob der Bürgermeister und die Gemeinderäte eines Dorfes (aka: Staat) böse sind, aber die 34 Banken hinter den 184 Konzernen, die die Weltwirtschaft dominieren (JBM, GS etc. -> Nestle, Monzanto, Lockheed Martin etc.) von reiner Kaufmannsehre betrieben wären. Die korruptesten Manager werden alle wie auftrichtige Unternehmer betrachtet. Alles total undifferenziert und fernab der realen Gegebenheiten. Und das ist das Problem.

Es ist doch
eine ganz interessante Überlegung, wie weit z.B. der Staat
zurückgedrängt werden könnte, weil "wir Bürger" auf die Idee kommen,
dass wir es ohne Zwangsapparat auch hinkriegen? Warum wird das denn nicht
erforscht?

Das wird erforscht. Das hat aber nichts mit Libertarismus zu tun. Keiner leugnet in dieser ernsthaften Debatte, dass innere und äußere Sicherheit innerhalb von Grenzen hergestellt werden müssen. Wenn hier die besseren Modelle endlich aus den Schubladen geholt werden (Subsidiar-Prinzip, Direkte/Liquide Demokratie, genossenschaftliche Wirtschaftsmodelle etc., dann geht es nicht um die Abschaffung des innere und äußere Sicherheit herstellenden Staatlichen Gewaltmonopols. Das ist nämlich AUCH ein Rechtsstaat, in dem gleiches Recht für alle gelten soll, und für Ordnung und Recht nicht entscheidet, wer die größere Privatarmee mit den meisten Kalaschnikows hat.)
"Ohne Zwangsapparat". Das ist vor dem Hintergrund der realen Gegebenheiten nichts weiter als ein Kampfbegriffen. Genauso wie "Gefängnisplanet".

Mir erscheint der Glaube an die Notwendigkeit des Staates ähnlich dem
Glaube an die Notwendigkeit eines Monarchen in prä-demokratischen Staaten,
als man meinte, dass ohne den Monarchen Mord und Totschlag herrschen
würde.

Vorschlag: Guck Dir die Diskussionen über Libertarismus an, die ich hier im DGF regelmäßig verlinke. Und dann lass uns drüber debattieren. Damit ich Dir die Knackpunkte wenigstens vorstellen kann.
Hier auch noch ein wenig "theoretischer Unterbau": https://www.youtube.com/watch?v=dT0TqOISV5Q
Du tust ja so, als wäre das eine ausgemachte Sache, dass instantan innere und äußere Sicherheit und Wohlstand vorprogrammiert wären, würde man nur den Leviathan endlich besiegen. So einfach ist das leider nicht.

Soso. Sind wir uns einig, dass die Empirie auch das Gegenteil zeigt? Ich
weiss übrigens nicht was Du genau meinst, mit "alle Bereiche". Also wie
weit Du gehen würdest. Einiges privat zu halten (wo es nach meiner
Betrachtung nämlich herkommt) scheint ja durchaus sinnvoll zu sein.

Es gibt da einen Faden hier im Forum, der mir persönlich viel gebracht hat, weil ich auf genossenschaftlich organisiertes Wirtschaften aufmerksam wurde:
http://www.dasgelbeforum.net/forum_entry.php?id=355224

Davor wird über die schief gelaufene Privatisierung in Sachen Infrastruktur debattiert. Vielleicht mal reinschnuppern. Ich fasse kurz zusammen: Wo keine echte Konkurrenz besteht, weil öffentliche Infrastruktur nicht mehrfach gebaut werden kann, fallen die Vorteile des Konkurrenzkapitalismus weg und das unternehmerische Streben nach Profitmaximierung fordert ungebremst seinen Tribut. Problemtypisches Beispiel unter Tausenden: http://www.theeuropean.de/asit-biswas/7483-negative-folgen-der-wasserprivatisierung

3. Noch gibt es glaubwürdige, nicht-staatliche Garanten, dass ein
Gesellschaftssystem ohne gemeinschaftliche, staatliche Ordnung nicht in
eine falsche Richtung kippt. Gegen so etwas hilft beispielsweise nur

ein

staatskonstituierendes Grundgesetz oder eine Verfassung.


Wo sind denn die glaubwürdigen staatlichen Garanten im 20. Jhd. gewesen,
die das Abkippen des Gesellschaftssystems ohne "gemeinschaftliche
staatliche Ordnung" vor dem abkippen in die falsche Richtung bewahrt haben?

Diese Form des Argumentierens kommt ganz oft von Libertären. Dass ihr das einfach nicht versteht: Zu sagen es gibt noch Verbrechen, also verzichten wir auf die Polizei gibt die Logik in unserem Universum nicht her. Dazu bitte ins Zaraversum gehen.

Das ist wie: Die Katze humpelt, erschieß sie.

Oder so: Das Kind schläft beim Singen nicht ein, also schlag ich mit dem Hammer drauf, wie im Trickfilm.

Oder möglichst konkret gesprochen: "Bei Staaten gibt es Probleme. Lasst sie uns abschaffen, obwohl das noch nie funktioniert hat, es ein paar Logikbrüche dabei gibt und sogar vieles darauf hindeutet, dass das Markt-Paradigma, nämlich der Glaube an die unsichtbare Hand des Marktes (die in allerletzter Konsequenz im Libertarismus für instantane Ordnung sorgen soll) hinter den meisten aktuellen Verwerfungen steckt.

Was genau bewirkten denn die Verfassungen damals und was bewirken sie
derzeit?

Oder nochmal konkreter und bezugnehmend auf Deinen Abschlussatz:

"Die Verfassung greift nicht immer korrekt. Scheißen wir einfach auf die Verfassung!"

Sorry, ich komme vielleicht zu amüsiert rüber. Aber ich hab das gedanklich auch schon alles hinter mir. Und erst mal verstehen müssen, wie Balla-Balla das eigentlich ist.

Libertarismus war für mich als revolutionäres Konzept sofort interessant. Allein deswegen, weil ich unser Regierungshandeln so verachte. Ich schreibe aber nicht "Staat", sondern Regierungshandeln. Obschon ich auch die meisten Politiker auf persönlicher Ebene verachte.

Aber ich unterscheide trennscharf zwischen "Staat" und "Regierungshandeln", denn ich kann differenziert denken und bin froh um das kommunale Krankenhaus, Schutz durch Polizei und Rechtssystem bei den vielen Facharbeiten und finde die Autobahnen einfach super. Und usnere Wasserversorgung. Und das Bildungssystem, welches mir viel gebracht hat. Es wäre kontraproduktiv, so etwas von Konzernen betreiben zu lassen. Und in deren Hände würde es gelangen. Aber nicht falsch verstehen. AUch hier differenziert denken:
(Auch) Private Bildungsträger bei einheitlichen Abschlüssen: Gerne - hier ist Konkurrenz möglich.
Private Wasserversorgung: Nein Danke. Infrastruktur sollte kommunal und gemeinnützig betrieben werden. Aufgrund empirischer Erfahrung.

Und damit will ich abschließen:

Machtvakuum füllt sich, wenn Du einen Staat auflöst.
Deswegen heißt es in der libertären Denkschule auch, dass ALLE Staaten verschwinden müssten, um eine libertäre Gesellschaft zu ermöglichen.
Dieses Vid - ich habe es schon öfters gepostet - veranschaulicht Dir gut, wie das aussieht, wenn andere Staaten staatliches Machtvakuum füllen:

https://www.youtube.com/watch?v=TMcpkxpkv6g
Da kannst Du ruhig "a bisserl impressed" sein, oder Regelmäßigkeiten in der Weltgeschichte wenigstens zur Kenntnis nehmen.

Nehmen wir an, es wäre doch möglich, staatenlose Gesellschaften in weißen Flecken auf der Landkarte zu betreiben... Nur so aus Spaß...
Schon mal an den Aspekt gedacht: Dann hätten die internationalen Wirtschaftseliten mehr Einfluss und keine Instanz setzt Bürger- und Verbraucherrechte durch.
Begrüße Deine neuen Herren: (Ein paar (Bank-)Konzerne rulen die Welt, ETH-Zürich-Studie)

Grübelfrage: Und wer schützt die Grenze vor einer Fantastillion Afrikaner, wenn sich die Flüchtlingskrise verschärft? Legt ihr Libertären, in Eurem weißen Fleck auf der Landkarte dann alle zusammen und bezahlt Söldner? Oder wenn die Kopf-ab-Musels vom IS einreiten? Oder pigbonds hatte doch Recht und der Russe kommt bald...

Wird das dann keine "staatliche Armee" sein, die für äußere Sicherheit sorgt?

Gruß
Fabio

Gruß, Bla.


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