Physiker sind keine Priester, auch wenn die Astros gern so tun
Dank an Falkenauge und eddie09, dass sie dieses Thema nicht scheuen und hier anschneiden.
Ich halte es für eine Unsitte, dass Astrophysiker wie Hawking sich als Priester aufführen, und den Menschen meinen sagen zu können, wie Leben und Welt beschaffen seien. Dieser Hang zum Pastorenhaften ist m.E. eine Charakterschwäche. Es ist die Brutalität des Materialismus, die sie in die Metaphysik auswuchert. Diese Leute spekulieren, nicht mehr und nicht weniger, und zwar in Form ihres akademisch genormten Hypothesen-Legos.
Über die Dinge, die wir mit der Materie machen wollen und sollen, kann die Physik jedoch KEINE Aussage treffen. Physik ist die Kunde des Körperlichen, sie macht Wenn-Dann-Aussagen dessen, was wir körperlich machen können. Beispiel:
Wenn ich diesen Stein unter den Randbedingungen fallen X lasse, dann beschleunigt er gemäß einer Gesetzesform f(X). Eine Handlungsvoraussetzung X resultiert also in einem Phänomen f(X).
Die Grenzen der Physik liegen in der Gewissenhaftigkeit, mit der man die Randbedingungen X aufdröselt. Üblicherweise passiert das hauptsächlich unbewußt, oder "kanonisch", d.h. nach Schema. Das zeigt sich in der gewaltigen Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis, wenn beispielsweise ein Standardexperiment nicht nach Lehrbuch funktioniert. An den Randbedinungen X hängt nämlich in Wahrheit ein ganzer Komplex indirekter Forderungen, die keineswegs in der Lehrbuchform der physikalischen Gesetze auftauchen. Statt dem vollständigen X wird dort nur ein x erwähnt, und der Unterschied x!=X bleibt verborgen in einem Dickicht teils unreflektierter Gewohnheiten. Für den fallenden Stein wäre nach Lehrbuchform etwa x die Fallhöhe und f die Fallgeschwindigkeit. Dass dieses f(x) aber nur exakt unter sehr exotischen Bedingungen gilt (also etwa im Vakuum, bei exakt homogenem Schwerefeld etc.), wird nicht als Formel, sondern bestenfalls als Text erwähnt. Für fortgeschrittenere physikalische Gesetze fehlen diese Erklärungen meistens, v.a. weil sie als "offensichtlich" oder "trivial" gelten.
Dazu gehört z.B. die Überzeugung, dass perpetua mobilia "unmöglich" seien. Eine materiell gedachte und unsterbliche Seele wäre zweifellos auch ein perpetuum mobile. Die Energie müsse "irgendwoher" kommen. Tatsächlich ist diese Überzeugung ein mächtiges Schema, unerkannte Energiequellen zu lokalisieren. Wie tief religiös unsere Beziehung zu solchen Schemata ist, zeigt sich allerdings, wenn wir mit Phänomenen konfrontiert sind, wo das Schema nicht funktioniert. Wir beginnen dann, erstaunlich frei und dreist zu spekulieren. Und zwar genauso dreist, wie man es den Metaphysikern bei ihren Spekulationen über Seele und Leben vorwirft.
Beispiel 1:
Die Bewertung der Kernkraft. Sie müsse "böse" sein, weil es "soviel" ist und sie so "unbeherrschbar" wirkt. Wir "bannen" sie also.
Beispiel 2:
Die menschliche Gedankenkraft. Sie müsse "Illusion" sein, weil wir sie nicht messen können. Dass Überzeugungen aber physisch manifestierbar sind, wird keiner leugnen. Allein, wir bräuchten keine Gerichte, wenn wir die Relation "Überzeugung->Handlung" gesetzesgenau abbilden könnten.
Die Physik ist also nur so stark, wie man sich Rechenschaft über ihre metaphysischen/unbewußten Voraussetzungen ablegt. Die Endlichkeit unseres Bewußtseins, wie sie uns im Sterben oder im Nicht-Wissen begegnet, zeigt die Bindung physikalischer Weltbilder an unsere Bewußtseinstiefe. Modelle von etwas zu entwerfen, dass wir wie das Leben nur in Fragmenten kennen, bleibt eine zutiefst subjektive Angelegenheit.
Und schlußendlich die subjektive Beschränkung zum "Relativitäts"-Prinzip zu erheben, zeigt, wie sehr die Naturphilosophie als akademische Physik zum Zirkelschluss innerhalb ihrer eigenen Grenzen verkommen ist.
Es leben die Deutungsfreiheit und die lebendige Wirklichkeit (zu der der Tod wie die Nacht zum Tage gehört)!
Grüße
nvf33