"Sparen" nur sinnvoll mit Termin definierbar; Negativzinsen

politicaleconomy, Mittwoch, 29.04.2015, 20:35 (vor 3913 Tagen) @ CalBaer5351 Views
bearbeitet von unbekannt, Mittwoch, 29.04.2015, 21:30

Hi,

Guthaben sind nur Folge der Kreditschoepfung, irgendwo muss das Geld ja
bleiben, wenn man es nicht verbrennen will.

Klar.

Wer wirklich entsparen will, muss einfach die Kreditschoepfung
unterbinden.

Das scheint mir eher ein Kurzschluss zu sein. Eine sinnvolle Definition von "Sparen" kann nur sein, "Sparen über den Fälligkeitstermin des zugrundeliegenden Kredits hinaus" - nur DANN entsteht ein "Nachschuldnerproblem". Da hat der dottore völlig recht.

Wer entsparen will, muß daher dafür sorgen, daß Guthaben nicht über die Fälligkeitstermine der Kredite hinaus gehalten werden. "Surplus Recycling Mechanism" nennt Varoufakis das (wobei er leider - wie Du - den entscheidenden Termin-Aspekt vergißt). Er listet auch verschiedene Möglichkeiten auf, wie so etwas bisher gemacht wurde und gemacht werden kann: es kann über Geldpolitik gemacht werden, auf zwischenstaatlicher Ebene durch flexible Wechselkurse, es kann durch steuerliche Umverteilung gemacht werden, durch eine Clearing Union a la Keynes etc.

Mit Negativzinsen will man aber genau das Gegenteil erreichen,
naemlich die Kreditschoepfung wieder anzukurbeln,

Das schon.

wobei die Sparbetraege
dann logischerweise wieder steigen.

Das der Theorie nach gerade nicht. Ein Zinssatz unter der Infla-Rate führt dazu, daß Geldhaltung zu einem Verlust an Nominalvermögen führt, dann spart man lieber in anderer Form. Bei einem Zinssatz über der Infla-Rate dagegen erzielt man mit Sparen einen Gewinn von Nominalvermögen.

Umgekehrt: ein Zinssatz unter der Infla-Rate = Preissteigerungsrate bedeutet, daß Schuldner später leichter tilgen können.

Allgemein: Zinsen < Infla begünstigt Schuldner (weshalb dann alle eine Netto-Schuldnerposition einer Netto-Gläubigerposition vorziehen, also c.p. also Guthaben abbauen und sich verschulden wollen), Zinsen > Infla begünstigt Gläubiger (weshalb dann alle "sparen", d.h. Guthaben aufbauen, aber sich nicht verschulden wollen).

Das ist doch die ganze Basis des Konjunkturphänomens.

Negativzinsen sind daher ein Unsinn
hoch drei.

Ich denke eher, Du hast nur nicht verstanden, worum es geht.

In der gegenwärtigen Situation nach 2008 sind sich einfach alle unsicher: Geld scheint sicher, Aktien boomen im Prinzip, aber nach 2008 ist das Vertrauen in Aktien gesunken, sodaß Leute angesichts eines erwartbaren weiteren Crashs lieber Geld halten - und selbst Negativzinsen in Kauf nehmen, die bei Deflation oder Nullinflation ja nicht zu einem allzu großen Nominalvermögensverlust führen. Das damit verbundene Sicherheitsgefühl (im Vergleich z.B. zum Halten von Aktien in dieser volatilen Lage) "bezahlt" man offensichtlich gern mit diesem geringfügigen Nominalverlust.

Erst positive Erwartungen in Bezug auf die realwirtschaftliche Entwicklung - v.a. Absatzerwartungen seitens der Unternehmen und Erwartungen in Bezug auf Beschäftigung/Arbeitsplatzsicherheit und positiver Lohnentwicklung für die Lohnabhängigen - würde zur Bereitschaft führen, systematisch Sparguthaben abzubauen und Kredite für Real-Investitionen aufzunehmen.

Das aber würde voraussetzen, wie Roosevelt 1939ff. und dann Bretton Woods 1944 - die finanzkapitalistische Spielanordnung radikal zu beenden (Finanzmärkte regulieren) und zu einer realkapitalistischen zurückzukehren.

Müßten Zinsen für Schulden UND für Guthaben gezahlt werden, bestünde kein Anreiz zu übermäßigem Sparen UND kein Anreiz zu übermäßiger Verschuldung - und Schulden würden nicht mehr um ihrer selbst willen, sondern nur zur Ermöglichung realwirtschaftlicher Transaktionen eingegangen (Clearing verhindert Aufschuldung)

Genau das war Keynes' in 1944 in Bretton Woods vorgeschlagene (und von Hjalmar Schacht inspirierte) Idee einer "Clearing Union". Die hat nicht nur Varoufakis jetzt wieder in die Diskussion gebracht, sondern die z.B. auch der chinesische ZB-Chef und Dominique Strauss-Kahn oder Leute wie Jan Kregel und Luca Fantacci. Diese Idee wurde aber von den USA 1944 blockiert und seither bekämpft, weil die USA davon profitieren, daß der Dollar als internationales Zahlungsmittel fungiert und nicht eine internationale Verrechnungseinheit wie der von Keynes vorgeschlagene "bancor".

Von einer eurasischen Union als neuem Hegemonen dagegen könnte dieser Plan durchaus umgesetzt werden (nicht umsonst haben die Chinesen das vorgeschlagen) ... das Ende des Dollar als Leitwährung deutet sich ja längst an.

Das ginge auf der Ebene einer globalen Zentralbank, die zwischen den nationalen Zentralbanken verrechnet und dafür von Schuldnern Zins nimmt, von Gläubigern Negativzins (bzw. eine Guthabengebühr berechet) prinzipiell gut, wie sich das auf die unterste Ebene der Kreditvergabe zw. Nichtbanken und Geschäftsbanken auswirken würde, wäre erst noch zu durchdenken bzw. empirisch anzuschauen (die europäische Zahlungsunion von 1950 - 1958 (Details) hat ein solches System benutzt, allerdings mit einem anderen Ziel, nämlich, die damalige Dollarknappheit durch eine innereuropäische Verrechnungseinheit zu umgehen).

Die Funktionsweise eines solchen Gesamtsystems müßte ich selber erstmal genauer durchdenken. Bemerkenswert daran ist aber, daß national jede Nation intern im Prinzip machen kann, was sie will, solange sie nur über längere Fristen ihre Leistungsbilanz ausgleicht, also weder UNTER noch ÜBER ihre Verhältnisse lebt (derzeit leben die Griechen über, die Deutschen unter ihren Verhältnissen, die USA weit über ihren Verhältnissen, haben aber im Gegensatz zu den Griechen (noch) die Macht, sich das "leisten" zu können).


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