Spannend ... versuche, ein paar Fragen zu präzisieren ...

politicaleconomy, Dienstag, 31.03.2015, 23:30 (vor 3941 Tagen) @ Liated mi Lefuet4732 Views

Hallo Liated!

Trotz intensiver Suche: Zum geltenden Recht habeich nichts

gefundenen.

Der Inhalt der Transaktionen ist fein bis ins Detail dokumentiert.

Was

genau möchtest Du wissen?

Welche Güter genau wurden "gehandelt", wie wurden sie produziert?

Wurden

Restsalden als Notwendigkeit der Anpassung von Preisen gesehen? Oder

wurde

mehr Druck auf den Schuldner ausgeübt? Oder Druck auf den Schuldner,

mehr

zu produzieren, gleichzeitig auf den Gläubiger, mehr zu kaufen und so
seine Forderungsposition abzubauen (wie bei Keynes vorgesehen)?


„Gehandelt“ gehört -völlig richtig- in Anführungszeichen, weil es
mMn nicht Güter-Handel im heutigen Sinne war. Denn wie bereits gesagt ,
habe ich keinerlei Belege gefunen, jemand –sagen wir X- besorgte sich
etwas billig bei A, um es dann teuer an B loszuschlagen.

Also keine "Händler" oder "Kaufleute" - Leute, die nichts produzieren, sondern an Preisdifferenzen verdienen. Aber mit einer abstrakten Recheneinheit, in der "Buch geführt" wurde, war eine für "Händler" notwendige Vorbedingung schon gegeben. Andere notwendige Vorbedingungen offensichtlich noch nicht.

*Wir* sind so.
Aber die Mesopotamier waren es wohl nicht: Sondern A und B tauschten
direkt: ohne X. Sei es intern im Stadt-Staat, oder unter Staatstaaten.

Sprich: Im Stadt-Staat intern haben sich die Menschen im Alltag mMn wohl
in etwa so verhalten, wie das heutige Tiv-Volk in Nigeria.
Ich
zitiere mich:
…(.)…Laut David Graeber…()…In einem
abgelegenen Dorf der Tiv ..(.)..ist es verpönt -sozusagen extrem
unanständig- sich mit den Worten <<Vielen herzlichen Dank!>> zu bedanken,
wie es die Anthropologin Laura Bohanna gewohnheitsmäßig/dressiert vom
westlichen Lebensteil tat, als ihr Frauen des Dorfes allerlei Lebensmittel
überreichten, kaum war sie Dorf angekommen: Ähren, Getreide, ein
Speisekürbis, ein Huhn, fünf Tomaten. Grund: Die Tiv erwarten eine
Gegenleistung für einen Gefallen: den Gegen-Gefallen. So entstehen bei
den Tiv im Alltag per Saldo sich laufende ändernde Beziehungen, zwischen
jenen, die einen Gegen-Gefallen zu gut haben (‘Gläubiger’) bzw.
jenen, die einen Gegen-Gefallen schulden (Schuldner) unsichtbar in den
Köpfen der Tiv
. Da die Tiv natürlich sterblich sind, "sterben"
Stadt-Staat intern bei jedem Tod eines Tiv a u c h offene Schulden und
Guthaben in ihrem dezentralen
Clearing-Netzwerk
, das sie unsichtbar verknüpft.

Wie wir es auch heute unter Nachbarn noch kennen. Aber, ich vermute: das funktioniert (1) ohne allgemeine Recheneinheit, (2) nur bilateral (! - d.h. ein Anspruch auf Gegenleistung kann NICHT an Dritte weitergereicht werden), und (3) Ansprüche haben keinen konkreten Fälligkeitstermin, (4) je nach Person und Situation des "Schuldners" kann der Anspruch auf Gegenleistung für ein und dieselbe Leistung ganz unterschiedlich ausfallen, d.h. es gibt kein "Preissystem": auch wenn man heute seinem Kind ein ferngelenktes Spielzeugauto im Wert von mehreren hundert Euro schenkt, erwartet man als Gegenleistung nicht einen Gegenwert von einigen hundert Euro, sondern etwas, was das Kind schenken KANN (z.B. ein selbstgemaltes Bild).

Die Tauschrelationen oder Anspruchsrelationen sind also an konkrete Personen und deren konkrete Situation gebunden und daher kontextspezifisch - es werden nicht in einer allgemeinen Recheneinheit "bewertete" Äquivalente getauscht, sondern menschliche Gefühle ausgetauscht und Beziehungen gepflegt.

Kann A dagegen einen in einer abstrakten Recheneinheit ("money of account") denominierten Anspruch gegenüber einem B an einen Dritten, C, weiterreichen, nehmen sich Gläubiger und Schuldner nicht mehr primäre als konkrete Menschen in einer konkreten Situation wahr, sondern als abstrakte ("freie und gleiche") "Rechtspersonen" (oder als "zivilisierte Subjekte" ....brrrr).

Der Austausch der Tempel (später Paläste) untereinander liess sich wohl
nicht im Kopf bewältigen wie bei den Tiv. Er war um Größenordnungen
umfangreicher und benötigte Clearing-Abrechnungen, um die Salden
überhaupt auszurechnen _u_n_d_ sich daran „erinnern“ zu können.

Mag sein ... da sind sicher unterschiedliche Vermutungen und Hypothesen möglich.

Wie ich bereits hier Thread erwähnte: Solche Clearing-Abrechnungen
erstellte man pro Jahresende und trug den Saldo ins nächste Jahr vor.
Clearing-Abrechnungen waren demnach –ich finde es plausibel- ein stark
komprimierter Zusammenzug aus hunderten(?) Tontäfelchen des
Tagesgeschäftes. Das alles innerhalb des Jahres im Gedächtnis zu
behalten, dann Ende Jahr aus dem Kopf aufzuschreiben und schriftlich
abzurechen, halte ich für faktisch unmöglich.

Interessant scheint mir, daß es bei rein persönlichem Tausch wie bei den Tiv oder unter Nachbarn auch gar nicht nötig ist. Wenn man einen Anspruch vergißt, vergißt man ihn eben! Wenn es angemessen ist, vergißt man einen Anspruch einfach auch mal - oder einfach nur, weil er einem nicht so wichtig ist.

Kurz: Unter solchen Umständen bildete sich vermutlich kein dynmisches
Spiel von Angebot und Nachfrage. Sowie der "Druck" der Gläubiger auf
Schuldner wohl eher gering.

Das mag sein, muß aber nicht sein - ich denke eher, der "Druck" war nicht formalisiert, sondern eher person- und situationsgebunden, und die "Druckmittel" - wenn welche eingesetzt wurden - einfach andere: Klatsch im Dorf eben. "Ich hab dem beim vorvorletzten Neumond mit Ziegenmilch ausgeholfen als er keine hatte, und jetzt hat er jede Menge Nüsse, die er gar nicht alle essen kann - aber bei mir hat er sich noch nicht blicken lassen!". Man "schwärzt den "Schuldner" bei anderen an - nur ein Beispiel für andere, wohlbekannte Muster.

Aber keine unabhängige dritte Instanz, die "über" den Gläubigern und Schuldnern steht und die Gläubiger zur "Vollstreckung" ihrer Ansprüche in Anspruch nehmen können. Im Zweifelsfall geht man mit ein paar schlagkräftigen Freunden zum "Schuldner" und "erinnert" ihn, daß da noch ein "Anspruch" besteht.

Auch intern im Stadt-Staat, setzte jeweils der Herrscher die
Relationen unter den abstrakten Rechen-Einheiten fest:
Das erwähnte kù (sumerisch Rechen-Einheit Silberwert) konnte
man beispielsweise in "weibliche Arbeitszeit" oder "Gerste" bzw.

vice versa umrechnen. "Gute" solche Preis-Relationen, wurden
als gutes Regieren empfunden.

"Gute Preisrelationen" als "gutes Regieren" ... gut = solche
Preisrelationen, die Clearing ermöglichen, also dafür sorgen, daß

sich

keine Verschuldungssalden (sprich: Spannungen zw. Gläubigern und
Schuldnern) aufschaukeln?


Sorry, ich hätte besser „faire Preisrelationen“ schreiben sollen.

Ok ... aber was genau hieß "fair" aus Sicht von "Gläubiger" und "Schuldner"? Sowas wie ich oben beschrieben habe - person- und situationsgebunden?

Erst nach dem Niedergang der Tempel (c.a. 21. Jh. v. Chr. abgeschlossen)
, gab es schweres, missbräuchliches Festsetzen der Preisrelationen
ausgehend von den Palästen, die neu aufgekomen Herrscher-Haushalte
(H-H).(Wie ich Silke ggü erwähnte). Nissen et al. präsentieren
Clearing-Abrechnungen einer Mühle an den (H-H). Der H-H beutete die Leute
der Mühle aus (die für den H-H Mehl produzierten und weitere Dienste
erbringen musste): knallhart, rücksichtslos. Der H-H lieferte Getreide und
schrieb das zu erfüllende Soll zwingend vor, das die Mühle nun schuldete
und durch Mehl-Lieferungen verminderte (--->Clearing). Verrechnet wurden
Getreide-Anlieferungen bzw. Mehl-Ablieferungen (und sonstige, andere
Dienste für den H-H und dessen Günstlinge) in „weiblicher
Arbeitszeit“, deren Relationen der H-H zum Nachteil der Mühle
festgesetzt hatte. Nissen et al. haben diese Daten analysiert. Sie
beweisen, die Frauen in der Mühle mussten bis zur totalen Erschöpfung
schuften: Für ein wenig Mehl (das sie als Lohn erhielten).

Da würde ich mich fragen, wieso und wozu die "Ausbeutung"? Schlechtes Klima, schlechte Ernten? Oder gesellschaftsinterne Veränderungen?

Zahlreiche Arbeiter entflohen aus solchen Betrieben, wie andere
Ton-Täfelchen bezeugen. Verstarb ein Mühle-Aufseher, wurde sein Nachlass
eingezogen, um noch offene Schulden ggü dem H-H zu begleichen. Reichte das
nicht, wurden seine Familien-Mitglieder zwangsweise unter die
Mühle-Arbeiter eingliedert. Sprich: faktisch versklavt. Nachzulesen bei:
Nissen et al. , (1990), <<Frühe Schriften und Techniken der
Wirtschaftsverwaltung im alten, Vorderen Orient>>, Seiten 84 ff.

Mh ... seltsam. Die Gründe für diese Veränderungen scheinen rätselhaft. Vielleicht kommt man Antworten näher, wenn man das mit ähnlichen Veränderungen vergleicht, die sich später in der Geschichte ergeben haben - beim Übergang vom Spätmittelalter zur Neuzeit vielleicht? Da spielte eine Klimaveränderung (kleine Eiszeit ab 1303) eine wichtige Rolle ... vielleicht auch damals?

Welche Hypothesen gibt es zur Erklärung dieser seltsamen Veränderung, aus welcher ideologischen Position heraus und in wessen Interesse könnten diese Hypothesen jeweils formuliert worden sein? etc. etc.

Sorry ... viele Fragen! Vielleicht auch dumme Fragen - ich weiß, das kann nervig sein! Aber ich hab mir die (Hinter-)Fragerei nie abgewöhnen lassen! [[lach]]

Handel im heutigen Sinn – sprich: X denkt sich billig bei A ein, und
verhökert es teuer an B – war (Irrtum vorbehalten) noch nicht
entwickelt. Wohl ungefähr gegen 1800 v. Chr. war es soweit, aber nicht
wegen der H-H sondern entstand wegen privaten Unternehmern wie bspw. der
Protobanker
Dumuzi-Gamil. Dieses Document mit „running account“
durchsuchen.

Mh ja, verbunden mit privaten Eigentum (an Grund und Boden, so wie in Griechenland 800v.Chr. ff.?) Goetzmanns Text ist super.

Grüße!
PE


gesamter Thread:

RSS-Feed dieser Diskussion

Werbung

Wandere aus, solange es noch geht.