Clearing, Gleichschritt von Käufen/Verkäufen, Interesse der Banken an Abweichung vom Gleichschritt

politicaleconomy, Donnerstag, 26.03.2015, 21:27 (vor 3946 Tagen) @ Liated mi Lefuet4908 Views

Hallo Liated,

danke!

Nur bilateral (aka: denzentral, also ohne Zentrale).


Hatte ich so schon vermutet. Also konnte der jeweilige Gläubiger seine
Forderung nicht zu "Zahlungszwecken" an Dritte weiterreichen (korrekt?)

-

also war auch keine spekulative Blasenbildung (Herdenverhalten)

möglich,

würde ich sagen.


Richtig: Der Gläubiger konnte seine Forderung nicht zedieren. Auf diese
Blitzidee kamen nach meinem momentanen Wissenstand erst
Private
Unternehmer im 1800 v. Chr.
Ich befürchte der „Random Walker“,
von dem ich immer fasle, hatte von 3400 - 1800 v.Chr. viel Zeit die
Verrechnungsalden (Zuerst unter den Tempeln, dann unter Palästen)
schleichend langsam hoch zu schaukeln und für Streit, Hader und Chaos zu
sorgen.

Eine interessante Hypothese. Mir war erst kürzlich aufgefallen, daß - um mit Stützel zu sprechen - bei einem Gleichschritt von Käufen und Verkäufen gar keine Verschuldungssalden anfallen; daß aber Banken ja gerade an der Finanzierung solcher Salden verdienen und deswegen natürlich ein massives Interesse daran haben müssen, daß solche zustandekommen! Mit den ihnen verfügbaren Mitteln darauf hinzuwirken, ist also eine zentrale Profitstrategie von Banken. Am besten verdienen sie dabei an Schuldnern, die chronisch zahlungsunfähig bleiben müssen, für die aber andere "sichere" Schuldner haften: Staaten. Genau diese Strategie haben die US-Banken gegenüber den Entwicklungsländern (mithilfe des IWF) gefahren, diese Strategie läuft nun auch in GR. Stadermann hat dazu geschrieben.

M.W. nicht. Auf den jährlichen Abrechnungen (-->könnte man
"Fi bu-Beleg" nennen) der Handelsagenten wurde der Saldo
simpel aufs nächste Jahr übertragen: Sprich stehen gelassen,
für weiteres Verrechnen (Clearing).


Ok. Da wäre die Frage, inwieweit Gläubiger und Schuldner hier
Vereinbarungen fürs weitere Vorgehen getroffen haben. Wenn man das
sinnvoll untersuchen will, bräuchte man genauere Informationen über

den

Inhalt der Transaktionen, das geltende "Recht", usw.


Trotz intensiver Suche: Zum geltenden Recht habeich nichts gefundenen. Der
Inhalt der Transaktionen ist fein bis ins Detail dokumentiert. Was genau
möchtest Du wissen?

Welche Güter genau wurden "gehandelt", wie wurden sie produziert? Wurden Restsalden als Notwendigkeit der Anpassung von Preisen gesehen? Oder wurde mehr Druck auf den Schuldner ausgeübt? Oder Druck auf den Schuldner, mehr zu produzieren, gleichzeitig auf den Gläubiger, mehr zu kaufen und so seine Forderungsposition abzubauen (wie bei Keynes vorgesehen)?

Etc.

In diesem Fall wäre die Forderungssumme auch nicht begrenzt durch
vorhandene Silbervorräte - sondern eine solche Begrenzung wäre von
vornherein unsinnig, da ja ausschließlich verrechnet wird, d.h. die
Forderungen selbst als "Zahlungsmittel" genutzt werden: A kauft bei B
Gerste im Wert von 100 Silbereinheiten, B hat nun eine Forderung gegen

den

A über 100 Silbereinheiten. Nun kauft A bei B Wolle im Wert von 100
Silbereinheiten und "bezahlt", indem er dem B die gegen diesen

gerichtete

Forderung zurückreicht, die damit vernichtet wird. Erfüllt wurde sie

in

Gütern im Wert des Forderungsbetrags.


Völlig richtig. Könnte man so ergänzen: Erfüllt wurde sie in Gütern
im Wert des Forderungsbetrags: Was den Erfüller entschuldete und den
Erfüllten entguthabte.


Ja, genau. Und wenn Käufe und Verkäufe sich über einen bestimmten Zeitraum die Waage halten, entstehen keine dauerhaften Verschuldungssalden. Stützel nennt das "Gleichschritt" von Käufen und Verkäufen.

Da dieses wegen des Clearing nicht benötigt wurden, sondern Silber nur

als

Wertstandard gebraucht und genutzt wurde?


Ja. Silber in specie spielte nur eine marginalste Rolle wegen des
allgegenwärtigen Clearings.

Ja, ergibt Sinn. "Bei Gleichschritt von Käufen und Verkäufen ergibt sich kein nennenswerter Zahlungsmittelbedarf".

Auch intern im Stadt-Staat, setzte jeweils der Herrscher die

Relationen

unter den abstrakten Rechen-Einheiten fest: Das erwähnte kù konnte
man beispielsweise in "weibliche Arbeitszeit" oder "Gerste" bzw. vice

versa umrechnen. "Gute" solche Preis-Relationen, wurde als gutes
Regieren empfunden.


Interessant.


Ja und das Paradebeispiel, das angebliche Schwierigkeiten Tausch-Partner
zu finden, so locker vom Hocker umgangen wurden. Ohne dass es ein
angebliches Standard-Tauschmittel gebraucht hätte.

"Gute Preisrelationen" als "gutes Regieren" ... gut = solche Preisrelationen, die Clearing ermöglichen, also dafür sorgen, daß sich keine Verschuldungssalden (sprich: Spannungen zw. Gläubigern und Schuldnern) aufschaukeln?

Ich würde meinen, solche Preisrelation waren inter-regional
üblich und eingespielt. Schachern und Feilschen passen gar nicht zur
damaligem Handelsmentalität, und wären (vermute ich) ein Affront
gegen das Herrscher-Haus gewesen.


Ja, würde ich auch vermuten. Die Frage wäre also, wie kommt es zur
Zession unter "Privaten", und damit der Möglichkeit von "Credit

Bubbles"

mit spekulativen Preisinflationen.

Und aus dieser Zession (Gläubigerwechsel) als
Grundform multilateraler Clearing-Beziehungen dürften dann Banken
entstanden sein - waren das zuerst private Banken? Oder "öffentliche"

(dem

Herrscherhaus unterstellte)?


Tempel (später Paläste) übten keinerlei Bankfunktionen aus. Das weist
Renger klipp und klar nach.

Ja ... ergibt Sinn, hätte ich so erwartet. Banking geht von "Privaten" aus.

Die seinerzeit wohl im 18.Jh. v. Chr. aufkeimenden Proto-Banker konnten
mit ihrem Kundenkreis zentral (aka: multilateral) verrechnen.
Aber die Proto-Banker u n t e r e i n a n d er im inter-regionalen Rahmen
konnten allerhöchstens wiederum nur dezentral (aka: bilateral) verrechnen,
weil Ihnen eine zentrale Abrechnungsstelle à la Bancor fehlte.

Ja - und sie brauchten daher auch ein "Zahlungsmittelgut"? Später wurden zur Lösung dieses Problems - und des Illiquiditätsproblems der Banken !!! - ja nationale Zentralbanken geschaffen ... die aber untereinander wiederum ihre Salden in Gold beglichen (Goldstandard, mit Gold als internationalen Zahlungsmittel).

Seit 1945 dann die seltsame Situation, daß - nach dem Kippen von Keynes' Plan einer Internationalen Clearing Union durch die USA - deren nationale Währung zugleich auch als internationales Zahlungsmittel fungiert ...

Mal so gefragt: wer profitiert denn von den massiven internationalen Handelsbilanzungleichgewichten? Wer finanziert diese denn? Nachtigall, ick hör Dir?

Du siehst:
Das Problem das u.a. Keynes entdeckte, ist Jahrausende alt und wird eben
solange nicht (an)erkannt, ignoriert. Leider:- (

Ja, scheint so zu sein - ich habe es selber erst kürzlich begriffen, nicht zuletzt Dank Deiner Hinweise! Ist aber ja im Grunde absolut zentral ... ich bleibe dran, das näher zu durchdenken.

Besten Dank und viele Grüße!


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