Handel im Wandel: in Mesopotamien und heute
Sali PE
Trotz intensiver Suche: Zum geltenden Recht habeich nichts gefundenen.
Der Inhalt der Transaktionen ist fein bis ins Detail dokumentiert. Was
genau möchtest Du wissen?
Welche Güter genau wurden "gehandelt", wie wurden sie produziert? Wurden
Restsalden als Notwendigkeit der Anpassung von Preisen gesehen? Oder wurde
mehr Druck auf den Schuldner ausgeübt? Oder Druck auf den Schuldner, mehr
zu produzieren, gleichzeitig auf den Gläubiger, mehr zu kaufen und so
seine Forderungsposition abzubauen (wie bei Keynes vorgesehen)?
„Gehandelt“ gehört -völlig richtig- in Anführungszeichen, weil es mMn nicht Güter-Handel im heutigen Sinne war. Denn wie bereits gesagt , habe ich keinerlei Belege gefunen, jemand –sagen wir X- besorgte sich etwas billig bei A, um es dann teuer an B loszuschlagen. *Wir* sind so. Aber die Mesopotamier waren es wohl nicht: Sondern A und B tauschten direkt: ohne X. Sei es intern im Stadt-Staat, oder unter Staatstaaten.
Sprich: Im Stadt-Staat intern haben sich die Menschen im Alltag mMn wohl in etwa so verhalten, wie das heutige Tiv-Volk in Nigeria. Ich zitiere mich: …(.)…Laut David Graeber…()…In einem abgelegenen Dorf der Tiv ..(.)..ist es verpönt -sozusagen extrem unanständig- sich mit den Worten <<Vielen herzlichen Dank!>> zu bedanken, wie es die Anthropologin Laura Bohanna gewohnheitsmäßig/dressiert vom westlichen Lebensteil tat, als ihr Frauen des Dorfes allerlei Lebensmittel überreichten, kaum war sie Dorf angekommen: Ähren, Getreide, ein Speisekürbis, ein Huhn, fünf Tomaten. Grund: Die Tiv erwarten eine Gegenleistung für einen Gefallen: den Gegen-Gefallen. So entstehen bei den Tiv im Alltag per Saldo sich laufende ändernde Beziehungen, zwischen jenen, die einen Gegen-Gefallen zu gut haben (‘Gläubiger’) bzw. jenen, die einen Gegen-Gefallen schulden (Schuldner) unsichtbar in den Köpfen der Tiv. Da die Tiv natürlich sterblich sind, "sterben" Stadt-Staat intern bei jedem Tod eines Tiv a u c h offene Schulden und Guthaben in ihrem dezentralen Clearing-Netzwerk , das sie unsichtbar verknüpft.
Der Austausch der Tempel (später Paläste) untereinander liess sich wohl nicht im Kopf bewältigen wie bei den Tiv. Er war um Größenordnungen umfangreicher und benötigte Clearing-Abrechnungen, um die Salden überhaupt auszurechnen _u_n_d_ sich daran „erinnern“ zu können.
Wie ich bereits hier Thread erwähnte: Solche Clearing-Abrechnungen erstellte man pro Jahresende und trug den Saldo ins nächste Jahr vor. Clearing-Abrechnungen waren demnach –ich finde es plausibel- ein stark komprimierter Zusammenzug aus hunderten(?) Tontäfelchen des Tagesgeschäftes. Das alles innerhalb des Jahres im Gedächtnis zu behalten, dann Ende Jahr aus dem Kopf aufzuschreiben und schriftlich abzurechen, halte ich für faktisch unmöglich.
Kurz: Unter solchen Umständen bildete sich vermutlich kein dynmisches Spiel von Angebot und Nachfrage. Sowie der "Druck" der Gläubiger auf Schuldner wohl eher gering.
Auch intern im Stadt-Staat, setzte jeweils der Herrscher die
Relationen unter den abstrakten Rechen-Einheiten fest:
Das erwähnte kù (sumerisch Rechen-Einheit Silberwert) konnte
man beispielsweise in "weibliche Arbeitszeit" oder "Gerste" bzw.
vice versa umrechnen. "Gute" solche Preis-Relationen, wurden
als gutes Regieren empfunden.
"Gute Preisrelationen" als "gutes Regieren" ... gut = solche
Preisrelationen, die Clearing ermöglichen, also dafür sorgen, daß sich
keine Verschuldungssalden (sprich: Spannungen zw. Gläubigern und
Schuldnern) aufschaukeln?
Sorry, ich hätte besser „faire Preisrelationen“ schreiben sollen.
Erst nach dem Niedergang der Tempel (c.a. 21. Jh. v. Chr. abgeschlossen) , gab es schweres, missbräuchliches Festsetzen der Preisrelationen ausgehend von den Palästen, die neu aufgekomen Herrscher-Haushalte (H-H).(Wie ich Silke ggü erwähnte). Nissen et al. präsentieren Clearing-Abrechnungen einer Mühle an den (H-H). Der H-H beutete die Leute der Mühle aus (die für den H-H Mehl produzierten und weitere Dienste erbringen musste): knallhart, rücksichtslos. Der H-H lieferte Getreide und schrieb das zu erfüllende Soll zwingend vor, das die Mühle nun schuldete und durch Mehl-Lieferungen verminderte (--->Clearing). Verrechnet wurden Getreide-Anlieferungen bzw. Mehl-Ablieferungen (und sonstige, andere Dienste für den H-H und dessen Günstlinge) in „weiblicher Arbeitszeit“, deren Relationen der H-H zum Nachteil der Mühle festgesetzt hatte. Nissen et al. haben diese Daten analysiert. Sie beweisen, die Frauen in der Mühle mussten bis zur totalen Erschöpfung schuften: Für ein wenig Mehl (das sie als Lohn erhielten).
Zahlreiche Arbeiter entflohen aus solchen Betrieben, wie andere Ton-Täfelchen bezeugen. Verstarb ein Mühle-Aufseher, wurde sein Nachlass eingezogen, um noch offene Schulden ggü dem H-H zu begleichen. Reichte das nicht, wurden seine Familien-Mitglieder zwangsweise unter die Mühle-Arbeiter eingliedert. Sprich: faktisch versklavt. Nachzulesen bei: Nissen et al. , (1990), <<Frühe Schriften und Techniken der Wirtschaftsverwaltung im alten, Vorderen Orient>>, Seiten 84 ff.
Handel im heutigen Sinn – sprich: X denkt sich billig bei A ein, und verhökert es teuer an B – war (Irrtum vorbehalten) noch nicht entwickelt. Wohl ungefähr gegen 1800 v. Chr. war es soweit, aber nicht wegen der H-H sondern entstand wegen privaten Unternehmern wie bspw. der Protobanker Dumuzi-Gamil. Dieses Document mit „running account“ durchsuchen.
Zu den Weiteren, von Dir angesprochenen Punkten, komme ich den nächsten Tagen.
Freundlicher Gruß
Liated