Für Deinen Sohnemann

Liated mi Lefuet, Dienstag, 24.03.2015, 12:39 (vor 3948 Tagen) @ Kurt5794 Views
bearbeitet von unbekannt, Dienstag, 24.03.2015, 13:39

Sali Kurt

Sohnemann eröffnet mir heute, dass er in der
Mittelstufe das im Betreff genannte Referat
halten soll.

Nun konnte ich ihm (beim besten Willen) nicht das
Tauschgeldmärchen erzählen,…(.)

Für Deinen Filius hätte ich eine ergiebige Top-Quelle mit spannenden Fakten: Der 52-Seiten Aufsatz (er kostet Euro 6.84 - hier downloaden: Subsistenzproduktion („S-P“) und redistributive Palastwirtschaft: Wo bleibt die Nische für das Geld? von Johannes Renger aus dem Buch “Rätsel Geld“.

Damit Dein Sohn nicht den ganzen Aufsatz lesen muss (er darf es natürlich;- ) einige Punkte daraus. (Zeitangaben „plus / minus“ ca. 100-200 Jahre)

a) Etwa rund 3500 v. Chr. organisierten Tempel in Mesopotamien die S-P für etwa 1000 Jahre bis 2500 v. Chr. Erst danach die Paläste. Einige Jahrhunderte später tauchen „private Unternehmer auf

(Erst ab rund 3000 treten schriftliche Quellen in Form von Tontäfelchen auf. (Stichwort: Erfindung des Schreibens zuerst von Zahlen. Dann ein paar Generationen später von Wörtern (Piktogrammen), mit denen zunächst nur simpelste Sachverhalte schriftliche darstellen konnte: „dürftige Schlagzeilen“).

b) Tempel könnte man ehesten wohl mit einem Kibuzz vergleichen. Im grossen und ganzen friedlich. Siehe dazu S. 277, 278 von Renger:
[image]

Die Tempel trieben via ihre Handelsagenten auch Tauschhandel mit andern Tempeln. Aber nicht auf der Basis von Edelmetall als angebliches Tauschmittel, sondern schlicht mittels unbarem Verrechnen (aka: Clearing). (Mesopotamien war fruchtbar, aber an Rohstoff „arm“: Zu unterstellen, man hätte zuerst Silber von weit weg geschürft, um genügend „Tauschmittel“ zu haben, um den Tausch zu erleichtern und Staat-Städte hinzuklotzen, scheint mir absurd).

c)Im ganzen Aufsatz von Renger (und andern Quellen) habe ich keinen Hinweis gefunden, ein Tempel (oder später die Paläste) hätte etwas günstig erworben von Tempel A um es dem Tempel B teurer anzudrehen. Trotzdem entstanden logischerweise durch reinen Tauschhandel sogen. <diri>> (auf sumerisch ‘Guthaben-Saldo’) bzw. die sogen. <<la-ni>> (sumerisch ‘Schulden-Saldo’) per Abrechnung der Handelsagenten auf unzähligen Tontäfelchen dokumentiert. (Siehe als Beispiel ein übersetztes Tontäfelchen, das Renger auf S. 292 aufführt. Es zeigt ein „la-ni“, der via Abrechnung auf das Folgejahr vorgetragen wurde). Dasselbe Verfahren benutzte man im Alltag *intern* in den Staatstaden: weit mehr als tausend Jahre, was Renger auf ein Tabelle S. 287 kurz und bündig von 3400-2100 v. Chr. zusammen fasst.

d) Die Nische für den „Money stuff“ (wie es Renger nannte) hatte er nicht gefunden (S.316). Er erwähnte es leider eher implizit, statt explizit Position zu beziehen. Bspw. in der Art: Die Tauschmittel-Theorie ist Unfug. Aber „zwischen den Zeilen“ geht es m. E. klar und deutlich hervor.

Auch bemerkenswert: Die Sumerer kannten gar keinen Begriff, den man mit „Geld“ übersetzen könnte. Siehe S. 282. Das gilt auch für Silber, das gemäss Ur-Namma(König von 2112 bis 2095 v. Chr. als Strafe oder Vertragsstrafe abgeliefert werden musste. Silber war offenbar Wert-Äquivalent wie Gerste oder weibliche Arbeitszeit. Die Strafen unter Herrscher Ur-Namma bewegten sich zwischen 2-4 Korn Silber = 0,09-0,18g wie Renger schreibt (S. 293, ganz unten). Dass es schon damals derart präzise Waagen gegeben hat, scheint ihm (bzw. mir) wohl mehr als fraglich. Übrigens: Die oben erwähnte Abrechnung ist in der Genauigkeit von ½ Korn ausgeführt, das entspricht 0,045 Gramm Silber. Viel zu genau um abgewogen zu werden, aber m.E. typisch pingeliger Buchhalter, der es zu genau nimmt).


Freundlicher Gruss
Liated, der Deinem Sohn einen gelungenen Vortrag wünscht


PS:
Noch kurz zu @Hinterbänkler’s Ansichten: Sehe ich grosso modo auch so. Ja, Matriarchate leb(t)en offensichtlich viel friedlicher und sanftmütiger als Patriarchate. Aber dabei sollten wir nicht vergessen, bspw. für die friedlichen Urvölker der Hazda (Ostafrika) oder Piraha (im Urwald an einem Seitenarm des Amazonas) trifft weder das eine noch das andere zu, sondern schlicht „gleichberechtigt“ (ähnlich wie es Mann/Frau bei den Indianern waren). Besonders faszinierend: Weder Piraha noch Hazda sind religiös. Was sie wohl vom indianischen "Uakan-Tanka" (auch "Wakan-Tanka" genannt) dächten, der keine Frau, kein Mann sei, sondern etwas Geheimnisvolles, das der gesamten Natur „innewohne“?


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