Wow. Warum ist er nicht schon längst hier?

Kurt, Donnerstag, 26.03.2015, 20:04 (vor 3999 Tagen) @ Orlando5087 Views

Ich stöberte noch etwas im Verlagsangebot und stieß auf Tobias Kohl,
Geld und Gesellschaft.
Das hört sich doch recht debitistisch an, die Wüste lebt:

http://www.metropolis-verlag.de/Geld-und-Gesellschaft/1112/book.do


Universität Bielefeld -- die besten Diplomarbeiten 2006 -- Soziologie:

Ich komme damit zum Preis für die beste theoretische Diplomarbeit dieses Semesters. Und dieser Preis geht an --- Herrn Tobias Kohl.

Die Arbeit von Herrn Kohl trägt den Titel „Zum Militär der Gesellschaft. Eine systemtheoretische Untersuchung organisierter Gewalt“.

Systemtheoretisch Eingeweihten verrät der Titel bereits, dass es um den anspruchsvollen Versuch geht, das Militär mit den Mitteln einer soziologischen Theorie zu beschreiben, die beansprucht, umfassende Theorie der modernen Gesellschaft zu sein.

Ich möchte Sie, liebes Publikum, heute abend zwar nicht allzu sehr in die begrifflichen Arrangements eines komplex angelegten Theorievorschlags 5 entführen, aber dennoch hier beschreiben, wie der Autor seine Arbeit über das Militär angelegt hat und worin deren bemerkenswerte Leistungen zu sehen sind.

Der Theorievorschlag von Tobias Kohl lautet als These formuliert, dass sich das Militär über die Organisation von Gewalt politikintern als eigenständiges Subsystem ausdifferenziert.

Entfaltet wird diese These in drei großen Teilen.

Kohl bestimmt zunächst den Begriff der Gewalt im Verhältnis zur Macht – und zwar als eine eigenständige Kommunikationsform, die er im Grenzbereich des Sozialen verortet.

Gewalt stellt – vereinfacht gesagt – keine Kommunikationsunterbrechung dar (wie man auch intuitiv annehmen würde), sondern ist dem Autor zufolge eine Form der Kommunikation. Sie ist destruktiv in der Art und Weise, wie sie die Situationsdefinition des Anderen eng führt und dessen mögliche Anschlusskommunikation behandelt.

Auch im Falle des Einsatzes von Gewalt ist damit die Fortsetzung von Kommunikation nicht ausgeschlossen, vielmehr die Möglichkeit eingeschlossen, dass Gewalt sich in Gegengewalt und Gewaltspiralen perpetuiert.

Der Autor zielt mit seinem Begriff der Gewalt als eigenständiger Kommunikationsform und – mehr noch – als reproduktionsfähiges Kommunikationsmedium darauf, das Systembildungspotential von Gewalt zu unterstreichen – und für eine Theorie des Militärs nutzbar zu machen.

Im zweiten Hauptteil der Arbeit wird das Militär dazu zunächst auf der Ebene der Organisation beschrieben. Durch Organisation gewinnt Gewalt eine neue Qualität. Sie wird erwartbar und zurechnungsfähig. Für militärische Organisationen ist kennzeichnend, dass sie Gewaltpotentiale hinsichtlich ihres Einsatzes gegen andere organisierte Gewaltpotentiale strukturieren. Und sie orientieren sich dabei, so Kohl, an Chancen, die in Konflikten liegen – und erst sekundär an deren Vermeidung.

Kohl behandelt in diesem Teil einerseits einzelne Besonderheiten militärischer Organisation – so den Befehl als Entscheidungsform der militärischen Organisation und die Programmierung der Organisation durch strategische Kalküle. Andererseits verortet der Autor die militärische Organisation im Kontext der Struktur des politischen Systems. In ausgesprochen souveräner und entschiedener Weise manövriert er sich hier durch das schwierige Terrain des 6 systemtheoretischen Staatsbegriffs und verortet das Militär im Verhältnis von Politik und Recht.

Vorbereitet ist damit das eigentliche Argument, das Militär nicht nur als Organisation und Struktur der Politik zu fassen, sondern als eine Beobachtungslogik, die systembildend wirkt.

Der dritte Teil widmet sich dementsprechend dem Militärsystem als einem funktionalen System. Wer sich in der Systemtheorie auskennt, weiß, welche Begründungslasten mit dem Vorschlag verbunden sind, von einem System zu sprechen, zumal im Kontext der Gesellschaftstheorie. Ich werde hier nicht vortragen, wie der Autor all die Begründungslasten mit hoher Souveränität abarbeitet (wie er also die Problemstellung, Codierung und Programmierung, die Kontingenzformel und die Leistungen dieses emergenten Systems spezifiziert).

Wichtig ist mir aber noch der Hinweis, dass der Autor in seiner Beschreibung des Militärsystems keineswegs geneigt ist, sich zum Erfinder und Autor eines neuen Funktionssystems der Gesellschaft zu machen (wie man dies mitunter nicht ohne Fragezeichen bei gestandenen Systemtheoretikern beobachten kann). Es geht Tobias Kohl um die Rekonstruktion des Militärs an einer Systembildung im System – eines Subsystems in der Politik der Gesellschaft. Seine Funktion, Gewalt nicht auszuschließen, sondern erwartbar zu machen, hat das Militär für die Politik, also hinsichtlich von Macht, und erst darüber entsteht seine gesellschaftliche Bedeutung.

Zur abschließenden Würdigung dieser Leistung möchte ich zum Schluss, weil man es zutreffender nicht formulieren kann, aus dem Gutachten von Hendrik Vollmer zitieren:
„Der Autor leistet beträchtliche Begriffsarbeit auf organisationssoziologischen, gesellschafts- und grundlagentheoretischen Baustellen.

Kohl geht dabei über die ganze Länge der Arbeit hinweg gleichermaßen informiert wie kreativ zu Werke, verarbeitet einen Literaturkorpus, der jeder soziologischen Promotion zur Ehre gereichen würde (...).

Kurzum, es handelt sich um eine Theoriearbeit im besten Sinne, die allen Anforderungen, die man an eine soziologische Diplomarbeit stellen mag, in höchstem Maße gerecht wird, sie an vielen Stellen sogar übertrifft.“

Ich habe dem nichts hinzuzufügen – außerdem dem Autor zu gratulieren und auch ihm den Ehrenpreis der Fakultät für eine ausgezeichnete Diplomarbeit zu verleihen.

--
Für das verantwortlich zu sein, was ich sage, ist eine Sache.
Aber dafür verantwortlich zu sein, was jeder, der in meinem Leben vorkommt,
sagt oder tut, ist eine ganz andere Sache.


gesamter Thread:

RSS-Feed dieser Diskussion

Werbung

Wandere aus, solange es noch geht.