Haben wir eine GUTHABENKRISE? - Zusammenfassung
Hallo
Die vielen teilweise auch (immer noch) kontroversen Antworten haben mir gezeigt, dass das Thema doch viel komplexer ist, als man annehmen könnte, und es sich immer wieder lohnt, es neu zu thematisieren.
Ich möchte das Thema hier noch mal vorne an stellen, und wichtige Argumente möglichst kurz zusammenfassen, weil der alte thread zu unübersichtlich wurde und viele verschiedene Aspekte bzw. Perspektiven sich vermischt haben, so dass man schnell den Überblick verliert.
Alle alten Diskussionen zu diesem Thema werde ich demnächst nochmal aus dem Archiv zusammensuchen und zusammenfassend in einen einzigen Beitrag verlinken. Ziel ist es, einen einzigen Beitrag für das Archiv zu erstellen, wo sämtliche Aussagen (Thesen und Antithesen) dazu auf ein Minimum an Wörtern im Protokollstil reduziert und gegliedert ist, mit all den dazugehörigen wesentlichen links zu alten Diskussionen. Dann braucht man zukünftig bei diesem Thema nur noch auf diese Zusammenfassung verweisen und sich nicht durch sämtliche Diskussionen quälen.
Vorweg:
*Mit Umlaufgeschwindigkeit (ULG) ist hier nicht gemeint, dass dieselbe Guthabeneinheit schneller im Kreis transferiert wird, sondern dass Guthaben laufend weiter transferiert werden bis sie auf ein Minuskonto/eine Verbindlichkeit treffen aber gleichzeitig laufend neue Guthaben entstehen durch schnellere Neuverschuldung (eventuell staatliches Gelddrucken). Dadurch entsteht theoretisch ein verstetigter „Umlauf" von alten/neuen Guthaben bzw. ein ständiger und beschleunigter Ausgleich von Leistungen. Die Verschuldungs- und Tilgungsfrequenz erhöht sich also, anders geht es nicht außer in „Tauschwirtschaften".
Die These der saldenmechanischen Guthabenhasser war, dass eine zusätzliche staatliche oder private Mobilisierung von (Sicht-)Guthaben /Schuldendeckungsmittel (aus allen monetären Einkommensarten) bzw. staatliche Umverteilung (BGE u.a.) derer in die Realwirtschaft (bis zur „Gaußschen Normalverteilung" der Vermögen), bzw. eine optimalere „Pulverisierung" der Guthabenströme, dazu führen kann, dass die Wirtschaft zwar nicht krisenfrei aber bedeutend stabiler funktioniert. Was vereinfacht ausgedrückt (angeblich) dazu führt:
- Schnellere Reduktion der Schulden aus Vorperioden (wegen Erhöhung der Umlaufgeschwindigkeit* = ULG) bzw. Kreditvolumen incl. Kosten sinkt --> Erhöhung der Bonität (erneutes Freiwerden von belastbarem Eigenkapital bzw. Kreditsicherheiten zu stabilen Preisen) ---> potentielle Nachschuldner entstehen
- Verhinderung eines gesamtwirtschaftlichen Aufschuldungszwanges (von steigenden Zinslasten) für Staat und Private ---> deflationäres Absinken der Geldmenge M3 (durch schnellere Tilgung) wird verhindert durch Brutto-/Nettoinvestitionen, weil Altschuldner wieder schneller zu potentiellen Neuschuldner werden bzw. gänzlich neue Schuldner auf dem Markt erscheinen, weil das Investitionsklima sich verbessert und weil Staat bei Bedarf „Geld druckt".
- Fristenstruktur aller Forderungen verschiebt sich in die Zukunft ---> Verstetigung der ULG --> Annäherung an ein „Perpetuum Mobile".
- Anpassung der „Geldmenge" ( = Kreditsumme) an das BIP des Vorjahres durch eine Zentralbank/Staat somit angeblich möglich
- Verhinderung von Staatsschulden durch Kappung von privaten Guthaben/Vermögen und bei Bedarf staatliches Gelddrucken
Damit soll der debitistische Kapitalismus angeblich „gerettet" werden, was bedeutet, dass große soziale Verwerfungen und Kriege verhindert werden sollen und die „Fallhöhe" (Schulden/Guthabenschnitt) durch Insolvenz) in einer konkunkturellen bzw. rezessiven Krise geringer ausfällt. Das debitistische Spiel könnte dann ohne große Krisen so weitergehen, bis sämtliche globale Konsumnachfrage weitgehend gedeckt wäre bzw. die globale Gesellschaft sich sanft transformiert in irgendein ein anderes Wirtschaftsmodell
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Antithesen von allen Autoren aus dem altem thread gesammelt und zusammengefasst:
- Bankguthaben kann man generell nicht horten. Gesamtwirtschaftlich sind alle Guthaben bereits irgendwo spiegelbildlich investiert
38,4% auf Bargeld, Spar- und Festgeldkonten (Überlebensnotwendig für ein noch funktionierendes Bankensystem , ZBG etc.)
28,3% Versicherungen (Geld ist investiert)
11,9% Investmentfonds (Geld ist investiert)
7,8% Rentenwerten (Geld ist investiert)
5,8% Pensionsrückstellungen (Geld ist investiert)
3,9% in Aktien (Geld ist investiert)
3,9% in sonstigen Beteiligungen (Geld ist investiert
- Eingriffe in Geldhaltung verschärft generell die Probleme der Kreditinstitute
- Einnahmeerhöhung bei Unternehmen führt nicht zwingend zur schnelleren Kredittilgung bzw.
(schnellere) Mehrfachverwendung von Guthaben verhindert nicht den Neuverschuldungszwang
Anmerkung: führt aber zur schnelleren Entlastung von Altschuldnern, aber nur, falls diese auch tatsächlich schneller tilgen. Die Mehrzahl wird es imho tun, um Kosten zu sparen und EK zu erhöhen.
Bei Auslastung der (Produktions-)Kapazitäten ist die Amortisation allerdings begrenzt, da Umsatzsteigerung nicht möglich
- Tilgung von Altschulden bedeutet nicht automatisch netto/brutto Neuverschuldung (neue Investitionsgüter stehen erst mal). Schnellere Bezahlung führt ergo nicht zu schnellerem Kauf
- Guthaben kommen sowieso nicht zu den „richtigen Schuldnern" (nationale/internationale Leistungssalden
können zwar teilweise und vorübergehend schneller abgebaut werden gleichzeitig erhöht sich aber auch die Akkumulation schneller.
Anmerkung: Wenn die Schuldner vor vornherein „schlecht" (kaum oder nicht wettbewerbsfähig) waren, weil zu hoch gepokert, werden dann bedeutend mehr schlechte Schuldner gerettet durch erhöhte ULG?
- Globale Vermögensdivergenz (belastbares Eigentum) / monetäre Akkumulation verschärft sich mit Erhöhung der ULG. Staaten müssten im Guthabenhasser-Modell folglich in einer Fiskalunion Einkommen/Vermögen limitieren (Obergrenze durch progressive Besteuerung) ---> Steuer-/Vermögenszugriff muss international jederzeit und unkompliziert möglich sein (Alle Staaten müssen demnach kooperieren- Halleluja)
- Nur Kredit führt zu BIP-Wachstum, nicht die Bezahlung
- Es gibt gesamtwirtschaftlich keine „freiwilligen Nachschuldner"
- Sachwerte (in Preisen) entstehen aus Schuldsummen. Sinken diese, sinken teilweise auch die Sachwertpreise (sinkende Beleihungsmöglichkeit). Mehrwertrealisation des Einzelnen heißt Cash-Verlust des Anderen ---> wir müssen für ein Maximum an (Zwangs-)Schuldner dankbar sein
Anmerkung:: Bleiben die Preise der Kreditsicherheiten durch die erhöhte ULG (schnellerer Leistungsausgleich) nicht stabil? (Steigen können sie gesamtwirtschaftlich allerdings nicht).
Das Problem sind die steigenden Preise bei den Gewinnern. Das würde nach obigen Modell aber zu Steuererhöhungen führen, um das Gleichgewicht wieder herzustellen ---> Vermögens-/Einkommenslimitierung durch zu hohe Steuern führt aber zu weniger Neuverschuldung? (Return of Investment sinkt?) --> sinkende Geldmenge?
- Nachschuldnerzahl sinkt generell in „gesättigten" Volkswirtschaften ---> Konsum-/Investitionsbereitschaft nimmt ab ---> ULG kann nicht aufrecht erhalten werden (Im Moment noch durch immer mehr steigende Staats- und Landesbürgschaften). Dadurch sinken auch die Steuereinnahmen --->
dottores Tsatsiki-Effekt.
Anmerkung: Das Problem wird gegenwärtig zusätzlich noch(!) kompensiert durch externe Wachstumsmärkte (Schwellenländer).
Wie lassen sich die Thesen und Antithesen noch zusätzlich durch empirische Fakten untermauern?
Gruß