Die heile Welt

Phoenix5, Freitag, 24.07.2015, 18:51 (vor 3834 Tagen) @ Kurz_vor_Schluss8481 Views
bearbeitet von unbekannt, Freitag, 24.07.2015, 19:27

Hallo K_v_S,

ein schöner Text, in der Tat. Und dennoch…. Auf eine grundsätzliche
Art und Weise sehe ich es ganz anders – und ein intelligenter Text wie
der Deine ist eine gute Gelegenheit, meine eigenen Gedanken in Struktur, in
Form zu bringen. Schauen wir also mal, wer das schönere Förmchen hat.
[[freude]] Vielleicht wird’s ja auch ne neue Form……

Mal schauen – triff deine Unterscheidung ;)

Das Neun-Jahres-Zyklus-Beispiel ist natürlich eine grandiose Idee. Die
den Unfug von Korrelationen und Kausalitäten "aus dem Nichts" darlegt. Sie
wiederlegt nicht, dass es grundsätzlich Kausalitäten und Zusammenhänge
geben kann, wie doch der große Philosoph DRumsfeld sagte: There are things
we don’t know, that we don’t know.

Selbstverständlich. Die Regelmäßigsten aller Muster nennen wir Naturgesetze.

Das Beispiel passt insofern nicht ganz, da Du von der Komplexität aller
Vorgänge darauf schließt, dass niemand diese quasi von oben „lenken“
könne. Aber es genügt doch, die Richtung vorzugeben? Wenn ich eine
politische Bewegung wie den Feminismus unterstütze, wie es angeblich die
CIA getan haben soll, da ich weiß oder antizipiere, wie desaströs diese
Bewegung auf den Zusammenhalt von Mann und Frau sich auswirken kann – so
genügt es doch, das finanziell zu buttern und den Rest sich entwickeln zu
lassen?

Ja, aber versuche doch mal den Feminismus im arabischen Raum mit dieser Intensität zu implementieren. Du kannst dafür Geld hineinbuttern ohne Ende, du kannst ihn mit drakonischen Strafen erzwingen und er wird dennoch auf die Menschen dort immer nur als eine Form der Fremdbestimmung und Fremdherrschaft wirken – wohl weit über 7 Generationen hinaus und bei so einer Zeitspanne kann viel dazwischen passiert. Im mildesten Fall geht einfach das Geld aus, um die Ideologie weiter zu forcieren. Wie oft sind christliche Missionare bei Stämmen gescheitert und wo hat sich das Christentum gewaltsam nur dort einnisten können, wo es mit dem althergebrachten Glauben verschmolzen ist, anstatt ihn zu verdrängen? Wie oft haben die Besatzer in der Geschichte den Glauben des unterworfenen (!) Volkes angenommen, damit sie als neue Herren akzeptiert werden?

Der Feminismus als subventionierte Ideologie funktioniert bei uns so gut, weil die ökonomische und rechtliche Gleichstellung von Mann und Frau zuerst notwendig war, um den kapitalistischen Zyklus zu verlängern. Das war überhaupt erst die Basis, auf der man ohne große Aufstände weiter ideologisieren konnte. Auch Multi-Kulti kannst du nicht einfach erzwingen, indem du eine Kultur in oder neben einer anderen Kultur ansiedelst. Hast du dagegen ein spätzivilisatorisches, kapitalistisches Land, mit niedrigem Nachwuchs, das Einwanderung benötigt, kannst du mit der Multi-Kulti-Ideologie noch eins draufsetzen, ohne auf nennenswerten Widerstand zu stoßen – das allerdings auch nur in wirtschaftlich guten Zeiten und selbst da will das mit der Vermischung einfach nicht so richtig klappen. Man lebt nebeneinander und toleriert sich, bis die Zeiten schlechter werden. Dann driftet auseinander, was nicht zusammen gehört, v.a. wenn es sich um zwei Kulturen einer unterschiedlichen Kulturstufe nach Spengler handelt.

Oder größer: Dein Argument, dass da niemand die Dinge steuern kann,
würde ich glauben, WENN jemals folgende Fragen beantwortet werden
könnten:
a) Wie ist das Vermögen der Welt verteilt, d.h. in welchen Händen? In
wessen Händen war es vor 100 Jahren? Vor 200 Jahren? Vor 300 Jahren? Etc.

Zerstören ist leichter als aufbauen und zu erhalten. Länder zuerst über Jahre oder gar Jahrzehnte zu destabilisieren, Gruppen gegeneinander aufzuwiegeln und das Land schließlich angreifbar zu machen, ist keine große Sache. Es niederzubomben auch nicht. Es allerdings dauerhaft, über Generationen, in Geiselhaft zu halten sehr wohl. Es sei denn, man setzt jemanden an die Spitze, der für das Volk, wie einer von ihnen wirkt. Dann aber ist es fraglich, wie lange dieser loyal ist und die Amis haben es schon oft genug erlebt, dass eine einst loyale Marionette plötzlich ein Eigenleben entwickelt. Das ist ja auch der Grund, warum Imperien Staatsdiener an allen Ecken und Enden mit Geldern ruhig halten müssen, warum sie u.a. überall Militärbasen als Außenposten errichten usw. Damit diese sich nicht gegen das Machtzentrum verschwören. Die menschliche Natur ist äußerst wechselhaft und die von Sozio- und Psychopathen sowieso. Deshalb sind die Amis auch dazu übergegangen ein Land vollkommen unregierbar zu machen (statt Marionetten einzusetzen) und sich dort nur die Rohstoffe zu sichern. Die Folge daraus kennt man heute unter ISIS.
Wie man es auch dreht und wendet: Mit dem Streben nach der totalen Macht, wächst auch die Komplexität und mit ihr sinkt die Resilienz eines Systems.

b) Welche Gelder haben welche revolutionären Bewegungen wann und wie
unterstützt? Die Französische Revolution, die russische, Hitler etc.

In all deinen Beispielen war der Boden für eine Revolution bereits fruchtbar. Gelder konnten da nur mehr die Stoßrichtung vorgeben. Wenn die russische Revolution vom Westen finanziert wurde, dann bezweifle ich doch stark, dass man als Resultat irgendwann Stalin sehen wollte. Und auch die Geldquellen für den Aufbau von Hitler waren nie von zentraler Stelle, sondern von verschiedenen Interessensgemeinschaften. Auch Putin wird von diesen und jenen westlichen Industriellen Gelder erhalten haben, weil sie sich dieses und jenes erhofften. Das heißt aber im Umkehrschluss nicht, dass der Westen Putin an leitender Stelle haben wollte. Im Gegenteil: Gerade bei Putin lässt sich am schönsten sehen, wie eine scheinbare Marionette der Oligarchen, die Hand beißt, die einen fütterte, daher kommt ja auch die große Enttäuschung des Westens über Putin, dessen Hilflosigkeit geradezu grotesk wirkt, wenn man in den westlichen Medien einen Verbrecher wie Chodorkowski kurz als aufrechten Demokraten und verfolgten Oppositionellen gegen Putin in Stellung bringen wollte (was vollkommen in die Hose ging).

c) Welche Dynastien oder „Blutlinien“ haben sich seit wann die
Fleischtöpfe gesichert?

Ein eigenes Thema, das getränkt ist mit Falschinformationen div. VT-Autoren, was im Umkehrschluss nicht heißt, dass diese Leute keine Agenda verfolgen. Superreichen Leuten ist oft besonders fad im Kopf, weshalb das nachhaltige Modellieren einer Neuen Weltordnung für sie zu einem herausfordernden Hobby wird. Allmächtig sind sie aber auch nicht.

Denn WENN jemand über großes Vermögen und damit großen Einfluss
verfügte PLUS dem Willen und der Bereitschaft, langfristige Pläne zu
verfolgen, so könnte er Bewegungen so steuern lassen, dass es jeweils nach
Volkswillen oder dem Walten des Weltgeistes oder Zufall ausschaut, während
es in Wirklichkeit etwas anderes ist.

Keine Frage, aber der Zeitgeist muss dabei auch mitspielen, sonst wird das langfristig nix. Und wie gesagt: Wo die Komplexität wächst, stößt irgendwann auch der Klügste und Reichste an seine Grenzen.

Und um die klangvolle VT zum Abschluss zu liefern: Wenn ich also als
Master-of-Desaster-Mind die Menschen davon abhalten will, dass sie sich so
entwickeln, wie es ihnen EIGENTLICH zukommen sollte, d.h. dass sie
menschlicher werden, also liebevoller zueinander, achtsamer, aufmerksamer
und selbst-bestimmter, IHRER Bestimmung folgend – so werde ich
Entwicklungen des Materialismus fördern, des „Alles-für-mich“ – und
da die Demokratie mit dem Kapitalismus die besten Möglichkeiten bietet,
meinen eigenen Reichtum zu vermehren und die Menschen im Hamsterrad sich
abstrampeln zu lassen (von dem ich weiß, dass es irgendwann zerbricht, die
Master haben ihre eigenen PCMs) – so lasse ich Demokratie walten, bis sie
zerbricht und fange dann im Chaos die weich und mutlos gewordenen Menschen
auf, zeige ihnen den Cäsar/Kaiser/neuen Führer, der sie in die strenge
Ordnung der neuen Zeit führt – und bis die auch wieder zerbricht, gebe
ich eine neue Form dazu etc. pp. Glauben sollen sie alle (oder doch
möglichst viele) an den Götzen, der sie am Ende doch verrät.

Immer unter dem einen Aspekt: Dass die Menschen Sklaven bleiben! Dass sie
den Kampf ums Dasein für das Natürliche halten und NICHT die Kooperation!
Und deswegen MUSS ich Verhältnisse haben, in denen Angst und Furcht die
Norm sind – aber so dosiert, dass das System (bis zum systemisch
bedingten Zusammenbruch) stabil bleibt. Religion, Ideologien,
Glaubenssätze etc. sind die Mechanismen, die die Menschen im Hamsterrad
sich abstrampeln lassen.

In einem hierarchisch strukturierten Herrschaftssystem hast du die Wahl zwischen Feudalismus, Sozialismus und Kapitalismus. All diese Systeme scheitern irgendwann – alles ist im Fluss, weshalb auch der superreiche Bösewicht hier nicht großartig die Wahl hat. Wenn er das tut, was du vorschlägst: Nämlich immer mit dem Zeitgeist zu gehen und seinen Reichtum und seine Macht in die jeweils anbrechende Ära mitzunehmen (was einen Geist voraussetzt, der unserem weit überlegen ist, aber nehmen wir mal an, es wäre so), dann würde er nichts anderes tun, als jeder von uns tut: Sich und seine Familie über die Zeiten retten. Er wäre nichts anderes als ein Krieger in einem sich ständig wandelnden Umfeld, so wie wir alle – nur auf einem elitären Niveau.

Früher sollte die Belohnung im Himmelreich sein, heute ist es Instant
Gratification. Aber keins von beiden hat die Menschen wirklich erfüllt!
DAS können nur andere – eben menschlichere Dinge in uns. Sind wir selbst
es – oder sind es andere, die es uns verwehren, da noch mehr zu
entdecken? „Doch die Verhältnisse…. sie sind nicht so!“.

Die Suche nach dem Himmelreich, hat uns erst in diese Verhältnisse gebracht. Zaras Stämme hatten kein Himmelreich. Sie wohnten bereits in einem.

Und wenn ich mir die Welt heute anschaue, so scheint mir, dass, wer immer
nun dies steuert oder fördert, wir einen weiten Weg zurückgelegt haben.

Weil wir zum Mond geflogen sind? Vergleiche unsere Kultur mit Babylon, Rom oder China. Es ist doch immer das gleiche Schema – nur die Technologie ist eine andere. Wir wollen Erfahrung? Wir bekommen Erfahrung. Wir wollen Frieden und Zufriedenheit? Dann müssten wir auf Erfahrung verzichten und uns in Stämme organisieren (mit natürlich 90% weniger Menschen auf diesem Planeten). Beides zugleich geht nicht.

Wie gesagt: Wenn irgendjemand zeigen könnte, WER die
Beraternetzwerke/Illuminati/wer-auch-immer sind – es wäre schön, aber
es wird nie gezeigt werden können.

Große Verschwörungen, kleine Verschwörungen und doch dreht sich die Erde weiter.

Wisse, wenn in Schmerzensstunden
dir das Blut vom Herzen spritzt:
Niemand kann die Welt verwunden,
nur die Schale wird geritzt.

Tief im innersten der Ringe
ruht ihr Kern getrost und heil.
Und mit jedem Schöpfungsdinge
hast du immer an ihm teil.

Ewig eine strenge Güte
wirket unverbrüchlich fort.
Ewig wechselt Frucht und Blüte,
Vogelzug nach Süd und Nord.

Felsen wachsen, Ströme gleiten,
und der Tau fällt unverletzt.
Und dir ist von Ewigkeiten
Rast und Wanderbahn gesetzt.

Neue Wolken glühn im Fernen,
neue Gipfel stehn gehäuft,
bis von nie erblickten Sternen
dir die süße Labung träuft.

(Werner Bergengruen, „Die heile Welt“)


Beste Grüße
Phoenix5


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