Die finale Krise
mir ist nicht ganz klar, warum einige zur Auffassung kommen, "Dieses mal
ist alles anders"?
Solange es Aufzeichnungen gibt, kam es bisher nach jeder Bereinigung /
Revolution immer zu einem zyklischen wirtschaftlichen Neuanfang.
Wirklich? Wo gab es denn diesen wirtschaftlichen Aufschwung im Römischen Reich von Christi Geburt bis Ende 5.Jhdt. 500 Jahre lang Niedergang.
Laut Prof. Achleitner, kann Wirtschaften auch ohne Vorfinanzierung immer
wieder von vorne beginnen, solange ein Lebensumfeld, also ein Umfeld in dem
Leben möglich ist, vorhanden ist.
Wirtschaften ist nur dort möglich, wo es ein Machtmonopol gibt, das einerseits einen Surplus (=Steuer) einfordert - die ursprüngliche und eigentliche Triebfeder des Wirtschaftens - und die Einhaltung von Verträgen garantiert bzw. bei Nichteinhaltung zwangsvollstreckt. Genau dieses Monopol erodiert aber im Zeitablauf.
Soweit ich den User Silke verstanden habe, glaubt er, das sei nicht
möglich, man brauche in jedem Fall immer eine Vorfinanzierung.Keynes stellte fest, dass die Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals immer
mehr schrumpft, je mehr Kapital in einer Wirtschaft investiert ist. Da im
Kapitalismus zwangsläufig durch den Zinseszins-Effekt eine Anhäufung von
Kapital stattfindet, muss also, wenn die Wirtschaft nicht im Gleichschritt
wächst, die Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals immer wieder an die
Grenze des Zinsfußes stoßen. Somit kommt es immer wieder zu Krisen, so
lange der Zinsfuß größer Null ist. Diese Krisen werden zudem immer,
größer, da es durch die Ausweitung der Kapitalmenge immer schwerer wird,
die Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals hoch genug zu halten.Wenn also kein gesellschaftliches Interesse vorhanden ist, Möglichkeiten
zur Senkung des Zinsfuß zu suchen, bleibt damit nur die Alternative
zwischen unbedingtem Wirtschaftswachstum, welches in erster Linie die
Kapitaleinkommen steigert und damit die künftigen Krisen verstärkt, oder
eine massive Scheinkapitalvernichtung und ein zyklischer wirtschaftlicher
Neuanfang.
Die Zinsen sind doch schon bei Null. Wo bleibt der Aufschwung? Es ist, wie Paul C. Martin schon immer sagte: Sobald die Zinsen bei Null sind, beginnt die deflationäre Spirale, der man nur durch die Druckerpresse beikommt. Exakt das Gegenteil predigen die klassischen Ökonomen, die immer wieder davor warnten, dass Nullzinsen in die Hyperinflation führen würden. Nichts davon ist eingetreten und wird auch nicht eintreten. Stattdessen wird eine Gratwanderung zwischen den deflationären Effekten durch die Kontraktion der Wirtschaft und den inflationären Effekten durch das Einstreuen von Nettogeld durch den Staat in die jahrzehntelange schrittweise Verarmung führen - wie im Römischen Reich, nur aufgrund der Komplexität unseres Wirtschaftsraumes wesentlich schneller.
Und da sind wir auch schon bei Punkt 2: Der Komplexität. Ein Wirtschaftsraum durchläuft große Zyklen aus Boom und Bust, wie Martin sie auch anhand des debitistischen Modells erläutert hat bzw. Kondratjew sie auf empirischer Basis entdeckte. Nach Abschluss eines Zyklus´ (Bust) befinden wir uns aber nicht auf dem technischen Niveau vor Beginn des Zyklus, sondern eine Basis-Innovation sorgt für einen neuerlichen Aufschwung, einer weiteren feinmaschigeren Vernetzung des Wirtschafsraumes. Dieses Auf- und Ab der Wirtschafszyklen betrifft nur die Geldsphäre, nicht aber die technologische Sphäre bzw. die zunehmende Komplexität (Ausdifferenzierung der Produktion, Spezialisierung der Produktion, Vernetzung von Banken, Industrie, Politik, etc.). Überall wo die Komplexität wächst, wächst auch die Instabilität eines Systems. Die Kosten zur Aufrechterhaltung der Komplexität übersteigen allmählich den Nutzen bzw. Output des komplexen Systems, siehe Joseph Tainter. Ab einem gewissen Komplexitätsgrad gibt es auch kein Zurück mehr. Der Fall einzelner Banken, Branchen, Konzerne, etc. kann das gesamte System in den Abgrund reißen, weshalb man ab diesem Zeitpunkt auch gar keine Bereinigung mehr zulassen kann (too big to fail), ohne den Kollaps des gesamten Systems zu riskieren (failed state). Ab diesem Zeitpunkt ist das System (bzw. der Staat) für Jahrzehnte oder Jahrhunderte nur mehr mit Schadensbegrenzung beschäftigt. Das ist der Zeitpunkt an dem die Kosten der Komplexität den Nutzen übersteigen.
Gleichzeitig kommt es in spätzivilisatorischen (kapitalistischen oder quasikapitalistischen) Systemen durch die Lohnarbeit zu einem Geburtenschwund (= fehlende Steuereinnahmen zur Verwaltung der Macht), während der überschuldete Staat, dessen Hauptaufgabengebiet sich zunehmend auf den Kampf um die eigene Existenz fokussiert, auch die Bildungsausgaben herunterfährt, sodass mehr und mehr die Gebildeten fehlen, welche die Komplexität sowohl politisch, v.a. aber technisch verwalten könnten. Hinzu kommt, dass die aus den Fugen geratene Stabilität mehr und mehr die Rechtssicherheit untergräbt. Es gibt zwar tausende Gesetze, aber immer weniger davon können noch exekutiert werden (weil Geld und Personal fehlt) bis letztendlich auch das Eigentumsrecht als eigentliche Triebfeder des Kapitalismus angekratzt wird -> rechtsfreie Räume entstehen, deren Rechtsvakuum von Anderen (nicht Staatsloyalen) ausgefüllt wird. Es kommt zu einer Rückabwicklung des Kulturraumes bzw. einer Rückabwicklung der Komplexität, meist über Jahrhunderte.
Komplexität bedeutet auch immer, dass ein System auf einer gewissen Energiequelle, einer gewissen Technologie, einer gewissen Bürokratie und einer gewissen Infrastruktur aufgebaut hat, die schlichtweg alt bzw. starr und unflexibel geworden ist und selbst wenn das Geld vorhanden wäre, um hier herumzudoktern, würde so eine Modernisierung neben viel politischen Willen, v.a. unglaublich viel Zeit benötigen. Im Grunde wären all das sowieso Fehlinvestitionen, weil die alte Zivilisation gegen frische Kulturen, die bereits auf neuen Technologien, Energiequellen und weniger Bürokratie bzw. einer schlankeren Verwaltung, billigeren, jüngeren Arbeitskräften, weniger Staatsschulden, etc. aufbauen, ohnehin nicht konkurrieren kann. Die Gebildeten wandern aus (bei uns wandern sogar die Dummen ein) und im Inneren kommt es nach und nach zu einer Reprimitivierung der Gesellschaft (Zweite Religiosität, Auftreten der Imperatoren).
Das ist die finale Krise. Da kommt nichts mehr nach...
Beste Grüße
Phoenix5