Warum gibt es denn nicht mehr genug (nach Tarif bezahlte) Arbeit?

Morpheus ⌂, Dienstag, 14.07.2015, 12:05 (vor 3841 Tagen) @ Beo24136 Views
bearbeitet von unbekannt, Dienstag, 14.07.2015, 14:28

Lieber Beo2,

Das Modell der Sozialen Marktwirtschaft wurde schrittweise durch das

Modell der Deregulierung der Wirtschaft abgelöst, mit der Folge
beginnender Deflation und Rezession insbesondere bei der
Binnenmarkt'wirtschaft. In der Exportwirtschaft wurde stetig das Lohnniveau
gesenkt.

Nein, hier war die Aufwärtsspirale am Ende und man musste sich etwas

neues einfallen lassen.

Am Ende der Aufwärtsspirale fallen enorm viele gut bezahlte Jobs weg, die im Rahmen der !einmaligen! Infrastruktur-Erstellung gebraucht wurden. Dieser nachhaltige Wegfall an Arbeitsplätzen zieht die nachfolgenden Änderungen einfach nach sich. Es gibt ein Problem: drastisch weniger Arbeitsplätze. Darauf folgt die Lösung: Neoliberale Wende. Das sind klassische Wirtschaftszyklen.

Während der Aufwärtsspirale gab es sehr viel neue Kredite, aus denen die vielen Arbeitskräfte gut bezahlt werden konnten. Es gab reichlich Inflation, deshalb.

Nein, die Aufwärtsspirale wurde mit der "neoliberalen Wende" ca. ab dem
Jahr 1980, und erst recht ab 1990, willkürlich beendet. Die
Wirtschaftselite wurde blind durch ihre explodierende Habgier.

Ja, die immer mehr durch Konzentration entstandenen großen Konglomerate/Konzerne konnten die kleinen Betriebe immer besser auspressen. Die Konzerne konnten ihre Gewinne immer stärker steigern. Aber die kleinen Betriebe und ihre Angestellten wurden ausgepresst wie die Zitronen. Das sind die Fakten, die zyklische Wachstumsphasen eben so mit sich bringen. Zu groß, zu konzentriert, zu mächtig, aber durch den Wachstumszwang nicht zu vermeiden.

Es war gar nicht notwendig, "sich etwas Neues einfallen zu lassen". Das
Konzept und Ideologie der Sozialen Marktwirtschaft von 1950-1980, mit der
starken Wirtschaftsregulierung und deutlich höherer Steuer- bzw.
Abgabenlast (in %) im Vergleich zu Heute, hatte sich bewährt.

Du willst mir doch nicht erklären, dass die Abgabenquote 1950/1960/1970 höher lag als heute? Das mag ja vielleicht auf den Spitzensteuersatz der Einkommensteuer und die Kapitalertrags- sowie die Körperschaftssteuer zutreffen. Insgesamt ist die Abgabenlast heute deutlich größer als damals. Sie wurde nur verlagert. Sie wurde fest mit dem Teil verbunden, der eben nicht ins Ausland zu verschieben ist, den Mitarbeitern. Kapitalerträge und Gewinne von Körperschaften lassen sich sehr leicht ins Ausland bewegen. Da hatten einige Steueroasen, wie Irland und Luxemburg, ein tolles Geschäftsmodell entwickelt. Und auf die Abwanderung der Steuerzahlungen musste reagiert werden. Die Marktöffnung in der EWG hatte Vor- und Nachteile. Vorteile: Export; Nachteile: Abwanderung von Steuerzahlungen. Die Standard-Entwicklung in allen Gesellschaften:
Problem ---> Lösung ---> nächstes Problem ---> nächste Lösung.

Die Unternehmen zahlen ihre Abgaben heute verknüpft mit der Arbeit. Das kann man jetzt natürlich schlecht finden und ich finde das auch sehr schlecht. Nur musst du dem Machthalter Alternativen anbieten, wo er seinen wachsenden Finanzbedarf denn ansonsten befriedigen kann.
Und hier liegt eben das Grundproblem. Die Sicherung der Macht braucht ständig mehr Geld. Und wo soll Selbiges denn herkommen? In der Aufwärtsspirale war das alles super einfach. Man dachte sich, das geht immer so weiter. Falsch gedacht. Damit ist ein für alle Mal Schluss. Das kommt nie mehr wieder. Ich habe es in meiner These genau aufgezeigt. Die möglichen Effizienzgewinne sind alle realisiert. Es gibt da keine Reserven mehr, es sei denn, du sagst uns jetzt, wo diese sein sollen.

Die
Staatsverschuldung blieb konstant bei unter 25% des BIP. Die Sozialkassen
hatten genug Einnahmen und Rücklagen, da es ausschließlich tarifliche und
abgabenpflichtige Löhne gab, auch bei der Teilzeit.

Ja, es gab ja auch eine starke Zunahme bei den Krediten. Aus denen konnten die damals niedrigen Löhne gut bezahlt werden. Es gab sehr viele Menschen, die meinten, sinnvolle Investitionen in Sachanlagen tätigen zu müssen. Am Ende der 70er hatte D nur leider sehr hohe Löhne und die neuen Kredite gingen drastisch zurück. Der Bedarf nach weiteren Investitionen in Sachanlagen war plötzlich nur noch beim Staat vorhanden.

Ja, das nenne ich die Aufwärtsspirale. Damals war alles toll. Nur haben

wir in aller bester Absicht und leider ohne Voraussicht unser Grab damit
geschaufelt. Es sei denn, wir hätten die Rücklagen gebildet, wie ich es
vorgeschlagen habe. Nur leider haben wir genau das nicht getan, sondern das
Geld für Sozialleistungen und noch mehr Infrastruktur ausgegeben. Und
jetzt, wo die viel zu große Infrastruktur in die Phase des Verfalls kommt,
sehen wir, dass das Geld vorne und hinten nicht reicht.

Bitte widerlege meine These. Dann reden wir weiter.


Die Mühe spare ich mir. Behalte Du deine These .. ich behalte meine.

Deine These ist: "ich wünsche mir die guten alten Zeiten zurück". Nur wollen die eben genau nicht wieder kommen, weil einfach keine Nachfrage nach Arbeitskräften da ist, die gut bezahlt werden können, aus neuen Krediten. Pflegekräfte, die wir immer mehr brauchen, werden leider aus den Ersparnissen vergangener Zeiten bezahlt, wenn wir diese denn hätten. Da wir keine haben, müssen die Abgaben ständig weiter klettern. Was du doch begrüßen müsstest.

Doch dann, etwa ab dem Jahr 1980 und erst recht mit der "Wende" ab

1990, kamen die neoliberalen Privatisierer, Deregulierer, Abgabensenker und
Model"verbesserer". Das Ergebnis können wir heute begutachten und
bilanzieren.

Du scheinst zu jung zu sein, um zu wissen, wo Deutschland schon einmal

war und auf welchem Weg es sich befand.

Ja, der war nur alles andere als nachhaltig, sondern ein aller letztes

Strohfeuer vor dem bitteren Untergang. Aber du wirst mir hoffentlich gleich
erklären, wo mein Denkfehler liegt und warum doch alles noch viel schöner
weiter gehen wird.

Ja, gerne:
http://www.dasgelbeforum.net/forum_entry.php?id=360491

Diese Zyklen unterschreibe ich dir sofort. Guck dir die Hochkulturen an. Die hatten alle so einen finalen Aufschwung vor dem Kollaps, wie wir ihn hier auch gerade bei uns erlebt haben. Genau so laufen die Zyklen, die du ja selber beschreibst. Ich habe in meiner These nur genauer die Ursachen und die Wirkungen beschrieben. Warum gibt es genau diese Zyklen und wie bilden sie sich heraus? Ich verstehe dich nicht so recht. Einerseits betonst du die Zyklen und dann willst du mit dem zyklisch bedingten Abstieg aber nichts mehr zu tun haben. Der liegt dann nach deiner Aussage an:

Ich zitiere daraus:
"Zur Zeit dominiert der blinde Egoismus (Selbstliebe und Habgier). Es
ist ein vorübergehendes Zeitalter der geistig-moralischen Dunkelheit, des
kompromisslosen Egoismus und der Gefühls- bzw. Geistlosigkeit, der zum
(vorübergehenden) Verfall und Dekadenz führt. Ein beängstigender Mangel
an Einsicht (Vernunft), Kooperation, Rücksichtnahme und Solidarität
...
"

Ja, weil der Zyklus genau das von den Menschen erfordert. Das ist keine zufällige oder gesteuerte Entwicklung. Sie ergibt sich zwingen aus den Zyklen des Wirtschaftens. Die Menschen sind doch nicht dumm. Die passen sich an, alle: Machthaber, Angestellte, Arbeiter, Arbeitslose, Rentner.

Wenn du jetzt erklären würdest, was bitte genau besser gemacht werden sollte von den Machthabern, dann könnten wir weiter reden. Aber denke bitte daran. Die Machthaber wollen ihre Macht nur möglichst lange behalten. Das Wohlergehen von den Beherrschten gehört da niemals wirklich dazu. Es ist immer nur Mittel zum Zweck des Machterhalts.

Und Zyklen haben eine Aufwärts-Phase und wenn die beendet ist, beginnt der Abstieg. Das ist die Definition von Zyklus. Warum weigerst du dich, genau dies auf unsere Gegenwart anzuwenden?

Geht es dem Esel einmal gut ... was macht er dann?

Wenn es nur so wäre, lieber Beo2. Dann würden wir ihn jetzt einfach runter führen vom Eis und all unsere Probleme wären sofort gelöst.

Nichts würde ich mir sehnlicher wünschen als genau das. Nur meine ich, im Detail dargelegt zu haben, warum genau dies nicht mehr gelingen kann. Aber du wirst mir jetzt sicher gleich erklären, wie es ab sofort alles besser laufen könnte. Ich freue mich drauf!

Grüße
Morpheus

--
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Wir - für die unbeschränkbare Freiheit.


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