Klasse Geschichte

azur, Sonntag, 29.11.2015, 23:13 (vor 3720 Tagen) @ Leserzuschrift4635 Views

Hallo Luna,

vielen Dank. Zum einen habe ich mir das heute auch noch einmal gesagt: Dass es ja zu anderen Zeiten so gewesen sein mag, wie Ihr es schildertet. Zu meiner Zeit, Einberufung 85, war es so, wie es schreibe.

Die ersten Grenzpolizisten waren ja auch noch aus Freiwilligen rekrutiert worden und galten als große Vorbilder.

Zu Deiner Fluchtgeschichte: Große Gratulation, wenn auch spät [[freude]] [[top]]. Kenne 2 aus der Familie, die es schafften, und jedesmal war das ein gefährlicher Gang. Sinnigerweise bin ich, obwohl ich in der Zeit bei den GT war, nie dort darauf angesprochen worden, obwohl wir stetig damit gerechnet haben. Es hätte ja sein können, dass ich unter Verdacht gekommen wäre, mit dem Wissen geholfen zu haben. Aber nicht eine Frage...

Die schärfste Geschichte ist die von einer Freundin, die mit ihrer Schwester mit westlichen Soldaten rumgealbert hatten, in deren Fahrzeug waren und unversehen durch eine Checkpoint fuhren. Im Westen haben sie Panik bekommen, auch weil ihr Vater einen höllischen Ärger bekommen hätte und verlangt, dass man sie sofort zurück bringt. Die Soldaten haben dann gesagt, dass sie doch noch einen schönen Tag dort haben könnten, aber sie wollten partout sofort zurück und haben sich geschworen, nie etwas davon zu sagen. Mit der Wende war das Versprechen dann obsolet.

An der Grenze hatten wir viel mit den dortigen Anwohnern zu tun, die zwischen den Zäunen Felder und Weideflächen hatten oder in der Meloration tätig waren. Manche Tage waren wir wie ein Pförtnerdienst. Die meisten von denen waren auch längst im kleinen Grenzverkehr drüben gewesen und lachten immer, dass die beim Staat Angestellten nicht das nicht durften. Die Schäferin hat auch mit den Grenzzöllnern und BGSlern geredet, die wir nicht mal grüßen konnten (und die uns auch immer verrieten, wenn wir irgend was machten, was unsere Dienstordnung nicht zuließ - die haben dann einen Funkspruch abgesetzt, wohlwissentlich, dass der bei uns abgefangen wurde).

Eine enge Familienangehörige hatte eine Westreiseerlaubnis für den 9. Nov. 89. Toll gelaufen.

Ein anderer Freund hatte auch eine Reiseerlaubnis und kam erst Tage später wieder, weil er sich das einfach traute. Es gab nur Schulterzucken, als er sich zurück meldete. Hätte ich mir, wie die Geschichte mit den Westallierten, niemals auch nur vorstellen können.

Mein Cousin ist übrigens mit dem Pass eines Doppelgängers rüber, den er zufälligerweise auf einer Party traf. Später hat er gesagt, dass er zu dem Zeitpunkt nur noch aus Prinzip abgehauen ist und im Osten besser gelebt hätte, wo er als Kellner an der Ostsee und im Winter im Skigebiet Oberhof dick verdient hatte. Dafür hat er dann nach der Wende mitbekommen, dass man den Ossis auf den Marktplätzen in der Provinz Billigkram von Hertie mit riesigen Gewinnspannen verkaufen konnte und sich daran ein goldene Nase verdient.

Wilde Zeiten.

Luna, ich würde mich sehr freuen, wenn Du noch erzählst, wie Du weggekommen bist.

Viele freundliche Gräße

azur

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