Dem muss ich vehement widersprechen (ed: ein ganzer Teil der Bevölkerung hat die GT natürlich abgelehnt, und...)

azur, Sonntag, 29.11.2015, 00:51 (vor 3720 Tagen) @ Leserzuschrift4729 Views
bearbeitet von unbekannt, Sonntag, 29.11.2015, 01:15

Habe es schon geschrieben, mich hat keiner, wie behauptet, vor die Wahl gestellt GT oder anderes.

Naturgemäß habe ich in dreijähriger Dienstzeit viel Kontakt zu Wehrpflichtigen bei den GT. Kein Einziger hat erzählt, dass er die Wahl gehabt habe. Und glaub mir, man hatte wirklich viel Zeit sich kennen lernen zu können. Da war kein einziger, der da hin gewollt hatte, denn alle kannten die vielen tragischen Geschichten - das war schlicht eine gefährliche Sache (sind ja auch genug Grenzer von eigenen Leuten getötet worden).

Edit: ein ganzer Teil der Bevölkerung hat die GT natürlich abgelehnt und das wussten doch alle. Dem haben sich vielleicht Überzeugte gern ausgesetzt, aber das waren doch nur wenige, selbst unter den Offizieren, die sich oft hatten überreden lassen. Keiner hat diese Ablehnung, die man ja auch verstehen konnte, gern freiwillig ausgesetzt.

Unter Militärs hat es dann doch oft Anerkennung gegeben, weil sie wussten, wie gefährlich und physisch hart der Grenzdienst war. Und alle waren froh, dass sie woanders gelandet waren.

Wenn mal jemand ganz seltenes sagte, dass er gern eine Festnahme erleben würden, haben ihn die anderen sofort missachtet (womit man vorsichtig sein musste). Das waren Freaks, meist geistig minderbemittelte (was da alles so gezogen worden war, ist unglaublich. Sogar geistig debile, die man dann nur nicht zu Postenführern machte, denn es fehlte überall am Personal. Die meisten Grenzer haben gesagt, dass sie inständig hofften, dass in ihrer Zeit nichts vorfällt. Und meist hat das auch geklappt (die Grenzsicherung war ja sehr tief angesetzt, mit "freiwilligen Helfern"- die wurden sogar offen angeworben und organisiert - und "Bahnpolizei" usw. Die absolute Mehrheit der Flüchtlinge erreichte den Zaun oder die Mauer gar nicht), es ist zum Glück sehr selten zu ernsthaften Vorkommnissen gekommen. Und diese Fälle waren dann drastisch und tragisch genug. Habe mal von einem in so etwas Involvierten gehört (nach der Wende - vorher war das streng geheim): Der ist, wie viele bei den GT auch annahmen, später tief unglücklich und verzweifelt gewesen.

Das dollste ist der Verweis:


Interessantes Thema, wie ich finde, das z.B. hier vertieft werden kann:
http://www.grenzkommando.de/
http://www.forum-ddr-grenze.de/

Kenne diese und andere entsprechende Seiten recht gut (habe darüber mit einem alten Zöllner Kontakt aufgenommen und ihm erzählt, dass wir ihn immer speziell bei Sichtung melden mussten usw. Er hat mir dann erzählt, mit wie vielen GT-Offizieren er schon gesoffen hat): Da hat kein einziger Wehrpflichtiger erzählt, dass er gefragt worden war. Die wurden eingezogen, und fertig.

Hab sogar erlebt, wie welche dort heimlich Grenzdurchbrüche gefeiert haben (die meisten hatten illegale Radios im Grenzdienst laufen). Auch dort war die absolute Masse gelinde gesagt skeptisch gegenüber Partei und Staat.

Aber wie gewöhnlich drängen sich Unmassen Legenden um das Thema GT...

1990 habe ich an einem ehemaligem Grenzturm, auf dem ich viele Samstag Abende vertun musste, den Kopf geschüttelt, ob der Tragik der Grenze und des ganzen Aufwands. Es ist ein riesen Glück, dass der Unfug aufgehört hat.

Die Wahl gehabt zu haben: Dem muss ich vehement widersprechen.*

Schönen 1. Advent Euch!


* sicher, in den Knast zu gehen, wäre auch noch möglich gewesen. Studienplatz weg usw. Ob es nicht so derb käme, hat man nicht sicher wissen können.

Wenn dann bei den GT welche sagten, dass sie nicht wüssten, ob sie schießen könnten (Umschreibung war, und als Uaz war ich eingeweihter Vorgesetzter: "Dem Fahneneid entsprechend handeln" - das roch nun mal direkt nach Knast) und Problem mit Gewalt hätten usw., wurde mit ihnen gesprochen und ggfs. diese in rückwärtigen Diensten eingesetzt.

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