Gering qualifizierte Analphabeten in den sechziger Jahren und heute, in den "2015ern" - unterschiedliche Einflussfaktoren ...

CrisisMaven ⌂, Montag, 21.09.2015, 13:00 (vor 3778 Tagen) @ Martin4088 Views
bearbeitet von unbekannt, Montag, 21.09.2015, 14:13

Sinn begruendet es mit der Herkunft der Arbeiter, nicht mit den Taetigkeiten.

Ich will mal davon absehen, wie Sinn es gemeint hat, oder ob "wir" da empfindlich reagieren auf das, wie er es gesagt hat, aber vielleicht anders gemeint hat. Fuer das folgende ist es unerheblich:

Es ist lediglich vom Ausbildungsstand der Flüchtlinge die Rede, und dass es je nach Herkunft eine große Zahl von Analphabeten gibt beispielsweise.


Ich bin mit dem Phaenomen des "Analphabetismus im Arbeitsleben" unter Auslaendern dreimal konfrontiert gewesen: Ende der fuenfziger/Anfang der sechziger Jahre als Kind in Deutschland (die oesterreichische Lage war aber aehnlich), Ende der sechziger und Ende der siebziger/Anfang der achtziger Jahre als (Bau-) Unternehmer.

Hier spielen ganz verschiedene Einflussfaktoren eine Rolle, die ich hoffe, denen aus meiner Generation, die das nur "von aussen" mitbekamen (oder vergessen haben) und den juengeren, die es ohne historische Spezialstudien nicht verstehen koennen (das kommt ja im Geschichts-Grundstudium oder -Bachelor sicher kaum vor, da geht's um Bismarck und Karl den Grossen), etwas naeher erlaeutern zu koennen:

A) Der Beginn der Anwerbung (Ende fuenfziger Jahre):

Anfaenglich wurden Gastarbeiter aus i.W. christlichen Kulturen angeworben

- Italien (abschaetzig "Itaker" genannt)

- Spanien

- Griechenland

- Portugal.

Von diesen waren, ausser manche Portugiesen aufgrund der eigenartigen Bildungspolitik Salazars (und offenbar davor), die meisten des Lesens und Schreibens kundig, oft tief katholisch (da gab es dann Anstrengungen der katholischen Kirche zu einer Auslaender-Pastoral) oder eben griechisch-orthodox.

Oft waren es verheiratete Maenner, die ihr Geld dann nach Hause schickten bzw. bar nach Hause mitnahmen im Urlaub (vgl. unten - die Kontenfrage). Es bildeten sich auch verschiedenste karitative Hilfsstrukturen, auch wenn diese den meisten Deutschen nie zu Gesicht kommen: z.B. fing das schon mit der Bahnhofsmission an oder es gab einen Arbeiterverein, z.T., vgl. Spanien und Portugal, mit oppositionellem Charakter (Franco in Spanien und Salazar in Portugal waren ja nicht eben gewerkschaftsfreundlich!).

Ja, die Bahnhofsmission gibt oder gab es, die faellt nur keinem auf ... mir ist sie mehrmals begegnet, weil ... ich als jugendlicher Autodidakt mir die Freiheit nahm, dem Schulsystem den Ruecken zu kehren und nun "mutterseelenallein" durch die Welt "trampte". Manchmal nahm ich auch, voellig uebermuedet und durchnaesst, dann einen Zug. Und siehe da: wie aus dem Erdboden tauchte dann manchmal eine etwas matronenhafte, resolute Dame neben mir auf und fragte, ob sie mir helfen koenne, ob ich Eltern habe usw.

Das passierte mir in einem deutschen Grossbahnhof, wenn ich mich recht erinnere, im Koelner Hauptbahnhof beim Umsteigen, in der Victoria Station in London und der Heuston Station in Dublin. Auch im Faehrhafen in Rosslare wurde ich kritisch beaeugt, dann aber nicht angesprochen.

Diese Gastarbeiter hatten anfaenglich ausserhalb des Arbeitslebens zwar kaum Kontakt zur deutschen Bevoelkerung, aber sie fielen auch selten "unangenehm auf". Wovon man hoerte, waren Messerstechereien von Italienern untereinander (das beruehmte "Stilett" begann den Alltags-Wortschatz zu bereichern).

Viele Italiener, die eh schon zur EWG gehoerten, liessen ihr Familien nachziehen und es begannen irgendwann die ersten italienischen Pizzerien aus dem Boden zu schiessen. Wie gesagt, die Italiener hatten es als EWG-Angehoerige da leichter. Spanier, Portugiesen [Beitritt 1986] und Griechen [Beitritt 1981] weniger, da nicht EWG-Angehoerige [EWG 1957, Italien Gruendungsmitglied - vgl. "Roemische Vertraege"].

Die Verhaeltnisse "damals" sind mit den heutigen aus verschiedenen Gruenden nicht vergleichbar:

I) Damals hatte selbst der normale deutsche Arbeiter kein Bankkonto! Ich erinnere mich noch der Plakate mit Sparkassenwerbung Anfang der sechziger Jahre, man "solle es sich doch bequem machen und ein Konto eroeffnen", man solle "bargeldlos zahlen" usw.

II) Der Arbeitsmarkt war "leergefegt". Wer als deutscher "Halb-Alphabet" einen des Deutschen nicht maechtigen italienischen "Voll-Alphabeten" als Arbeitskollegen bekam, konnte sich dennoch oft bald in der stolzen Rolle des "Vorarbeiters" wiederfinden, da er nun mal der Einaeugige unter den Blinden war. Heute koennte es sein, dass der besser gebildete Italiener ihn abloest ...

B) Die Anwerbung tuerkischer Gastarbeiter ab 1961:

Diese Geschichte habe ich aus zwei Blickwinkeln mitbekommen:

- zum einen wohnte ich in einer deutschen Kleinstadt mit ca. 15.000 Einwohnern. Ein grosses Werk dort beschloss aber ca. 1961/62, viertausend (!) tuerkische Gastarbeiter auf's Werkgelaende zu holen. Die Buerger waren in Schockstarre. Man hatte bisher nur vom Hoerensagen vom Islam gehoert, wenn ein "Neger" durch die Strassen lief, dann einmal im Jahr und der wurde von uns Kindern, ganz "rasseneutral", einfach nur bestaunt, wenn er, etwas unsicher dreinschauend, vorueberlief, bis er "am Horizont" wieder verschwand.

Diese tuerkischen Gastarbeiter traten dann aber im Stadtbild kaum in Erscheinung, die trauten sich anfangs selber nicht aus dem eingezaeunten Container-"Doerfchen". Die hatten bald ihre eigene Wurst-Versorgung mit irgendwelchen halal-Haendlern usw., es waren ja meist Maenner, die von zuhause Hausarbeit/Haushaltsfuehrung nicht unbedingt gewohnt gewesen sein duerften.

- Meine Mutter wurde irgendwann zu der Zeit mit Personalaufgaben betraut, spaeter Personalchefin. Sie erzaehlte mir ab und zu davon, was ich unfassbar fand bei Erwachsenen, dass das analphabetische Bauern aus Anatolien seien (sie war in einem anderen Unternehmen, das mit den ersten drei, vier Tuerken "Gehversuche" unternahm, der Rest bei ihr waren deutsche und z.T. schon italienische Arbeitskraefte).

Wie die anderen deutschen Arbeiter auch, erhielten diese Arbeiter jede Woche freitags ihr Geld in der Lohntuete. Viel war es ohnehin nicht, ich habe nach meiner Mutters Tod irgendwann deren eigene Lohnstreifen entsorgt (sie war Akademikerin) - selbst sie hatte Anfang der sechziger einen dreistelligen Betrag im Monat - d.h. viele Arbeiter duerften mit manchmal siebzig Mark am Freitag "heim"gegangen sein.

Waehrend mancher deutsche Arbeiter einen Teil seines Geldes gleich "versoff" (oder seine Frau stand am Werkstor und nahm es ihm gleich ab!), sparten diese Tuerken meist alles und transferierten es irgendwie nach Hause.

Spielhoellen und all das, auch das kam erst spaeter. Heute gibt es tuerkische Geldverleiher, die ihren "Landsleuten" fuer 100% im Monat (!) Geld leihen, damit sie im Hinterzimmer eines verrauchten tuerkischen "Clubs" weiter zocken koennen.

Also: die angeworbenen Tuerken hatten zwar keine nennenswerte Schulbildung, aber da es weder Wohngeld gab noch ein Bankkonto, musste man wirklich nur am Arbeitsplatz sich "mit Haenden und Fuessen" verstaendigen.

Als es irgendwann Kindergeld gab, erledigten das oft die Personalabteilungen mit.

C) Die Lage in den siebziger und achtziger Jahren

Mittlerweile gab es strukturelle Arbeitslosigkeit. Man versuchte, den Zustrom von Gastarbeitern aus Nicht-E[W]G-Laendern zu drosseln, ja umzukehren.

Im Zuge meiner Bauaktivitaeten kam ich dann Ende der siebziger Jahre mit den Realitaeten des deutschen Arbeitsmarktes in Beruehrung.

Dass man nun den Verwalter dieses Elends auch noch zum Chef der Migrationsbehoerde macht, will mir ebenso genial deuchen, wie, denjenigen, der die Bundesbahn versenkt hat, zum Verweser des Berlin-Brandenburger Fluchhafens zu machen.

Uns stehen qualifizierte Zeiten bevor ...

In den siebziger Jahren bedeutete strukturelle Arbeitslosigkeit, dass zwar die erste Million Arbeitslose ueberschritten war (Deutschland war wieder mal in Schockstarre), aber "strukturell" bedeutete, es gab jede Menge Bereiche, in denen haenderingend gesucht wurde und Bereiche, in denen man eben Arbeitskraefteueberschuss hatte.

Zudem gab es andere Zumutsbarkeitskriterien. Wer als Landwirtschaftshelfer in die Stadt zog, konnte sich dort "auf ewig" arbeitslos melden und nebenher studieren (zwar nicht zulaessig, aber wer ueberpruefte das schon - und jedenfalls besser, als fuer dasselbe Geld vor dem Fernseher herumzuhaengen).

Das gleiche konnte theoretisch der Ingenieur machen, der in's Zonenrandgebiet zog.

Es gab aber Bereiche, vor allem in der Gastronomie (Kuechenhilfen), in der Gebaeudereinigung und eben am Bau, da gab es Arbeitskraeftemangel.

Der deutsche Bauarbeiter, wenn er trotz Baukonjunktur arbeitslos war, war alkoholkrank und arbeitsunfaehig. Er wurde alle paar Wochen "vermittelt" und - flog dann nach drei Tagen wieder 'raus.

Einzig die Tuerken (die anderen, die Portugiesen, Italiener, Griechen etc. hatten es meist schon in echte Festanstellungen geschafft, manche waren schon wieder pensionsreif oder hatten eine Eisdiele aufgemacht ...) waren noch "brauchbar", da Anti-Alkoholiker. Viele waren auch, wenn auch nicht "auf dem Papier", qualifiziert.

Und wieder wurde der Deutsche zum Vorarbeiter, weil er einen Plan lesen konnte, einen Fuehrerschein hatte und beim Baustoffhaendler den richtigen Zement kaufen konnte.

Die "neuen" Tuerken kamen oft immer noch aus Provinzen wie Afyon (Tuerkisch fuer Opium!), Konya (Tuerkisch fuer Cognac?) usw. Manchmal konnten die nachziehenden Frauen besser schreiben und lesen als ihre Maenner, manchmal war es umgekehrt.

Auch diese schickten ihr Geld meist "nach Hause". Mein tuerkischer Vorarbeiter hat in der Zeit von seinem Lohn fuenf (!) Haeuser in der Tuerkei "gebaut"/bauen lassen. Im Urlaub legte er dann immer an ein, zwei der Haeuser letzte Hand mit an und vermietete die dann. Der war am Ende wohlhabender als wir geschaeftsfuehrenden Gesellschafter unserer deutschen GmbH!

D) Und warum das alles heute so nicht mehr funktioniert

Heute haben wir aber ueberall bis auf bestimmte Berufsspezialisierungen (ich vermute, zweisprachige Mechatroniker werden haenderingend gesucht ...) einen gesaettigten Arbeitsmarkt, dessen Bedarfsluecken schon mit niedrigqualifizierten Deutschen und hier akkulturierten deutschsprachigen auslandsstaemmigen Hauptschuelern nicht gedeckt werden koennen.

Selbst fuer den Taxischein braucht man Sprach-, Schrift- und Kulturkenntnisse.

Darum werden die meisten der in den letzen Wochen und Monaten angekommenen Zuwanderer, mit Ausnahme z.B. einiger Marokkaner und der syrischen Mittel- und Oberschicht, hier im Arbeitsmarkt nicht integriert werden koennen. Oder nur nach finanziellen Anstrengungen, deren Ausgaben fuer die Integrationsbemuehungen im Rest der verbleibenden Lebensarbeitszeit, so doch noch eine Arbeit gefunden wird, nie mehr "zurueckerstattet" werden koennen.

Das ist die Sachlage, und es hat keinen Sinn, darum herum zu reden.

Wer Anspruch auf Asyl hier hat, den muessen wir zur Not eben "durchfuettern", aber den Rest ins Land zu holen ist so schwachsinnig, wie den versagenden Leiter des versagenden Arbeitsamtes zum Leiter des Amtes fuer Migration zu machen. Keine weise Entscheidung.

Typisch staatslenkende Physikerinnen eben ... Auch die war schon fehlqualifiziert. Wenn wir nicht mal deutsches Personal fuer's Kanzleramt rekrutieren koennen, wie soll das dann unter Zuwanderern gehen???

Den großen geistigen Schritt, dass jemand der Analphabet ist und kein Deutsch kann am Arbeitsmarkt nur einen ganz kleinen Beitrag leisten kann, muss man dann selbst machen. Wenn ein Mitarbeiter den kleinsten Sicherheitshinweis nicht versteht, dann ist der AG in Haftung.

Ja. Da wird dann die Rechnung bereits negativ.

Und ich möchte auf der Straße keinem LKW begegnen, dessen Fahrer in Afghanistan seinen Führerschein gemacht hat.

Nein, der wuerde sonst die Fahrer mit dem ukrainischen oder lettischen Fuehrerschein gefaehrden ...

Den Menschen, die hier ankommen muss man teilweise erklären, dass man bei Rot nicht über die Straße gehen darf.

Aeh, ach so, das hatte ich auch bereits verdraengt ... [[zwinker]] ... Kein Wunder, wenn schon der Bio-Deutsche mit schlechtem Beispiel vorangeht.

Ist aber bald egal, dann funktionieren die deutschen Ampeln auch nicht mehr.

--
Mit 40 DM pro Kopf begann die Marktwirtschaft, mit 400.000 Euro Schulden pro Kopf wird sie enden.
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