Sichtweise
Lieber Dismas-Schurke,
ich möchte Dir mal was von meiner Sicht aus erzählen - schön, dass man ja in diesem Klub anonym bleiben kann. Da kann man sich auch die Wahrheit erlauben.
Das mit dem pauschalne Korruptsein als Volkskrankheit hinkt an einigen Stellen. Lassen wir mal die südosteuropäische Mentialität außen vor, - klar gibts da spezifische Eigenheiten.
Ich sag Dir mal detailliert, was ich empfinde, wenn ich so Deinen Bericht durchgehe. Hier bin nämlich ich der Schurke, nicht Du.
Seit den 70er Jahren bin ich selbständig, hab mit Null am Konto angefangen, - im Baunebengewerbe, - hab mir Stück für Stück Werkzeug zugelegt, dann einen kleinen Anhänger hinter dem PKW, dann einen Kleintransporter, bis zu den Großgeräten, - im Laufe der Zeit.
Aber wie war es damals? Da waren 11 % Mwst., da kam kaum einer auf die Idee, was schwarz machen zu lassen. Ausgehandelter Preis + 11 %, - das schließt die Sicherheit der einklagbaren Garantie für den Kunden mit ein, - das war fast jedem recht.
Damals gabs die Viertelrechnung. Das, was reiner Umsatz war, - viertelte sich folgendermaßen: 1/4 für die Löhne, 1/4 für die Materialien, 1/4 für Nebenkosten wie Versicherung, Büro, Miete, Steuern, usw., und 1/4 blieb in der Hosentasche als Reingewinn. Um ehrlich zu sein, - ich kam damals gar nicht auf die Idee, am Finanzamt vorbeizuarbeiten, - warum auch. Es reichte ja dicke.
Das änderte sich im Laufe der Zeit. Nicht nur die Mwst., auch die Sozialversicherungskosten wurden immer höher geschraubt, - jedenfalls ging der Reingewinn zurück, aber im Gegensatz dazu bauten die Arbeitsämter, die Krankenkassen, die Finanzämter, die Versicherungen, die Berufsgenossenschaft usw. Paläste für die Verwaltung in Dubai-Qualität.
Irgendwann begann man dann umzudenken. Auch als ursprünglich ehrlicher Steuerzahler. Die Banken kamen und ermutigten einen, immer mehr Anschaffungen zu machen, - ("es gibt billiges Geld, billiger wirds nicht mehr..")und dann passiert was Unvorhergesehenes: Man kommt an einen Bauträger, irgendwas mit GmbH&Co KG, was damals bei den Bauvorhaben mit 7b- Abschreibungen gang und gebe war, - und kommt an einen Betrüger. An jemanden, der dazwischen abgesahnt hat. Dazwischen heißt: Es gab eine Investitionsgesellschaft, dann eine Treuhandgesellschaft, dann einen Generalunternehmer, und letzterer hatte mit unzähligen Kleinunternehmern Subunternehmerverträge, - wir waren einer davon. Typische bundesdeutsche Konstellation, als es noch lief.
Nun war in der Treuhand einer dabei, der mit 2,8 Mio DM die Flatter machte. Klar haben sie ihn dann gekriegt, - aber sein Geld war nicht mehr auffindbar. Bekam 3,5 Jahre, nach 2 Jahren und 8 Monaten war er wieder frei. Lachte alle aus, - das ergaunerte Geld hatte er sicher irgendwo in der Schweiz.
Das Schlimme dabei war: Über dem Urteil stand damals "Im Namen des Volkes". Das war eine Häme. In meinem Namen sicherlich nicht, und ich gehöre auch zum Volk. Als die Haftreduzierung erlassen wurde, entschied auch ein Richter mit "Im Namen des Volkes",- wieder nicht in meinem Namen. Auch nicht im Namen der vielen kleinen Satellitenbetriebe, die dabei draufgingen, wie meiner auch. Auch nicht im Namen der Familie, wo sich einer der betroffenen Kleinunternehmer deshalb umgebracht hat.
Damals geschah etwas Bestimmtes, - etwas Grundsätzliches ging in mir vor: ich begann, den Staat als Einrichtung zu hassen. Nicht im Stil der RAF, mehr passiv, aber doch. O.k., das ist mehr als 30 Jahre her, - ich hab auch daraus gelernt. Wenn ich aber heute nicht wenigstens mit einer Kleinigkeit dem Staat (Finanzamt, Banken, oder sonst was) schaden kann, dann schlafe ich in dieser Nacht nicht gut. Dadurch war ich schon in der Lage, meine Schäfchen ins Trockene zu bringen, - aber es gibt genug Fälle, die ich persönlich kenne, die nie mehr einen Fuß auf den Boden gekriegt haben, - obwohl sie selbst gar nicht an dem Desaster schuld waren, sondern die Rechtssprechung, die Banken, die Starrheit der öffentlichen Verwaltung, usw.
So - und jetzt lese ich - vereinfacht ausgedrückt - dass die Korruption etwas Gesellschaftsbedingtes wäre, eine Art Volkskrankheit. Da muss ich widersprechen. Ich war nicht so. Ich bin dazu gemacht worden. Ohne, dass ich es wollte. Wie unzählige andere auch.