Hegemoniewechsel

politicaleconomy, Mittwoch, 29.04.2015, 22:02 (vor 3914 Tagen) @ Phoenix56677 Views
bearbeitet von unbekannt, Mittwoch, 29.04.2015, 22:10

Hi Phoenix,

sehe das genauso wie du. Dieses Bündnis wäre die einzige Möglichkeit,
den Niedergang signifikant zu bremsen. Da sich aber ein Imperium wie die
USA nicht einfach zum Sterben schlafen legen wird, werden die den dritten
Weltkrieg vom Zaun brechen, wenn sie riechen, dass es in diese Richtung
geht.

Nun, die US-Hegemonie wackelt ja schon (siehe z.B. hier).

Aber in Europa sieht man nicht, daß sich daraus die Aufgabe der eigenständigen Strategie und des Schmiedens neuer Allianzen ergibt, sondern folgt offensichtlich weiter wie gewohnt dem Hegemonen und nimmt sein Denken für die Wahrheit. Hinzu kommen noch die spezifischen Probleme, die "vereinigten Staaten von Europa" entgegenstehen. Schon eine gemeinsame Sprache gibt es ja nicht, es mangelt an leadership, etc. Es lohnt sich, Helmut Schmidt zu lesen ("Die Selbstbehauptung Europas", "Mächte der Zukunft") und anzuhören (z.B. hier), meine ich. Er betrachtet all das sehr realistisch, und dennoch hat er klare Ziele und eine feste Strategie (und hat diese verfolgt).

George Friedmans Aussagen zur Strategie der USA bezüglich Eurasien hätten auch für andere ein wake-up-call sein können (für mich waren sie das). Wagenknecht hat sie im Bundestag erwähnt, aber bei Merkel ging das wohl zum linken Ohr rein, zum rechten gleich wieder raus.

Und abgesehen davon bräuchte es wirklich einen grundlegenden
Regimewechsel, denn schwache Opportunisten und US-Befehlsempfänger wie
Merkel würden, wenn ihnen plötzlich die Erleuchtung zuteil werden würde,
allein um den Gesichtsverlust zu vermeiden, keine andere Richtung
einschlagen

Wie man am "Kopf-in-den-Sand" der Eurogruppe sieht. Es geht dabei nicht nur ums "US-Befehlsempfängersein". Die gesamte ökonomische Ideologie in den Köpfen nicht nur der Eliten, sondern auch des "kleinen Mannes" ist ein Produkt "der USA" (bzw. ihrer Think Tanks - beginnend mit der Mt. Pelerin Society und der University of Chicago).

Je deutlicher mir klarwird, wie sehr die Produktion und das Promoten/Durchdrücken auch ökonomischer Theorien (und nicht nur ökonomischer) Machtinteressen folgt und wie sich das, was die Modelle jeweils ausblenden, den Machtinteressen dient, desto klarer wird mir, wie sehr die heutige Welt GLOBAL (v.a. die Situation "Entwicklungsländer") Ergebnis des Handelns der USA ist: diese haben das Währungssystem konstruiert, die dominante Theorie geliefert, den IWF für ihre Interessen funktionalisiert, etc.

Die Köpfe zu beherrschen (Deutungshegemonie) ist viel effektiver als direkte Gewalt, und das ist Teil der US-Strategie der "Full Spectrum Dominance".

Varoufakis' Buch "Der globale Minotaurus: Amerika und die Zukunft der Weltwirtschaft" hat da wieder ein paar wesentliche Einsichten gebracht. Kann ich Dir trotz mancher Verkürzung und mancher Unklarheit deswegen auch empfehlen.

und außerdem von Moskau auch nicht mehr als Partner akzeptiert
werden. Dafür haben sie zu viel kaputt gemacht.

Von einem "neuen, kompetenten Personal" ist leider noch wenig zu sehen bisher. Zwar brodelt es seit 2008 an den ökonomischen Fakultäten der Unis, aber bis daraus ein breiterer Strom des Denkens wird, der eine neue Generation von Ökonomen produziert (wie nach 1929ff. die Generation von Keynesianern) wird das noch dauern.

Wie kaputt diese Frau und ihr ganzes Regime wirklich sind, hat Varoufakis
schön aufgezeigt, als er für mich zum ersten Mal plausibel die Haltung
Berlins in der EURO-Krise (und in Folge dessen auch ggü. Griechenland,
aber auch gegenüber dem eigenen deutschen Volk, das sie ausbluten!)
erklärt hat: Die wollen einfach ein klein wenig politische Macht in
Europa, v.a. gegenüber Frankreich.

Varoufakis äußert ja sogar Verständnis für Merkel und trennt ihre Person von ihrem Amt: er sagt, sie fühle eine Verantwortung, "not to diminish the chancellor's office", in gewissem Sinn also auch eine Verantwortung ihrem Volk gegenüber. Daß das nur kurzfristig Vorteile bringt, langfristig aber nicht gutgehen kann, dafür fehlen ihr und Schäuble die ökonomische Einsicht (sagt z.B. Helmut Schmidt ganz klar).

Mit solchen Kindereien ist kein Staat
zu machen und schon gar nicht ein selbstbewusstes Europa. Nach oben (US)
buckeln, nach unten (EU) treten. Die Frau und ihr ganzer geisteskranker
Appendix gehören dringend weg oder nach Washington entsorgt.

Ich hatte Schäubles Lernfähigkeit wohl auch überschätzt. Aber in so einem streßigen Amt grundlegende Fragen zu stellen, ist vermutlich schon zeitlich unmöglich. Die Grundüberzeugungen werden fix bleiben, wenn sie falsch sind, bleiben sie falsch und können wohl in den meisten Fällen nur durch die Auswechslung der Personals geändert werden. Und das muß erstmal wachsen - Varoufakis ist hier nur der erste Vorreiter (und seiner Zeit in diesem Sinn voraus, weil er sich relativ frühzeitig, schon vor 2008 mit den Grundlagenfragen beschäftigt hat), hinter dem zunächst mal keine weiteren Kompetenzlinge nachzukommen scheinen.

Um den Prozess voranzutreiben, lohnt es sich, sein Buch zu lesen, würde ich sagen.

Gruß
PE


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