Das schon, aber Putin hat seit 2008 die Geschichte auf seiner Seite

politicaleconomy, Dienstag, 28.04.2015, 14:00 (vor 3914 Tagen) @ plancom8348 Views
bearbeitet von unbekannt, Dienstag, 28.04.2015, 14:04

lautet: bis Ende des Jahres soll u.a. die Ukraine komplett in das
Staatsgebiet Russlands integriert werden. Genau diese Formulierung habe ich
vernommen.

Das mag zu den Szenarien gehören, die für unterschiedliche Fälle durchdacht werden.

Generell schätze ich die Strategie Putins eher anders ein.

Nemo hat hier kürzlich eine beim Vineyardsaker erschienene Analyse von Rostislav Ishchenko gepostet.

Ishchenko ist "President of the Center for system analysis and forecasting", über das ich auf die Schnelle nichts Näheres ergoogeln konnte. Könnte jemand mal recherchieren, was das für ein Institut ist und wer dahintersteckt? Ist das ein STRATFOR-vergleichbarer ukrainischer Think Tank?

Ishchenko nimmt wie George Friedman oder auch Varoufakis kein Blatt mehr vor den Mund. Seine Einschätzung ist:

"So ist Putins zweite Absicht klar: Den Frieden oder wenigstens den Anschein von Frieden so lange wie möglich zu bewahren. Frieden ist vorteilhaft für Russland, weil es unter Friedensbedingungen ohne enorme Kosten das gleiche politische Ergebnis erreichen kann, aber in einer erheblich besseren geopolitischen Situation. Das ist der Grund dafür, dass Russland immer wieder Friedensangebote macht. Ebenso wie die Junta in Kiev kollabieren wird, wenn im Donbass Frieden herrscht, sind auch der militärisch-industrielle Komplex und das von den Vereinigten Staaten geschaffene globale Finanzsystem zur Selbstzerstörung verurteilt, wenn in der Welt Frieden herrscht. So gesehen lässt sich Russlands Handeln gut beschreiben mit der Sun-Tzu Maxime “Der größte Sieg ist jener, der ohne Schlacht errungen wird”."

Das scheint mir relativ schlüssig, zumal Putin längst mit der russischen Armee in Kiev stehen könnte, wenn er denen wollte, wie kürzlich ein Bundeswehrgeneral bei Jauch klar sagte.

Auch wird natürlich ein zerrüttetes, kollabiertes Westeuropa - und an dieser Selbstzerstörung wird ja seitens der Eliten fleißig gearbeitet - leichter und williger in eine eurasische Union integrierbar sein als ein starkes, einiges und wachsendes. Daher ja z.B. auch die Putin-Unterstützung für die Front National, die explizit NATO und EU verlassen will, um mit RU zu kooperieren.

Einstweilen setzt Putin auf die Gewinnung internationaler Sympathien und ein weiteres Abwirtschaften des US-Empire, dessen Unbeliebtheit weltweit immer mehr zunimmt. Im Prozess der Erholung der vom US-Minotaurus zugefügten Zerstörung und der Rückgewinnung von Eigenständigkeit ist Rußland unter den Opfern des Minotaurus in der Tat führend, und ist sich dieser Vorreiterrolle auch sehr bewußt.

Die hektische, dümmliche und oberflächliche Anti-Putin-Propaganda der atlantischen Westmedien zeigt, welchen Grad von Nervosität er damit auslöst.

Wenn Du also sagst, "alle spielen mit falschen Karten", dann stimmt das natürlich. Putin hat aber schlicht einen größeren und für Massenemotionen relevanteren Teil der historischen "Wahrheit" auf seiner Seite, eine schlüssigere Interpretation der globalen Realität als das bröckelnde US-Narrativ, das in den 50ern entwickelt und seit Ende der 70er Jahre massiv gleichschalterisch propagiert wurde und 2008 kollabiert ist (und nur noch mühsam, mit geschlossenen Ohren und Augen und allen verfügbaren Machtmitteln, aufrechterhalten wird).

Dieser Prozess wird weitergehen.

Ishchenko schließt:

"Ungeachtet also der Wünsche Putins oder der Interessen Russlands wird in Anbetracht der Machtbalance insgesamt sowie der Prioritäten und Fähigkeiten der Protagonisten ein Krieg innerhalb der Ukraine, der bereits letztes jahr hätte enden sollen, nahezu sicher nach Europa hinüberschwappen. Man kann nur vermuten, wer effektiver sein wird – die Amerikaner mit ihrem Benzinkanister oder die Russen mit ihrem Feuerlöscher? Eines aber ist absolut klar: die Friedensinitiativen der russischen Führung werden nicht nur durch ihre Wünsche, sondern auch durch ihre tatsächlichen Fähigkeiten begrenzt sein. Es ist sinnlos, gegen den Willen des Volkes oder den Lauf der Geschichte anzukämpfen; aber wenn sie zusammenfallen, dann ist das Einzige, das ein weiser Politiker tun kann, den Willen des Volkes und die Richtung des geschichtlichen Prozesses zu verstehen und zu versuchen, das um jeden Preis zu unterstützen."

Ich habe aus RU Berichte dahingehend, daß man dort "ready to fight against the west" ist. Insofern sind die Ängste der Balten und Polen nicht unverständlich.

Es sollte auch nicht schwer sein, sich in einen Russen hineinzudenken, der den Kollaps 1989ff. und das anschließende Plattmachen Rußlands durch westliche "Berater", "Investoren" etc. miterlebt hat. Ich habe dazu früher mal geschrieben:

"Man muß kein Hellseher sein, um zu verstehen, wie groß in Russland der Haß auf den Westen sein muß, und wie groß die Genugtuung über seine jetzige große Krise. Denn zwei mal in der Geschichte war Rußland Experimentierfeld westlicher moderner Ideologien, beidesmal waren diese in der Aufklärung begründet. 1917-1989 der staatsfundamentalistische Marxismus, 1989-? der marktfundamentalistische radikale Liberalismus.

Beide Ideologien sind in Rußland gescheitert und haben den Russen mehr Leid gebracht, als daß sie ihre Versprechungen erfüllt hätten.

Man muß sich nicht wundern, wenn die Russen jetzt ihren eigenen Weg gehen wollen - und nach den demütigenden Jahren nach 1989 wieder als machtvoll handelndes Subjekt auf die Weltbühne treten wollen. " (Posting vom 15.04.2014)


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