Antwort - hab grad keinen besseren Betreff
Wenn Du jetzt Gegenstand eines Fatalismusvorwurfs geworden bist, ist das
natürlich nichts gegen Dich persönlich, ich kenne Dich ja gar nicht. Es
geht mir darum, die Möglichkeit aufzuzeigen, dass Menschen, die sehr viel
Energie in ein von ihnen errichtetes Gedankengebäude gesteckt haben,
dieses eventuell nur noch eingeschränkt oder gar nicht mehr selbstkritisch
hinterfragen können.
Leistet man nun Zarathustras Argumentation Folge, das Universum sei ein
einziger Schwarm - glaubt also an diesen Schwarm - dann scheint mir die
Grenze zwischen Determinismus und Fatalismus tatsächlich zu verschwimmen.
Denn je fester der Glaube an diesen Schwarm, von dem man ja auch glaubt ein
Teil zu sein, desto mehr tritt das eigene Ich in den Hintergrund und desto
mehr verbeugt man sich (vor allem gefühlsmäßig) vor seinem Schwarm als
universell wirkender Instanz. Und wo ist dann noch der Unterschied zu einem
Gott? Wo ist dann noch der Unterschied zwischen rein mechanischem
Determinismus und Fatalismus?
Ob ich das Universum in seiner Gesamtheit auf praktischer Ebene nicht
vollständig erfassen kann (zu hohe Komplexität, Berechnung für Menschen
nicht möglich) oder auf theoretischer Ebene scheitere (der Wille einer
höheren Instanz ist für den menschlichen Geist nicht ergründbar),
ändert nichts am Gesamtergebnis. Mein Glaube bestimmt lediglich darüber,
in welchem Zustand des Nichterfassbaren ich mich wohler fühle, im
wissenschaftlichen oder im religiösen.
Jedoch die Intensität meines Glaubens legt sehr wohl fest, ob es mich
noch als selbstkritisches Ich-Individuum gibt oder nicht mehr, weil ich dem
Schwarm zuvor all meine Energie gegeben habe und vollständig in ihm und
mit ihm in seiner Richtung verschwunden bin, die mal meine war. Dann
nämlich ist der Schwarm Gott und es gibt keinen Determinismus mehr, da es
mich als individuellen Bezugspunkt nicht mehr gibt.
Hallo vegan,
danke für die ausgearbeitete Antwort.
Die möchte ich jetzt doch mit etwas Fleisch anreichern ![[[freude]]](images/smilies/freude.gif)
Nein, es gibt nicht viel dazu zu sagen, zumindest nicht kontrovers.
Das wesentliche Thema ist wohl Determinismus vs. Fatalismus.
Es gibt wohl verschiedene Vorstellungen von Determinismus.
Für viele ist es das zwangsläufige Ablaufen eines Uhrwerks, das mich heute zwingt mich so und so zu verhalten.
Andere sehen sich das Leben z. B. im menschlichen Organismus an, wie es gleichzeitig an Milliarden von Punkten Entscheidungen trifft: Mensch schiebt per Peristaltik den Nahrungsbrei weiter, irgendwelche Bakterien dort analysieren diesen und produzieren daraus genau die richtigen und notwendigen Stoffwechselprodukte, die wiederum vom Darm aufgenommen werden können und per Blut transportiert werden können. Das Blut transportiert aus den Zellen wieder Abfälle zu anderen Bakterien, die genau diese aufnehmen und dadurch leben können und die sich gerade entscheiden sich zu teilen...
Abermilliarden Lebewesen in und um uns herum, die gerade im Moment symbiotisch zusammenarbeiten um selbst zu leben und vielen anderen das Leben ermöglichen.
Überall gibt es Kommunikation der Lebewesen mit der inneren und äusseren Umwelt, welche Bedingungen und welcher Austausch möglich ist und Entscheidungen...
Immer sind es determinierte Prozesse insofern, dass jedes Lebewesen kommunizieren muss und in Austausch treten muss und entscheiden muss, was es austauscht...
Kommunikation ist Resonanz auf die In- und Umwelt und ist zwingend.
Resonanz ist selbst immer zwingend, sonst wäre es keine Resonanz.
Wenn Du Dich heute über @Zara ärgerst, ist das zwingend, offensichtlich determiniert.
Bilder die Du hast, Deine Psyche, der Vater der Dich geschlagen hat
, deine Frau, die Dich nicht rangelassen hat, der fallende Goldkurs, der Kater vom Treffen mit Freunden, der Schuss Milch im Essen bei den Freunden... - all das Zeugs mixt sich jetzt zu (D)einer zwingenden Reaktion.
Es ist allerdings noch nicht für jemanden von uns vorhersehbar, wie Du morgen auf @Zara reagierst (vielleicht liest Du aufgrund meiner Empfehlung - ja! - begeistert seine ganzen alten Texte zu Determinismus und Fatalismus), außer dass es morgen eben wieder determiniert gewesen sein wird.
Auch bezüglich des Wortes Fatalismus gibt es verschiedene Vorstellungen.
Hier im Gelben wird er gerne als moralischer Vorwurf gebraucht: 'Du Fatalist kümmerst Dich um nix und niemand' oder 'Du bist Fatalist' - und es ist schlicht Egoist oder xxxloch gemeint...
Fatalismus darf nicht sein, er ist böse.
Meist geht es bei beiden Begriffen dabei um den heiß geliebten 'freien Willen', den man halt partout nicht nicht-haben will.
Warum wir an dieser Idee mit Klauen und Zähnen festhalten, ist mir auch schleierhaft.
Wenn wir das alles philosophisch betrachten würden, könnten wir gut mit beiden Begriffen (Det. und Fat.) leben, denn es gibt genug ernste Denker, die das alles konstruktiv durchdacht haben, ohne sich gegenseitig Unmoral vorzuwerfen.
Was Gott betrifft - da kann ich nicht mitreden.
Wenn ich 'Gott' als Begriff benutze, habe ich das An-Sich bereits mit dem Messer meines Geistes in Gott und Ungott (den ganzen Rest) zerschnitten.
An dem Begriff 'Gott' kleben bereits so viele Vorstellungen, dass es sich jedenfalls nicht um das handeln könnte, was wir gerne mit diesem Begriff meinen wollen würden.
Wenn wir aufhören mit dem Messer des Geistes das An-Sich zu zerteilen, dann bleibt ein undefinierbares Etwas, das wie ein farbloses Nichts aussieht und sich ungefähr auch so anfühlt
.
Zum Ich-Individuum...
...habe ich heute bereits an Cliff was geschrieben.
So, ich habe das jetzt einfach mal so herunter geschrieben.
Zeit für eine inhaltliche Überarbeitung habe ich gerade nicht.
Es geht so raus - mit den besten Wünschen an Dich.
Danke und Gruß
Hinterbänkler
--
...und es gibt überhaupt gute Gründe dafür, zu mutmassen, daß in einigen Stücken die Götter insgesamt bei uns Menschen in die Schule gehen könnten. Wir Menschen sind - menschlicher ...
Friedrich Nietzsche 'Jenseits von Gut und Böse'