Die Ära Jelzin

Piter, Dienstag, 08.09.2015, 20:15 (vor 3790 Tagen) @ Dragonfly5655 Views

Hallo Dragonfly,

nereus hat schon sehr ausführlich geantwortet und viele politische Hintergründe offengelegt. Dem kann ich im Grunde voll und ganz zustimmen.

Darum auch jetzt nur meine persönlichen Erfahrungen, ohne eine exakte Analyse - weil diese bei der Fülle an Ereignissen in der Innen- und Aussenpolitik über 25 Jahre - tausende Seiten wären:

Allerdings bezweifle ich, dass Gorbatschow so naiv gewesen war und vom Westen hereingelegt wurde. Es scheint viel eher eine Inszenierung im Gange gewesen zu sein, die Mitte der 80er Jahre startete.

Jelzin wurde schon sehr früh im System installiert. Eine kleine Geschichte, die man wohl auch nur in Russland kennt ist die:

Roman Abramovich war beispielsweise der Liebhaber einer Tochter Jelzins, die ihn dafür zur Machtbasis führte...

Das ist auch nur ein Beispiel von vielen wie damals die Kontakte so liefen.

Abramovich soll auch mal einen Zug mit Öl umgeleitet haben, um dann daraus das Startkapital für seine "Ölhandelsfirma" zu erzielen. Dies wiederum ist in einigen Büchern festgehalten.

Perestroika wird im Westen immer als zwingendes Resultat dargestellt, weil die Zustände in der Sowjetunion unhaltbar schlecht gewesen sein sollen. Doch in Wirklichkeit kann man festhalten, dass die Zustände vielleicht nicht so gut waren, aber sich mit den eingeleiteten "Reformen" nur noch weiter verschlechterten und dies ohne Pause von 1991 bis zum Jahr 2000.

Leider kann ich mich nicht mehr an alle politischen Einzelheiten erinnern und vieles was damals geschah, wird auch erst heute bekannt, nachdem die Straftaten verjährt sind.

Aus eigener Erfahrung kann ich nur berichten, dass es für meine Eltern, von heute auf morgen, keine Arbeit mehr gab. Mein Vater war in der Verwaltung, meine Mutter im Krankenhaus. Er musste dann als LKW Fahrer neu anfangen und meine Mutter verdiente so wenig, dass die Ernährung der Familie zum Problem wurde. Also entschlossen sie sich nach Deutschland zu kommen.

Meine Onkel und Tanten blieben in Russland. Meine Familie hatten vor allem großes Glück, weil sie in Sankt Petersburg lebten. Die dortige Privatisierung, Umschreibung der Wohnung zu Privatbesitz, bot Vorteile. So konnten sie immerhin an Touristen vermieten.

Es wurde jedes Zimmer frei gemacht, sofern jemand zur Miete kam. Die zusätzlichen Einnahmen, in US-Dollar, erleichterten das Leben sehr.

Insgesamt waren die Preise auf den Märkten immer tief. Zwar stiegen Lebensmittel stark im Preis, doch das Brot, der Tee, der Zucker und das Salz blieben immer relativ billig. So war es dann irgendwie möglich, dass trotz der Armut die Menschen überleben konnten. Wer auch noch wenigstens eine Arbeitsstelle in der Familie hatte, konnte so die Großeltern mit versorgen oder umgekehrt wenn diese Land und ein paar Hühner hielten.

Das Schlüsseljahr war 1991. Waren davor noch Kaviar, Lachs, Fleisch und Torten problemlos und erschwinglich verfügbar, gab es danach nichts mehr oder nur noch gegen US-Dollars.

Doch ich kann mich sehr gut daran erinnern, dass es bei meinen Verwandten darum oft nur ein paar matschige Nudeln zu essen gab und wenig Fleisch. Dazu Tee und Schwarzbrot sowie unsere Pakete aus Deutschland.

Ein Freund berichtete mir, wie er damals in Tomsk lebte. Ohne Hühner und Kartoffeln vom 1.000 Quadratmeter Landsitz der Großeltern, haben sie sonst in völliger Armut gelebt.

Auf den Straßen waren nur noch Räuber und Banditen unterwegs. Mädchen wurden vergewaltigt, mit dem Messer wurden die Einkaufstaschen aufgeschlitzt und das Essen gestohlen, Drogensüchtige und Alkoholiker raubten das wenige Gemüse, das irgendwo im Garten wuchs.

Es war der reinste Horror und niemand wünscht man so ein Leben.

Dagegen war Syrien unter Assad wahrscheinlich das reinste Paradies.

Also wenn das die Errungenschaften der westlichen Kapitalismus waren, dann wünschen sich die meisten Russen die tiefsten Kommunismus in der Sowjetunion zurück.

Was nützen einem die Schaufenster, voll von Importwaren, wenn man sich nicht einmal ein Stück Fleisch leisten kann?

Es wurde auch sehr schnell offensichtlich, dass die US-Amerikaner und die jüdische Oligarchie das Sagen hatten. Diese waren international vernetzt, hatten Geld für Flugreisen und konnten das System ausnutzen. Diese Gruppen scherten sich einen Dreck um das Volk und bereicherten sich mit Tricks, Betrug und Raub.

Es wurden mehrere hundert Banken gegründet, die Gelder transferierten, Kredite vergaben die nie zurückbezahlt wurden und schließlich Bankrott gingen.

Hunderte Milliarden Dollar wurden jährlich geraubt und nach Israel und in die Schweiz transferiert.

Selbst wenn man die tiefen Rohstoffpreise und Ölpreise berücksichtigt, waren es trotzdem gigantische Summen. Zumal viele Rohstoffe ja zwischen 1991 und 1995 noch halbwegs gute Preise hatten.

Es wurde zwischen 1991 bis 2000 nichts mehr investiert. Gar nichts. Die Straßen waren unbefahrbar und wer sich dennoch traute, wurde oft von Straßenbanden ausgeraubt.

Darum meine heutige Sicht auf die EU:

Auch in der EU scheint momentan alles verrückt zu werden. Das Geld hat nur noch einen Scheinwert und wird mit beiden Händen ausgegeben. Wie das von den USA aufgezwungene Wettrüsten die Sowjetunion ruinierte, wird das Gutmenschentum die EU ruinieren.

Wirtschaftlicher Sachverstand ist heute in der EU nichts mehr wert. Es geht nur noch um Ideologien. Das ist gleich wie in der Sowjetunion.

Ein solches System muss und wird immer kollabieren. Das meinte ich, als ich schrieb, dass ich das kein zweites Mal erleben will.

Russland scheint heute, vor allem dank China, stark genug zu sein, um Krisen zu überstehen.

Es ist eine Stimmung von leichter Besserung zu spüren. Während in der EU und Deutschland es jeden Tag ein kleines Stück weiter bergab geht. Allerdings wird am Ende der totale Zusammenbruch sehr schnell geschehen.

Die Sowjetunion und ihre Ideologie hielt sich auch bis 1989 noch relativ passabel. Doch der Niedergang war schon seit den 70er Jahren spürbar. Die Geschichten von den hungernden Ostbürgern und Russen sind aber reine Märchen. Der große Kollaps kam wie gesagt in einem Jahr und plötzlich.

Von 100% auf 50% ging schleichend, dann auf 10%!

Momentan würde ich Deutschland bei 70-80% vermuten, wenn wir einfach mal 1980 als 100% annehmen.

Gruss
Piter


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