Hm, wenn die Positionierung im SAP-Markt so einfach waere ...

CrisisMaven ⌂, Mittwoch, 20.01.2016, 15:19 (vor 3670 Tagen) @ Plancius5987 Views
bearbeitet von unbekannt, Mittwoch, 20.01.2016, 17:13

Ich gehe das mal der Reihe nach durch (in der Meinung, es interessiert Dich und Du ziehst evtl. daraus Nutzen).

Ich habe mich vor einem Jahr im Bereich SAP Beratung und Entwicklung mit der Gründung einer Einmann-GmbH selbständig gemacht.

Damit, anders als der Freiberufler, zwangslaeufig Gewerbesteuerpflicht und IHK-Beitrag. Andererseits kann man durch Zahlung des eigenen Gehalts den Gewinn auf Null fahren und damit die Gewerbesteuerpflicht i.W. umgehen. Vorteile hingegen bei dem Verdacht der "Scheinselbstaendigkeit".

Andererseits evtl. spaeter bei Verkauf oder Schliessung Aufdeckung stiller Reserven ("derivativer Firmenwert") u.a.

Vorsicht bei eigengenutzter Immobilie - die kann auch dann zum Betriebsvermoegen gehoeren, wenn man formal an die GmbH vermietet. Ist kompliziert und vom Einzelfall abhaengig, aber Ein-Mann-GmbHs (ich vermute, darum handelt es sich), sind so eine Sache ...

Kenne etliche Gewerbetreibende und Freiberufler, die immer noch, wiewohl dement und achtzig Jahre alt, den Betrieb "fortfuehren", weil sie sich den Ruhestand mit Entnahme dieses Betriebsvermoegens nicht leisten koennen (Immobilienmpreissteigerungen!).

In der Regel nimmt man ein oder mehrere Kunden seines Arbeitgebers mit

Aber nur, wenn der Arbeitgeber doof war und sich das nicht abbedungen hatte im Arbeitsvertrag. (Wofuer er allerdings dann auch "Abstand" zahlen muss analog Handelsvertreterrecht, weshalb das oft zahnlos bleibt, viele aber dennoch aus Unwissenheit abschreckt.)

und führt zu Beginn seiner Selbständigkeit das letzte Projekt beim Arbeitgeber in Eigenregie weiter fort.

Da kenne ich Faelle, da hatten die Betreffenden am naechsten Tag eine einstweilige Verfuegung vom Landgericht, inkl. 250.000 Euro Zwangsgeld/sechs Monate Knast-Androhung ...

So entfällt das Akquiseproblem zu Beginn der Selbständigkeit

Ist also nochmal gutgegangen, haette aber auch den Kopf kosten koennen.

Dann melden sich die Freelancer bei Agenturen an,

Deren beste immer noch in England sitzen ...

Ich habe in jahrelanger Arbeit ein Produktportfolio entwickelt, das ich als Ergänzung und spezifische Problemlösung zu SAP Software anbiete. Deshalb auch keine Tätigkeit als Freelancer, sondern gewerblicher Auftritt in Form einer GmbH.

Was aber die Vermarktung ueber Agencies ohnehin erschweren koennte, denn die verwechseln immer noch "BW" (Business Warehouse) und "WM" (Warehouse Management). Je spezieller, je mehr Fachbegriffe, desto schwerer bei der hohen Fluktuation bei den Agencies.

Mein Ziel war es, dass ich mich als Spezialist und Lösungsanbieter in einer Nische für SAP Software positioniere und meine Aufträge primär über das Internet generiere.

M.E. fataler Irrtum: dass naemlich ein Grosskunde wie Nestle, Daimler, RWE, Deutsche Bank, das Internet bemuehen, um ueber Stichworte potentielle Projektanbieter zu suchen. Dafuer bemueht der Zentraleinkauf einige wenige "gelistete" Agencies, s.o.

Kunden sollten über Google und meine Website zu mir kommen,

Wer kommt, sind Suchende. Ob potentielle Kunden (so) suchen, darf bezweifelt werden. Was anderes ist, wenn man Hundefutter anbietet. Da suchen auch achtzigjaehrige Gehbehinderte im Internet.

d.h. ich möchte weniger aktiv auf Kunden über Cold Calls und dergleichen zugehen.

Wie schon die Hoffnung, dass die Kunden einen suchen wuerden, sehe ich auch das kritisch: Cold Calling - bei wem? Der Projektleiter, der die Fachtermini evtl. kennt (oft nicht mal der) darf nicht mit Anbietern reden und der Einkaeufer versteht nur Bahnhof ...

Das ist bei Normteilen im Einkauf in der Automobilindustrie anders - dort gibt es Facheinkaeufer. Aber bei Projekteinkauf wechselt die Sprache/der Fachbegriff staendig. Darum ... die Agencies.

Der SAP Markt ist riesig und in meiner Nische gibt es nur wenig qualifizierte Anbieter und eine aussagekräftige Webpräsenz meines Wettbewerbs gibt es schon gar nicht.

Hm, wenn angeblich die anderen Anbieter zu bloed sind, sich im Web ordentlich zu positionieren und darum in Suchen bloss nie auftauchen - woher will man wissen, dass es sie nicht dennoch gaebe???

Erster Schritt war die Suche eines Firmennamens, der mit meinen Leistungen im Zusammenhang steht

Auch das ist so eine Sache. Vgl. Metzger Schweisfuss.

pets.com ist pleite, "effem" nicht ...

jedes Bild beschrieben und mit Keywords in den ALT-Tags versehen.

Das ist gut, wenn auch nur, weil die meisten es uebersehen.

Seit Sommer 2015 werde ich mit meinen Keywords bei Google auf der ersten oder zweiten Seite gelistet.

Wenn Du Dich suchst, oder wenn andere Dich suchen?

Die Feststellung des objektiven Ranking ist extrem schwierig und gelingt nie wirklich.

Alle potentiellen Wettbewerber und auch die großen SAP Dienstleister habe ich geschlagen.

Wie schon gesagt - woher kennst Du Wettbewerber, die man nicht finden kann, weil sie nicht so SEO-erfahren sind?

Ich habe zwar nur 20 – 30 effektive Besuche auf meiner Website pro Tag,

Da sind vermutlich dennoch, obwohl das versucht wird, herauszurechen, ein paar "Bots" dabei. Auch solche von Spammern.

aber da ich mich in einer Nische befinde, sind die Besuche meiner Website hocheffektiv. Jemand, der nach meinen Keywords sucht, befindet sich schon potentiell im Markt,

Moment mal - man kann ja seit Googles "Reformen" nur noch eingeschraenkt oder immer weniger feststellen, aufgrd. welcher Suche jemand zu einem findet. Vielleicht hast Du eine Formulierung auf Deinem Blog "Neulich beim Finanzamt" ... und jemand hat danach gesucht?

Um festzustellen, ob das Thema wirklich dem Suchenden auf den Leib geschneidert war, muesstest Du zusaetzlich "Bounce Rate", "Time on Site" etc. auswerten.

Erstaunlich viele Besucher kommen über die Google Bilder-Suche, so dass sich die Verschlagwortung meiner Bilder wohl gelohnt hat.

Ja, aber das sind fast nie Kunden. Das erhoeht den Traffic fuer jemanden, der mit Adsense-Anzeigen zusaetzlich Geld verdienen will, nuetzt aber beim Core Marketing so gut wie nix.

In meinem Blog liefere ich mindestens einmal pro Monat frischen Content zu meinem Tätigkeitsfeld, um so konstant neue Besucher auf meine Website zu locken.

Das funktioniert nur bei Leuten, die den RSS-Feed abonnieren. Anderseits hilft es, da Google "fresh content" schaetzt.

Einmal habe ich einen Lösungsansatz preisgegeben, nach dem viele SAP Entwickler suchen, um zu testen, wie sich der Traffic auf meiner Website dadurch steigert. Und in der Tat – der Traffic ist schlagartig um ca. 25% gestiegen.

Ja, diese Leute suchen, Kunden nicht.

Wie gesagt, ich nutze die Wordpress-Technologie für meine Website. Und was habe ich festgestellt? Der Inhalt auf meinem Blog wird viel schneller indexiert und rankt auch höher als der Rest meiner Website.

Das kann auch damit zusammenhaengen, dass WP immer korrekten HTML-Code generiert, der Rest ggf. gegen HTML-Standards verstoesst, was Google (etwas) abwertet.

Trotz meines fulminanten Starts im Google Pagerank haben sich meine Investitionen in meinen Webauftritt nicht ausgezahlt.

Doch - insofern Du anders generierte Interessenten auf Deinen Blog als "Visitenkarte" verweisen kannst. Das koennen viele andere nicht. Bewerben sich zwei ansonsten gleich qualifizierte SAP-Berater ums selbe Projekt, kann das sehr wohl ausschlaggebend sein. Eine ROI-Rechnung bei Webseiten ist daher eine vertrackte Sache.

Bis heute habe ich keinen einzigen Backlink generiert

Sprich: Du hast nicht mal woanders kommentiert? Straefliche Vernachlaessigung!

und auch keinen einzigen Kommentar auf meinem Blog erhalten.

Insbes. ein Mitarbeiter eines potentiellen Kunden wuerde sich hueten, das zu tun. Ich habe allein an zwei SAP-Projekten mitgewirkt, die als solche "geheim" waren, d.h. die Konkurrenz sollte nicht erfahren, dass der Kunde SAP einfuehrt ...

In einem Jahr habe ich 8 Telefonanrufe, 4 Emails und ein kleines Projekt über meine Website erhalten.

Das haetten mit Agencies TAUSENDE sein koennen (je nach Markt, nehmen wir mal MM oder SD ...). In Deiner Nische natuerlich weniger.

Ich musste feststellen, dass in meiner Branche doch die Entwickler über Agenturen oder die großen SAP Dienstleister geordert werden.

Ja, und das hat verschiedene Gruende:

Erstens:
Die ISO-QM-Zertifizierung fordert, dass JEDER Lieferant (das waerest Du) ebenfalls ISO-zertifiziert sein muss (oder eigens auditiert werden muesste).

Die Agencies sind dies darum, Du vermutlich nicht. Und: wenn schon die Webseite sich (scheinbar, s.o.) nicht "lohnt" - eine ISO-Zertifizierung kostet noch wesentlich mehr ... Fuer "nix".

Zweitens:
Jeder Grosskonzern und die meisten Mittelstaendler buendeln ihre Lieferanten. Die wollen z.B. fuer SAP-Projekte nur mit, sagen wir, zehn grossen (ISO-zertifizierten) Agencies zusammenarbeiten, nicht hunderten, schon gar nicht einem Einzelkaempfer (und schon gar nicht ohne ISO-Zertifizierung).

Diese Lieferanten sind im SAP-MM-PUR-Orderbuch gelistet und eine BAnf eines Projektleiters wird auch nur gegen diese abgeglichen, bzw. Bestellvorschlaege generiert!!! No chance ...

Auch das Platzieren von AddOns für SAP geschieht wohl nur über die SAP Dienstleister,

Richtig - oder Du laesst Dich SAP-zertifizieren. Stell' Dir mal vor, der gesamte Ersatzteilnachschub bei VW stuende still, wegen Deines fehlerhaften Add-Ons. Und: das Add-On muss vom ISO-zertifizierten Lieferanten stammen. Die Katze beisst sich in den Schwanz.

die einen direkten Draht zum IT-Chef des Kunden haben und so ihre oder andere Produkte platzieren.

Nee, die sind gelistet, siehe oben. Direkter Draht mag dann noch dazukommen.

Der Versuch, meine Lösungen über SAP Dienstleister zu vertreiben, war leider nicht von Erfolg gekrönt. Meine Lösung steht in Konkurrenz zu deren eigenen Produkten, die ähnliches anbieten.

Richtig. Und da ABAP-Quellcode offenliegt, unterliegst Du auch in Verhandlungen; die kupfern Dir das ab ...

Meine Lösung ist zwar qualitativ besser, preiswerter und vom Kunden leichter zu implementieren,

Nicht ... ohne ISO-Zertifizierung ... Ausserdem: hast Du bereits Deinen eigenen Namensraum bei SAP-ABAP?

steht jedoch in Konkurrenz zu den eigenen Produkten der SAP Dienstleister.
Die sind zwar miserabler und teurer, aber Kunde weiß es in dem Moment ja nicht, wo es ihnen verkauft wird.

Ja. Und Deine eigenen Testimonials stehen im Verdacht, Werbung zu sein - wie jedes Eigenlob. Da muesstest Du schon die Fraunhofer-Gesellschaft dazu bringen, das zu bewerten.

Mobilfunkvertrag bei T-Mobile und Vodafon war nicht möglich. Beide haben mich abgewiesen.

Wegen des Risikos der beschraenkten Haftung.

Bei vielen meiner Einkäufe muss ich nach wie vor in Vorkasse gehen.

Dito. Dazu haettest Du eine oHG oder KG waehlen oder Freiberufler bleiben sollen (bei Verkauf von Add-Ons aber waere in jedem Fall Gewerbe zu unterstellen, vgl. Faerbetheorie u.v.a.m.).

Allerdings musste auch ich feststellen, dass ohne schlagkräftigen Vertrieb die eigene Leistung am Markt keinen Wert hat.

Das machen die Agencies. Welchen Grund koennten die haben, einen guten Lieferanten nicht zu vermarkten?

Und in meinem Bereich spielen persönliche Kontakte doch weiterhin eine überaus dominierende Rolle.

Diese Kontakte haben die erfahrenen Recruiter dieser Agencies. Beispiel: mit Agency zehn Prozent weniger netto, aber 12 Monate Auslastung.

Ohne Agency 10 Monate Auslastung (wenn's denn klappt), und 10% mehr netto ...

Siehe auch

Das Geheimnis des guten Rankings in Google ...

Der Schritt von 1€, 10€ zu 100€, 1.000€ ...

Wonach waehlt Google (u.a.) aus?

Marketing und Social Media

Werbeeinnahmen und Kooperationen

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Mit 40 DM pro Kopf begann die Marktwirtschaft, mit 400.000 Euro Schulden pro Kopf wird sie enden.
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