Stämme; Befehlsgesellschaften; Rechtsstaaten.

BillHicks ⌂, Wien, Montag, 04.07.2016, 02:19 (vor 3519 Tagen) @ DT2520 Views

Danke für Deine Antwort, DT. Ich versuche mal dran zu bleiben:

"Was sind europäische Interessen?"

Ehrlich gesagt ist das Subsidiaritätsprinzip tief in mir verwurzelt.

Das kann ich gut verstehen. Jetzt müsste nur noch genau geklärt werden was unter "Subsidiarität" genau zu verstehen ist.

Das "europäische" ist mir zu wenig greifbar.

Auch das kann ich nachvollziehen. Gleichwohl basiert das föderale Deutschland auf "europäischen" Ideen: Freiheit, Gleichheit, Eigentum (das ich ideengeschichtlich der Freiheit untergeordnet sehe, deshalb sind es eigentlich bloß zwei europäische Ideen: Freiheit und Gleichheit).
In der derzeit mehr oder minder laut mitgesungenen deutschen Nationalhymne (mit österreichischer Melodie) bei öffentlichen Sportveranstaltungen heißt es:
"Einigkeit und Recht und Freiheit".

Einigkeit steht hier für die Möglichkeit die Konkurrenzparadoxa der einzelnen deutschen Fürsten und Städte nur durch eben jene "Einigkeit" überwinden zu können. Freilich war diese Einigkeit im deutsch-nationalistischen Kontext gedacht und dank allseitiger europäischer demographischer Aufrüstung bis in das 20. Jahrhundert hinein war diese Art der "Einigkeit" in Deutschland (Deutsches Reich ab 1871) ein Rezept für Desaster in dem sonst politisch ganz und gar nicht einigen Europa. Stichwort: "Deutsche Frage". Die sich ganz aktuell übrigens wieder stellt, das ist Dir sicher bekannt. Vielleicht muss man die Flüchtlings-Strategie der Regierung Merkel auch unter diesem Gesichtspunkt betrachten: es hat den (weltweiten) Blickwinkel auf Deutschland - man hatte ja kurz zuvor den "Spardiktator" in €uroland gegeben - doch erheblich verändert!

Europa gegen Amerika, Europa
gegen Rußland, etc. Ich bin kein Freund dieses Blockdenkens.

Unterscheiden zu können, d.h. Unterschiede und Gemeinsamkeiten wahrnehmen zu können, heißt für mich auch verbinden zu können.

Man muss deshalb kein Freund von "Blockdenken" sein um unterscheiden und geopolitische Analysen machen zu können. Wer hat welche Interessen? Wer kann seine Interessen vertreten?
Mit den Russlandsanktionen dürfte auch in den größten "realwirtschaftlichen" Unternehmen in Deutschland/Europa klar geworden sein, dass sich deutsche/europäische Interessen nicht immer in Deckung mit US-amerikanischen Interessen befinden.

Was tut man mit diesem Befund vernünftigerweise?
Sich in kleinere Einheiten zurück ziehen?
Wie viel kleiner?
Welche Wirtschafts- und Außenpolitik soll in diesen kleineren Einheiten verfolgt werden?
Wie viel wirksamer können diese Wirtschafts- und Außenpolitiken mit kleineren Einheiten verfolgt werden als jetzt (mit einer hegemonialen, gerade deshalb in wichtigen Fragen praktisch handlungsunfähigen EU)?

In meiner Zeit im Amiland habe ich mich weniger als Deutscher denn als
Regionaler gefühlt, der ich war.

Das erinnert mich an die Utopie eines "Europas der Regionen" (Vortrag von Ulrike Guerot, Deutsch, 32min).
Kompakt: weg mit den "Nationalstaaten", die sind eh' bloß ein Konstrukt und sind so ungleichgewichtig, dass es ausschließlich zu Problemen führt. Eigentlich fühlen sich ohnehin alle nicht zu den Nationen, sondern vielmehr zu ihren "Regionen" zugehörig (Baskenland, Schwabenland, Flandern, Tirol, Baden, Katalonien, Bayern, Franken, etc.pp.). Diese sind außerdem viel ähnlicher in ihrer Größe als die bisherigen Nationen (man denke: Deutschland, Frankreich, Italien - Malta, Liechtenstein, Luxemburg) und verwalten sich auf dieser Regionen-Ebene komplett selbst und lagern an eine gemeinsame Europäische Republik ausschließlich das aus, was dort hin gehört, weil es in den Regionen schlicht nicht erledigt werden kann: Außen-, Wirtschafts- und Währungspolitik.
Ein bißchen so wie ein eurpäischer Körper (Europa ist eine Frau!), der einzelne Organe hat, die sauber von den anderen Organen unterschieden werden können, und doch haben alle eine gemeinsame Haut und ein gemeinsames Immunsystem.
Eine Utopie, freilich (und eine durchaus strapazierte Metapher, zugegeben).

Und manchmal fühle ich mich einem Russen, einem Chinesen, einem Iraner
bei bestimmten Dingen mehr verbunden als einem Hamburger oder einem
Berliner (nicht das Essen, die Personen!).

Auch das kann ich sehr gut verstehen. Ging mir auch schon desöfteren mit Menschen unterschiedlichster "Nationalitäten" so. Was diesen hier im Forum immer wieder mal mit wenig subtiler Verve vertretenen Begriff der "Nation" über den "Regionalpatriotismus" hinausgehend noch weiter relativiert.

"Nation" sollte man generell unbedingt von "Staat" unterscheiden können, d.h. klar Gemeinsamkeiten und Unterschiede sehen und benennen können. Nation ist nicht Nationalstaat. Dieser wiederum ist ein Subtyp von Staat etc.

Ich bin ein großer Anhänger der Theorie, daß 50 Personen eine ideale
Zahl sind, die noch gerade so überschaubar sind, und daß solch ein Trupp,
wenn er zusammenhält, wie ein Guerriliatrupp die halbe Welt aus den Angeln
heben kann, wenn er nur will. Siehe special operations in den Kriegen in
den letzten Jahrzehnten. Da kann eine Truppe von zwei Handvoll Männern
mehr bewegen als die sich entgegen stehenden Fronten in Verdun.

50 Personen ist unterhalb der Dunbar-Zahl, die hier im Forum berühmt berüchtigt ist. Diese geringe Zahl erlaubt (theoretisch und praktisch) ein Zusammenleben in einer Stammesgemeinschaft ohne Freiheit und Gleichheit (die europäischen Ideen).
"Andere" Freiheiten und Gleichheiten kann es in Stämmen schon geben. Aber nicht das was "wir" Europäer (da ist der Anglo-Raum dabei, weil sich auch dort diese europäischen Ideen durchgesetzt haben) darunter verstehen:
- persönliche Freiheit; Du gehörst Dir und niemand anderem (auch nicht den 49 anderen oder dem Stammeshäuptling, die immer das beste für den Stamm entscheiden usw.)
- Gleichheit vor dem Recht; dem Anspruch nach hat niemand das Recht auf eine Sonderbehandlung: vor dem Recht sind alle gleich.

Deine 50 Personen wären deshalb für mich ein Rückzug in "kleinere" Einheiten, die mir doch schon arg klein, nachgerade winzig vorkommen.

Welche Außen- und Wirtschaftspolitik werden 50 Personen verfolgen können?
Ist es möglich eine funktionierende Mikronation, sagen wir eine Art Mikro-Stadtstaat, aufzubauen? Unter bestimmten Voraussetzungen bestimmt. Welche wären das?
Ich scheitere allerdings schon beim Versuch mir das als in der Praxis wirksam vorzustellen...
Ernsthaft. Es will nicht so richtig klappen. Nicht in einer "offenen" Welt. Zurück gezogen? In Subsistenz? Ja, denkbar (siehe Hutterer, Amish). Aber dann ganz sicher ohne Freiheit und Gleichheit. Und in Europa schwerlich vorstellbar, dass sich solche Kommunen in ernsthaftem Ausmaße etablieren.
Die politische Großwetterlage in Europa male ich mir für diesen Fall lieber gar nicht erst aus.
Aber unseren (großteils marktgläubigen --> man schaue sich das institutionelle Design der EU an) Staatswissenschaftsversagern in Brüssel/Berlin/Paris/Rom/... ist leider einiges zu zu trauen. Vielleicht bekommt Deine Idee mit den 50 Personen doch noch Relevanz.
Ich hoffe es ehrlich gesagt nicht.
Was da an "Stammesromantik" existiert in halb-politisierten Kreisen fasziniert mich zunehmend. Diese Romantik ist dann gern besonders groß bei Menschen, die mit ihrer eigenen Liebesfähigkeit allerspätestens bei ihren Partnern schon an ihre Grenzen stoßen (dem eigenen Nachwuchs wird das [[herz]] zwar noch am ehesten geöffnet, aber schon da geht es über den betonfesten Glauben, dass der eigene Nachwuchs "was Besonderes" ist, meistens schon nicht hinaus - aber ich schweife ab).
Diesem Denken, des "Wenn dann erst einmal die Stammesgemeinschaft da ist, dann ist alles ganz anders und endlich gut" kann ich bloß eine Absage erteilen. Man nehme ein (nicht kulturrelativistisches!) Geschichtsbuch zur Hand. In Stämmen ist gar nichts per se "gut" (auch nicht per se "schlecht" - aber das glauben Stammesromantiker ja erst gar nicht).

Daher hänge ich eher dem Prinzip "Schweiz" nach, wobei auch die
(zumindest im vorigen Jahrhundert, als ich dort gearbeitet hatte) in der
Deutschschweiz am liebsten die Tessiner nach Italien und die Waadtländer
nach Frankreich (Savoyen) verkauft hätten. Man sieht, am liebsten kleine
Gruppen, die sich vom Wesen und von der Sprache her nahe stehn.

Hier sprichst Du einen sehr wichtigen Punkt an: den der gemeinsamen Sprache. Das ist hier nicht in der gebotenen Tiefe zu erörtern. Vielleicht einer der wichtigsten weitgehend übersehenen, wenigstens öffentlich kaum ausgeleuchteten, Punkte. Warum? Naja, weil jeder Nationalstaat ja "seine" Amtssprache(n) schon hat.
Werden Europäer europäische Interessen schon mangels einer gemeinsamen Sprache niemals vertreten können?
Nicht auszuschließen, dass es letztlich daran hängt.

Ich weiß, denkt man mein Prinzip zum Ende hin, kommt man wieder bei so
was raus wie Deutschland 1648. Typisch deutsch... ich kann leider nicht aus
meiner Haut:

[image]

Diese Art "typisch deutsch" hat aber mit Stammesgemeinschaft (50 Personen...) ziemlich wenig zu tun, auch wenn es freilich "dörfliche" Strukturen sehr wohl gegeben hat (und ja vereinzelt heute noch gibt).

Zumindest den freien Reichsstädten ging es stets ganz gut,

Gut, aber Städte haben nun mit Stämmen gar nichts zu tun. Viel mehr mit "Freiheit, Gleichheit, Eigentum". Kein Wunder ging es den Städten mit Freiheit, Gleichheit und Eigentum besser als dem Land. Entwickeln wir uns heute eigentlich wieder in diese Richtung? Man vergleiche den Immobilienboom in den Städten und die Wohneigentumspreise auf dem Land.

das sieht man
auch heute noch an den Bauten, Rathäusern, Kirchen; die Bürger und
Handwerker lebten gut, ohne das Joch, einen Fürsten in seinem Schloß mit
seinem Hofstaat und seinem Prunk unterhalten zu müssen...

Genau: die Fürsten stehen eher für Befehlsgesellschaft, die Städte eher für den Rechtsstaat (Stadtstaaten als Ausgangspunkt der Staatsentwicklung auch im modernen Europa).

Ist diese von Dir vorgetragene Annäherung an die Fragestellung (der gemeinsamen europäischen Interessen) als eine erste zu sehen und es werden noch weitere folgen?
Die gemeinsamen europäischen Interessen wurden bislang nämlich genauso wenig thematisiert wie die Konkurrenzparadoxa, welche die einzelnen europäischen Nationalstaaten derzeit davon abhalten diese europäischen Interessen tatsächlich wahrnehmen zu können, selbst wenn sie wollten.
(Anm.: ein Beispiel für ein Konkurrenzparadox aus einem anderen Zusammenhang ist das "Gefangenendilemma").

Wir befinden uns in meiner Wahrnehmung schließlich derzeit in einer Situation, da die (technische, finanzielle, ...) Integration der Welt munter voran schreitet, die politische Welt sich aber doch unter erheblichem Desintegrationsstress befindet, zumindest was den Westen und hier speziell Europa betrifft.

(Anm.: Um die europäischen Ideen als solche (Freiheit, Gleichheit, Eigentum) ist mir dabei übrigens weniger Bange. Die setzen sich langfristig durch, da bin ich sicher.)

Nimmst Du das mit der politischen Desintegration bei sonstiger weltweiter Integration so ähnlich wahr?

Falls ja, das wäre doch der Diskussion allemal würdig. Auch und gerade aus dezidiert europäischer Sicht!
Falls nein: wie nimmst Du die Situation wahr?

Tut mir leid, dass der Text so lang wurde. Wollte eigentlich viel kompakter bleiben. Danke für's Lesen!

Schöne Grüße

--
BillHicks

..realized that all matter is merely energy condensed to a slow vibration – that we are all one consciousness experiencing itself subjectively. There's no such thing as death, life is only a dream, and we're the imagination of ourselves.


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