Fakt: je schlimmer das Trauma, umso größer das Schweigen
Seltsamerweise hat man in den 50ern und 60ern des letzten Jahrhunderts und
auch später nicht nie etwas davon vernommen, obwohl es Millionen
Betroffene gegeben haben muss.
Fakt ist leider: je schlimmer das Trauma, umso größer das Schweigen.
Die Millionen Betroffenen gibt es tatsächlich.
Wen "man" also "nie" etwas davon vernommen hat, dann zeigt das lediglich
1. dass das Trauma vielleicht größer ist, als "man" sich vorstellen kann,
2. dass "man" evtl. selbst dem Prozess der (unbewussten) Verdrängung unterliegt,
3. dass "man" mit Sicherheit sich nie ernsthaft mit dem Thema befasst hat.
Für alle anderen an diesem Thema Interessierte oder davon Betroffene seien z.B. folgende Bücher empfohlen:
Bettina Alberti: Seelische Trümmer (Untertitel: Die Nachkriegsgeneration im Schatten des Kriegstraumas)
Sabine Bode: Die vergessene Generation (Untertitel: Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen)
Beide Bücher handeln von den Ursachen und Folgen, weniger für die direkt betroffene Kriegsgeneration, sondern vor allem für deren Kinder und Enkel, an die diese Traumata unbewusst und stillschweigend weitergegeben wurden und die selbst in der dritten Generation z. T. noch massive Probleme damit haben.
Auch meine Familie war davon betroffen, z. B. überlebten von den vier anderen Geschwistern meines Vaters eine einzige Schwester. Zwei Brüder und eine Schwester starben im Bombenhagel. Niemals hatte er dies auch nur erwähnt, geschweige denn darüber gesprochen, wie schmerzhaft dieser Verlust für ihn gewesen sein musste.
Ein einziges Mal erzählte er, wie er am Westwall als 16-Jähriger erlebte, dass neben ihm bei Schanzarbeiten (ganze Schulklassen wurden hierzu abkommandiert) sein gleichaltriger Nachbar von einem Tiefflieger, der den Schützengraben entlang flog und in die Kinder feuerte, von einer Kugel tödlich getroffen wurde.
Das war das Schlimmste, über das er reden konnte. Der Tod der eigenen drei Geschwister dagegen war sein Leben lang ein Tabu.
Die Auswirkungen reichen tatsächlich bis in mein und meiner Geschwister Leben, beim einen mehr, beim anderen aufgrund mehr oder weniger intensiver Aufarbeitung weniger.
Vielleicht erklärt dies zumindest etwas Dein etwas überheblich klingendes "Seltsamerweise hat man in den 50ern und 60ern des letzten Jahrhunderts und auch später nicht nie etwas davon vernommen...".
Ich hoffe, "man" hat JETZT ENDLICH mal was davon vernommen...
Viele Grüße von einem Betroffenen!