Borreliose als Volkskrankheit mit unspezifischen Symptomen ist ein klassischer Fall für sog. Differentialdiagnostik!
Medizinische Kontroversen: "Die durch das Bakterium Borrelia burgdorferi verursachte Lyme-Borreliose ist in der nördlichen Hemisphäre die häufigste zecken-übertragene Infektionskrankheit, an der in Deutschland jedes Jahr erneut etwa 230.000 Menschen erkranken. Die Lyme-Borreliose ist vom Grunde her ursächlich heilbar, vorausgesetzt sie wird rechtzeitig erkannt und ausreichend mit Antibiotika therapiert. Aber die Diagnostik, Behandlung und Therapiekontrolle dieser Infektionskrankheit ist nach wie vor mit zahlreichen Unwegsamkeiten und Problemen behaftet.
Die Problematik bei der Genese und der Diagnose der Borreliose ist sehr, sehr vielfältig, hier nur ein paar Einzelheiten (ich hatte ja geschrieben, daß das Thema nicht so einfach zu 'knacken' ist, wenn man schon bei Medizinern nicht genügend Wissen voraussetzen darf).
Hier ein paar, nur ein paar, aber mit die wichtigsten, Aspekte (die Punkte werden dann jeweils unten weiter erläutert):
a) Die Symptomatik der Borreliose ist in weiten Teilen unspezifisch.
b) Das mit der geringen Spezifizität der Symptome gilt sowohl in der Inkubations- und der akuten Phase, wie auch im späteren chronifizierten Stadium. Ein Erythem ist nicht immer vorhanden und wird, falls vorhanden, nicht immer bemerkt.
Eine direkte Diagnose (Erregernachweis) ist aber in vielen Stadien der Erkrankung schwierig, z.B. ganz zu Anfang, wenn der Bakterientiter evtl. (noch) nicht nachweisbar ist und im chronischen Stadium, wenn die Borrelien sich 'eingegraben' haben.
c) Wegen der schweren Auswirkungen (von Arbeitsunfähigkeit bis Tod inkl. 'dazwischen' verstärkter Anfälligkeit für "opportunistische' Erkrankungen, d.h. Erkrankungen, die ohne die Borreliose-Erreger beim betreffenden Patienten gar nie oder viel später ausgebrochen wären oder einen weniger progressiven Verlauf genommen hätten), ist diese Krankheit ein klassischer Fall für die Differentialdiagnose.
ad a)
Unspezifisch heißt nicht, daß keine 'diagnostizierbaren' Symptome vorhanden sind, im Gegenteil. Denn ohne Symptome gehen Menschen nicht zum Arzt, siehe bestimmte schmerzlos verlaufende Lebererkrankungen (vgl. Fettleber oder Hepatitis). Ist auch besser so.
Unspezifisch heißt, daß diese Symptome auch bei vielen anderen, z.T. verbreiteteren, z.T. 'harmloseren' und 'Zivilisations'-Krankheiten auftreten.
ab b)
Die Diagnostik bei unspezifischen Symptomen gleicht daher in der 'modernen' Medizin oftmals einem Roulette-Spiel. Welcher Spieler setzt aber schon gleich zu Anfang auf "Zero"???
Welcher schlecht honorierte Arzt, der seine 'Großzügigkeit' auch noch bei 'Budget'-Überschreitung aus eigener Tasche (!) bezahlen muß, greift dann also gleich 'in die Vollen' und ließe alle Erkrankungen abklären, die auch diese(s) Symptom(e) haben? K(aum)einer ...
Dann setzt zudem bei der Anamnese, die ebenfalls wegen der Honorarsituation viel zu kurz ausfallen muß, der 'confirmation bias' ein, d.h. wenn 'Constant Fatigue Syndrome' zur Arbeitssituation des Betroffenen paßt, dann weiß man ja, 'liegt am Streß' usw. Eine Frage gibt dann die andere und am Ende steht die Nicht-Borreliose-Diagnose 'fest'.
ad c)
In solchen Fällen arbeitet(e) man (früher ...) mit der sog. 'Differentialdiagnose'.
Differenzialdiagnose machen die meisten aber nur noch bei ihrem Allrad-Arztwagen.
Differentialdiagnose bedeutet: man hat mehrere mögliche Krankheitsursachen zur Auswahl (die zu den selben Symptomen mehr oder weniger gut 'passen'). Man hat aber, jedenfalls bei progressiv verlaufenden oder potentiell tödlichen oder (Borreliose) zu nur schwer oder gar unbehandelbaren chronischen Formen neigenden Erkrankungen u.U. nicht genügend Zeit, eine vollständige Diagnose zu erstellen.
Dann therapiert man 'auf gut Glück' die schwerste der (aufgrund der Symptomatik) möglichen Erkrankungen.
Bessert sich der Zustand des Patienten drastisch und nachhaltig, 'so war's das' - die Heilung war gleichzeitig die (Differential-) Diagnostik!
Aber: da wegen des Budget-Problems der Hausarzt auch keine aufwendige Antibiotika-Therapie 'nur mal so' zu verschreiben sich getraut, wird das heute höchstens in reinen Privatpraxen oder in Tropeninstituten gemacht. Erstere unterliegen nicht den Budgeteinschränkungen des 'öffentlichen' "Gesundheits"unwesens und letztere sind vertraut damit, erstmal 'das Richtige' zu tun, auch wenn man nix Genaues weiß, weil z.B. ein hämorraghisches Fieber, das anfänglich auch nur mit Müdigkeit einhergehen kann, einem eine andere Wahl nicht läßt, es sei denn, man legt es auf einen weiteren Leichnam für die Forschung an.
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Wenig hilfreich sind in solchen Diskussionen dann immer diese Verschwörungstheorien, die den Patienten ein weiter Mal ein Gefühl der Hilflosigkeit vermitteln.
Daß, wie im Eingangs-Zitat leise anklingend, zwischen verschiedenen geographischen Gebieten bzgl. Borreliose 'Glaubenskriege' toben, hat u.a. den einfachen Grund, daß in USA die dort vorgefundenen Borrellia sensu lato meist nicht die burgdorferii sensu stricto sind, und zudem die Übertragungswege ('Vektoren') sich unterscheiden - in deutschen Wäldern sind viele Hirsche und Rehe 'gut' und vorbeugend, in USA scheint es genau umgekehrt.
Bei Cholesterin und Statinen dagegen wird ein Forschungsprojekt in USA wie in Europa oder Asien zu nahezu ähnlichen Ergebnissen kommen, saubere Methodik vorausgesetzt (woran es in 80% der Studien leider mangelt).
Fazit: um mit auf mehrere Krankheiten zutreffenden Symptomen besser umgehen zu können, wäre den Ärzten zu wünschen, daß sie ein Semester weniger jedes einzelne Knöchelchen bis zur eigenen vegetativen Dystonie pauken müssen, und sie stattdessen lieber, etwa an einem jesuitisch geführten theologischen Kolleg, sich auch mal mit Hermeneutik befassen dürften.
Aus diesen genannten und noch manch anderen Gründen dauert der Literaturhinweis zu Borreliose halt ein bißchen länger.
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