Sachschuld vs. moralische Schuld.
Hallo Uwe,
danke für Deine Ausführungen.
Der Begriff „Entschuldung“ bezieht sich im Wesentlichen auf eine „Sachschuld“, wohingegen sich der Begriff „Entschuldigung“ auf eine sogenannte moralische Schuld bezieht.
Während z.B. in unserer Gesellschaft das Schlagen von Frauen und Kindern geächtet wird (jemand, der das tut, lädt moralische Schuld auf sich und kann sanktioniert werden), ist dies in anderen Kulturen beispielsweise erlaubt und niemand dort käme auf die Idee, sich deswegen „schuldig“ zu fühlen. Im günstigsten Falle haben die Geschlagenen „Anweisungen“ des „Schlägers“ nicht befolgt und daraus kann das Recht des Schlagens abgeleitet werden, im ungünstigsten Falle kann es reine Willkür sein.
Während meines Wissens die Sachschuldfrage (Wirtschafts- und Handelsrecht bzw. analoges Recht in Stammesgesellschaften) in vielen gesellschaftlichen Systemen große Ähnlichkeiten aufweist, gibt es im Bereich der „moralischen“ Schuld sehr große Unterschiede bezüglich der „Verhaltensanweisungen“ und der Verhaltenserwartungen.
Auch ändern sich solche Verhaltensnormen und Verhaltenserwartungen im Laufe der Jahrhunderte, je nachdem, wie sich die Gesellschaften entwickeln.
Die unterschiedlichen „Verhaltensanweisungen“, die während der Sozialisation und Enkulturation zu einem erheblichen Teil unbewußt, d.h. durch Beobachten und Tun vermittelt werden, betreffen nicht nur unterschiedliche Gesellschaften, sondern auch unterschiedliche Subkulturen innerhalb einer Gesellschaft.
In der Regel weisen sich Mitglieder solch unterschiedlicher Subkulturen in Konfliktsituationen gegenseitig moralische Schuld zu, weil sie jeweils der Ansicht sind, dass ihre spezielle Auslegung dessen, was „moralische Schuld“ sei, die Richtige ist. Des weiteren kommt erschwerend dazu, dass das „Verhalten“ des unbekannten Anderen immer auch der Interpretation unterlegt. Je fremder sich also die sozialen Schichten sind, um so eher kommt es zu „Fehlinterpretationen“ des Verhaltens . Bleibt es bei gegenseitigen Fehlinterpretationen und Schuldzuweisungen, so ist ein „vicious circle“ in Gang gesetzt, der sich beständig selbst füttert. Die einzige Möglichkeit, aus so einem Zirkel auszubrechen, ist das Nachfragen, WAS eigentlich gemeint ist bzw. das umgehende Klarstellen, welche Grenzen nicht verletzt werden dürfen. - Genau mit dieser Problematik haben wir es derzeit ja auch im politischen Bereich zu tun.
Innerhalb einer Gesellschaft kann somit bereits die sogenannte „freie Partnerwahl“ zu Problemen führen, weil/wenn die Partner unterschiedlichen gesellschaftlichen Subkulturen angehören und damit unterschiedliche Verhaltenserwartungen und Verhaltensanweisungen internalisiert haben.
Man kann insofern meines Erachtens nach im Bereich der moralischen Schuld auch nicht „generell“ von einem „Gläubiger“ sprechen, sondern eher von einem „Kontrahenten“. Bei unterschiedlichen Subkulturen geht es dann natürlich auch immer noch darum, wessen Definition der Situation sich dann schließlich und endlich durchsetzt oder ob die unterschiedlichen „Schuldsysteme“ nebeneinander bestehen bleiben. Das ist dann immer auch mit Machtinteressen verbunden.
Gehören also „Kontrahenten“ unterschiedlichen Kulturen/Subkulturen an, so wird auch der Begriff der Beleidigung unterschiedlich ausgelegt werden werden.
Beleidigen im generell gebrauchten Sinne kann also nur jemand, der das Werte- und Normensystem desjenigen, den er beleidigt, teilt und der bewusst in Bezug auf die zu beleidigende Person dagegen verstößt.
Bei allen anderen „Beleidigungen“ handelt es sich entweder um Kampfmittel (Durchsetzen der eigenen Meinungen und Werte gegenüber Anderen) oder Missverständnisse (Fehlinterpretationen des Verhaltens Anderer).
In beiden Fällen hilft nur: Abstand nehmen und neu, genauer hinschauen.
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