Weltstaat und Individuum
Sehr interessant, Dein Verweis auf staatenbildende Insekten. Damit muss man sich erst mal befassen.
Was die Menschen angeht, so ist es ja mitnichten so, dass die Staaten/Großkollektive immer gescheitert wären. Das Gegenteil ist vielmehr der Fall, der Staatenmensch hat sich, immer wieder gestärkt durch Krisen, mittlerweile mit einer gewaltigen Zahl Einzelindividuen des gesamten Planeten bemächtigt und ist kräftig dabei, die ganze Fauna entweder auszurotten oder auf kontrollierte Reservate zu beschränken, die Mikroorganismen vorerst ausgenommen. Unter den Pflanzen hat er sich eine Handvoll Lieblinge erkoren (Weizen, Reis, Mais, Hirse, Gerste, Kartoffeln, Soja), (oder haben sie ihn erkoren? ) die ein Großteil der Fläche einnehmen und von denen er sich hauptsächlich ernährt. Das alles, weil die wichtigste Welt ihm die INNERE ist! Hundert Milliarden Neuronen, die sein Gehirn bilden, stellen rein zahlenmäßig alle anderen Körperzellenarten in den Schatten, und was sich darin abspielt, bestimmt alleine seine Taten.
Insofern greifen Geschichtsbetrachtungen wie die Spenglersche zu kurz, das ganz große Bild betreffend - die Menschheit ist aus der Geschichte herausgetreten, der Weltstaat, der schon vor der Tür steht, ist bereits schichtenbildend, und zwar geologische Schichten, tätig. In der FAZ gerade ein Artikel dazu (leider nicht verlinkbar), dass die Zahl der Erdbeben in Oklahoma massiv ansteigt, offenbar durch Fracking verursacht.
http://www.dasgelbeforum.net/forum_entry.php?id=355784
Interessantes Buch zur Menscheitsenwicklung: Yuval Noah Harari, Sapiens, A Brief History of Humankind. 2011 erschienen, gibts wahrscheinlich auch auf deutsch, der Autor ist ein Geschichtsprofessor aus Israel, aus seinem Abriss der Entwicklung kann man eine Menge Denkanstöße gewinnen. Er bringt einige interessante Belege, die den Mythos vom reinen, vorzivilisatorischen Solidargemeinschafter, der im paradiesischen Einklang mit der Natur lebte, ein wenig erschüttern. So hat der Jäger und Sammler, wo immer er hinkam, in wenigen Jahrtausenden die angetroffene Großfauna kurzerhand ausgerottet. Das ist für die Amerikas wie für Australien gut belegt. Bloß das kurze Kapitel über das Geld taugt nichts - das Wort Kredit kommt darin nicht vor - aber da steht er nicht alleine, das will ich ihm nachsehen.
Was bleibt dem Einzelnen, der sich nicht auf den bloßen Staatsbürger reduziert sehen will? Dazu empfehle ich Ernst Jüngers "Roman" Eumeswil von 1977 - eine stilistisch brilliante Geschichsphilosophie und ausführliche Erklärung, wie man als "Anarch" (nicht Anarchist, wichtiger Unterschied!) mit allen Zeitläuften zurechtkommt, ohne sich aufzugeben oder zu unterwerfen. Darin nimmt er übrigens das Internet wie die Mobilfunktechnik vorweg, was zeigt, mit wieviel "exakter Phantasie" (nach Goethe) er unterwegs ist.
Um den Bogen zu schließen: man muss den Staat nicht lieben, aber wegmeditieren geht auch nicht, eine wache Auseinandersetzung auf realistischer Basis ist gefragt.