Nochmals die Bienenstaaten (Gesamtantwort)

Weiner, Montag, 15.06.2015, 12:34 (vor 3869 Tagen) @ Weiner4496 Views
bearbeitet von unbekannt, Montag, 15.06.2015, 18:08

Hallo,

ich danke den Antwortenden und Mitdiskutierenden und darf bitte in einem Einzelbeitrag zusammenfassen und mich nochmals ausdrücken.

Im Garten habe ich sechs Bienenvölker und studiere sie sehr gerne. Obwohl die Bienen einem anderen Tierreich angehören und ein Gehirn haben, das nur unter dem Mikroskop zu sehen ist, vollbringen sie erstaunliche Leistungen und haben hinsichtlich ihres Sozialverhaltens bemerkenswerte Konvergenzen zum menschlichen Staat entwickelt.

Es gibt zunächst völlig solitär lebende Bienen (beim Menschen halte ich das nicht für möglich, sondern vermute als Minimum 20-50 Großfamilien mit Zugang zu einem größeren Genpool), es gibt sodann verschiedene kleinere Gruppenbildungen und schließlich den klassischen Bienenstaat (besser Volk?). Die interessantesten Staatsbildungen sind allerdings die parasitären, und im Grunde genommen könnte man einen Imker ebenfalls als Parasit in einem Bienenvolk betrachten. Vergleiche zwischen den beiden letztgenannten Bienenstaatskonfigurationen und dem Spektrum menschlicher Staatsgebilde der letzten 5000 Jahre Weltgeschichte anzustellen, ist wirklich sehr anregend ...

http://www.wildbienen.de/wbi-sozi.htm (wie gesagt: die Parasiten beachten!)

Wenn jemand also keinen Staat mag, dem bleibt es ihm unbenommen, sich irgendwohin zurückzuziehen, wo er glaubt, das verwirklichen zu können. Selbst innerhalb eines Staates gibt es immer Freiräume genug, um "quasi staatenlos" zu leben. Da braucht man halt eine Portion mehr Energie für so ein (Doppel-?) Leben (man findet interessanterweise derartige Gestalten häufig an der Staatsspitze). Oder man ist halt passiver, grummelnder, im schlimmsten Fall gequälter Mitläufer in irgendeinem Staat, so wie das die Mehrheit der Menschen aktuell macht.

Aufgrund der Dichte der menschlichen Population halte ich ein staatenloses Zusammenleben heute nicht mehr für möglich, denn es wird immer genug starke und intelligente Menschen geben, die andere Menschen zu einem jener Monsterstaaten organisieren werden können, die wir im Augenblick rund um uns herum erleben. Und wer diesen Menschen und organisierten Gruppen als Freistaatler unter die Augen gerät (die Wahrscheinlichkeit ist sehr groß) oder gar in die Quere tritt, muss sich schon ziemlich anstrengen, um unbeschadet wieder davonzukommen.

Deswegen gibt es für mich nur die eine Möglichkeit, nämlich die formal vorhandenen Regeln politischer Betätigung zu akzeptieren und auszuschöpfen. Und darauf, so stelle ich aktuell allgemein fest (auch hier auf dem Forum - den Antworten auf meine Beiträge entnehmend), hat niemand besondere Lust. Das ist ein höchst interessanter und sehr entscheidender Punkt. Es ist offenbar einfacher, sich mit Kollegen, Familienangehörigen, Vereinskameraden, Geschäftspartnern, Freunden usw. zu einem Essen oder zu einer kulturellen Veranstaltung oder zu sonst was zu vereinbaren als mit Ihnen über die beste Gestaltung sachbezogener direkter Demokratie zu sprechen und diesbezüglich etwa gemeinsame Entschlüsse zu fassen. Ich beobachte überall Desinteresse an den einfachsten politischen Fragestellungen - nur rumproleten wie in den Kommentaren zu MMNews, das macht dann wiederum Spaß.

Ich betrachte den Staat inzwischen als Spiegelbild (eigentlich Zerrbild) der gesammelten Unfähigkeiten auf individueller und personaler Ebene. Er kommt mir vor wie eine List der Natur (nach Hegel der Geschichte ...), den Fortbestand und die Vermehrung der menschlichen Spezies trotz der Unzulänglichkeit einzelner seiner Individuen zu sichern und sogar auszubauen. Dass manche dieser Unzulänglichkeiten und Defekte wiederum durch den Staat erst hervorgerufen werden (ähnlich ist es auch bei den Bienen) und dass der aktuelle Prozess auch gewaltige Risiken birgt, steht auf einem anderen Blatt.

Ich bleibe aber dabei, dass wir aktuell noch die Freiheit haben sowie - gemessen an anderen Epochen der Geschichte - unendlich mehr Möglichkeiten, den Staat zu reflektieren, zu ändern und (wenn es denn allgemein gewünscht wäre) auf ein Minimum zu reduzieren. Ich sehe die Hauptaufgabe der Gegenwart darin, dass Menschen Formen des Zusammenlebens finden, die ihrer eigenen Natur, der Natur des Planeten, dem Stand der technologischen Entwicklung und dem aktuellen Spektrum der Populationsgrößen bestmöglich entsprechen. In dieser Situation wie @Friedrich auf Wunder zu hoffen oder wie @Phoenix5 den Faschismus an die Wand zu malen (der schon längst auf dem Boden vor uns steht) oder wie viele andere auf ein Game Over zu warten, kann ich für mich nicht akzeptieren.

Grüße, Weiner


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