Klasse, um die IT-Sicht geht es mir in diesem Thread auch ...
Hallo Bulla,
Aus IT-Sicht:
1. Welcher Komplexitätsgrad ist optimal?
Keiner. Komplexität bedeutet, wie in der Parallel-Antwort von Hyperion
schon erwähnt, keinen Algorithmus zu haben, der ein Problem in einer
bestimmten Zeit und unter bestimmtem Ressourcenaufwand lösen kann.
Dem kann ich nicht beipflichten. Wie Du weiter unten ausführst, gibt es unterschiedliche Komplexitätsgrade. Unterhalb eines bestimmten Grades sollten die Aufgaben unter definierten Bedingungen notwendigerweise zu lösen sein. Sonst würde Dein Beispiel nicht funktionieren.
Wir alle hantieren täglich unterschiedliche komplexe Situationen und sind oft erfolgreich. Wobei der Erfolg, wie auch das Scheitern sehr oft (meistens) relativ ist. Totales Scheitern ist ebenso selten wie totaler Erfolg.
Deswegen sind solche Ereignisse wie der absichtlich herbeigeführte Absturz ebenso exzeptionell, wie das Erringen einer Fußballweltmeisterschaft.
Mist, jetzt war ich doch bei dem Flieger.
Leider
hört Hyperion genau an der Stelle auf, wo Komplexität überhaupt erst
anfängt, nämlich bei den Entscheidern, welche es sind, die sich einem
Problem stellen sollten -- und es leidlich tun, da hierbei dann entweder
a) auf Erfahrungen zurückgegriffen wird: dies kann sowohl gut als auch
schlecht sein
b) nach Bauchgefühl entschieden wird: Topmanager haben manchmal auch
einfach nur Glück, wenn sie eine Entscheidung hinsichtlich eines diskreten
Problems treffen müssen.
Nein, Komplexität fängt viel früher an: Esse ich zum Frühstück ein Müsli oder doch ein Croissant mit Butter und Honig? Eingedenk des individuellen Gesundheitszustandes, der momentanen Verfassung, der Zeit die ich noch habe bevor ich los muss, etc. pp.
DAS sind auch schon komplexe Situationen, die wir in aller Regel durch Gewöhnung bewältigen, nicht immer in sinnvoller Weise, sondern so, dass es eben geht (im Sinne von funktioniert).
Daher entstehen auch soviele Kompromisslösungen, so dass keiner
glücklich, aber auch keiner sauer wird; siehe Glockenkurve.
Da kann ich zustimmen. Eine Organisation ist fast immer eine Kompromissmaschine. Kompromisslose Organisationen ([link=totale Institutionen, nach Goffman]totale Institutionen, nach Goffman[/link] [Wikipedia]) neigen dazu totalitär zu sein oder zu werden. Das ist für etliche attraktiv, wegen der Möglichkeit, darin aufzugehen, auch eine Art von »Flow«, der sich so erreichen lässt. Deswegen ist der Kompromiss notwendig Bestandteil der Lösung komplexer Aufgabenstellungen.
2. Ist es sinnvoll, den handhabbaren Komplexitätsgrad tendenziellen zu
erhöhen? Oder sollte man Komplexität grundsätzlich minimal halten?
Wie gesagt, Komplexität bedeutet ja bereits, dass man es nicht ohne
weiteres mit einfachen Mitteln optimal lösen kann. Den Sinn, Komplexität
artifiziell zu erhöhen, erschliesst sich mir in dem Sinne nicht. Das ist,
als würde man versuchen, Alpha Centauri zu besiedeln, bevor man den Mars
angegangen hat. Komplexität sollte daher immer iterativ angegangen werden
-> Bisschen hie, bisschen da machen, bevor man genug Logik angesammelt hat,
um die nächste Stufe, anzugehen.
Bsp.
Zu dem Sinn der Komplexitätserhöhung:
In aller Regel resultiert die Erhöhung der Komplexität aus unterschiedlichen, aber immer gleichen Quellen:
1. Änderung des Raumes (ein Imperium dehnt sich aus)
2. Änderung der Organistionsangehörigen,in der Regel Zuwachs, kann aber auch durch eine drastische Reduktion passieren (weitere Kulturen werden in das Imperium integriert, Folgen der Pest oder des Dreißigjährigen Krieges)
3. Die Ressourcenlage verändert sich (Holz wurde im Imperium knapp, Beton aus Baustoff hinzugewonnen)
4. Grundsätzliche Änderung der Kultur der Organisation (Wechsel von einer polytheistischen zu einer monotheistischen Religion)
und so weiter. Anpassung und auch Entwicklung bedeutet fast immer sich einer wachsenden Komplexität zu stellen. Erhöhung eines beliebigen Outputs immer. Wegfall von Ressourcen auch immer.
1+1 = 2 > Komplexitätsgrad 1
2+2 = 4 > Komplexitätsgrad 2
Wenn man 1+1 zuerst löst, ist es nicht mehr komplex. 2+2 entspricht daher
dann lediglich einem +1 gegenüber dem aktuellen Wissensstand.
Das verstehe ich leider nicht. 1+1 ist nicht komplexer als 1392847 + 1 oder 9083475 + 293854, denn es liegt eine feste, allgemein gültige und akzeptiere Regel für die Bearbeitung des Problems vor.
Eine Grenze liegt in der Wahrnehmungsfähigkeit der Summanden durch den Bearbeiter, deswegen in solchen Fällen auch die Exponentialschreibweise.
Hmm, was habe ich vielleicht übersehen, dass ich es nicht verstanden habe?
Eine
indirekte Komplexität besteht nur noch, wenn man z.B. n mal 1+1
lösen/rechnen muss, da irgendwann Speicher, Konzentration, Zeit, Energie
ausgehen. Hier greifen dann z.B. Heuristiken, die u.a. statistische
Techniken einbinden. Gelöst ist das Problem dann aber nicht unbedingt
optimal..Die Objektorientierte Programmierung, in der jedes Problem mehr oder
weniger streng gekapselt untersucht und implementiert wird, resultierte aus
irgendwann nicht mehr handhabbaren Walls of Code, in der alles in eine
einzelne Datei geschrieben wurde, z.B. Basic.
Sie war der Versuch, einerseits handbare Codefragmente zu erzeugen, aber diente auch dazu, die von uns wahrgenommene Welt (respektive Lösungen für Probleme) weniger abstrakt abzubilden.
In der IT sind verstärkt modernere Arbeitstechniken wie Scrum im Einsatz,
in dem es darum geht, in kleinen Teams kurze Sprints an
Implementierungsarbeit einzulegen (z.B. Dauer eine Woche) und am Ende
schauen, wo es hakt, wenn die einzelnen Ergebnisse zusammengefügt werden.
Dient ebnfalls der Reduktion von Komplexität. In diesem Falle auch durch Transparenz, wenn man so will: Durch frühzeiges Erkennen von publizieren von Fehlern kann ein größerer Schaden erst gegen Ende der Aufgabenbearbeitung vermieden werden (so hofft man jedenfalls).
Weitere Techniken sind z.B. das Rapid Prototyping, was man derzeit in der
Spielebranche gehäuft bei Indie-Entwicklern vorfindet, die z.B. jede Woche
den aktuellen Stand als "Early-Access" anbieten/verkaufen.
Komplexität wird also häufig mit Iteration begegnet.
Aber mit dieser Vorgehensweise ist der grundsätzliche Komplexitätsgrad den diese Organisation bewältigen kann ebenso begrenzt, nur an anderer Stelle.
3. Sind Transparenz und Komplexität Antagonisten oder notwendigerweise
komplementär?
In der Politik Antagonisten, in der richtigen Welt komplementär.
Interessant. Ich denke, in der wirklichen Welt sind sie wirklich komplementär und in einer richtigen Welt, wäre das für den Zusammenhang zur Politik ebenso. Wir haben einfach die falsche Politik , gemacht von den falschen Menschen, da innerhalb eines falschen Systems.
Ohne 1+1
kein 2+2, und das muss bekannt und einsehbar sein. Stichwort, auch in der
VWL beliebt: "Vollständige Information"
Ja! Aber in der Politik ist 2+2 häufig -1 oder 5, jedenfalls nicht 4.
Und nun zu euch:
5. Welchen Grad an Komplexität empfindet ihr als angenehm, welchen
nicht
mehr?
Ich denke mal, jeder würde gerne die Weltformel entwickeln, was aber wohl
ne Spur zu groß sein dürfte. Ergo: Ein Problem sollte handhabbar sein;
ungefähr wissen, was man mit vorhandenen Mitteln und Wissen lösen kann,
und dies auch so kommunizieren. Just do it :)
Ich empfinde Probleme die sich durch mich und mit durch mich vertretbarem Aufwand lösen lassen als angenehm. Das sind echte Herausforderungen, die im Zweifel unterschiedliche optimale oder eben suboptimale Lösungen haben oder auch die Erkenntnis keiner sinnvollen Lösung innerhalb eines gegeben Kontextes.
6. Geht unsere Gesellschaft (ihre Mitglieder) an zu großer
Komplexität
zu Grunde, führt diese prinzipiell zu Entfremdung? Mit anderen Worten:
Macht euch Komplexität haltlos, heimatlos in der Gesellschaft?
Lügen, Korruption und Desinformation machen einen kaputt, nicht die
Komplexität.
7. Wie reduziert ihr in eurem Alltag Komplexität?
Zeit nehmen und sich in ein Thema einarbeiten, soweit möglich. Wenn es zu
schwer wird, liegen lassen oder eine Lösung nehmen, die vielleicht 80-90%
erfüllt, je nachdem.
Interessant finde ich die Beobachtung, dass sich viele Probleme durch liegen lassen (reifen?) verringern. Natürlich nicht jedes, aber etliche.
Und, natürlich, je mehr Zeit ich einer Lösung widme, um so erfolgreicher werde ich in der Regel sein, weil ich mehr Information über und zum Umgang mit dem Problem gewinne. Deswegen halte ich Transparenz für so hilfreich bei der Reduktion von Komplexität.
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"Journalism is printing what someone else does not want printed. Everything else is public relations." - George Orwell
Arvid