Komplexität -> Just do it
Aus IT-Sicht:
1. Welcher Komplexitätsgrad ist optimal?
Keiner. Komplexität bedeutet, wie in der Parallel-Antwort von Hyperion schon erwähnt, keinen Algorithmus zu haben, der ein Problem in einer bestimmten Zeit und unter bestimmtem Ressourcenaufwand lösen kann. Leider hört Hyperion genau an der Stelle auf, wo Komplexität überhaupt erst anfängt, nämlich bei den Entscheidern, welche es sind, die sich einem Problem stellen sollten -- und es leidlich tun, da hierbei dann entweder
a) auf Erfahrungen zurückgegriffen wird: dies kann sowohl gut als auch schlecht sein
b) nach Bauchgefühl entschieden wird: Topmanager haben manchmal auch einfach nur Glück, wenn sie eine Entscheidung hinsichtlich eines diskreten Problems treffen müssen.
Daher entstehen auch soviele Kompromisslösungen, so dass keiner glücklich, aber auch keiner sauer wird; siehe Glockenkurve.
2. Ist es sinnvoll, den handhabbaren Komplexitätsgrad tendenziellen zu
erhöhen? Oder sollte man Komplexität grundsätzlich minimal halten?
Wie gesagt, Komplexität bedeutet ja bereits, dass man es nicht ohne weiteres mit einfachen Mitteln optimal lösen kann. Den Sinn, Komplexität artifiziell zu erhöhen, erschliesst sich mir in dem Sinne nicht. Das ist, als würde man versuchen, Alpha Centauri zu besiedeln, bevor man den Mars angegangen hat. Komplexität sollte daher immer iterativ angegangen werden -> Bisschen hie, bisschen da machen, bevor man genug Logik angesammelt hat, um die nächste Stufe, anzugehen.
Bsp.
1+1 = 2 > Komplexitätsgrad 1
2+2 = 4 > Komplexitätsgrad 2
Wenn man 1+1 zuerst löst, ist es nicht mehr komplex. 2+2 entspricht daher dann lediglich einem +1 gegenüber dem aktuellen Wissensstand. Eine indirekte Komplexität besteht nur noch, wenn man z.B. n mal 1+1 lösen/rechnen muss, da irgendwann Speicher, Konzentration, Zeit, Energie ausgehen. Hier greifen dann z.B. Heuristiken, die u.a. statistische Techniken einbinden. Gelöst ist das Problem dann aber nicht unbedingt optimal..
Die Objektorientierte Programmierung, in der jedes Problem mehr oder weniger streng gekapselt untersucht und implementiert wird, resultierte aus irgendwann nicht mehr handhabbaren Walls of Code, in der alles in eine einzelne Datei geschrieben wurde, z.B. Basic.
Bisserl Pseudocode zu OOP:
Haus x; Strasse y;
Solange (y.zugebaut nicht true) {
-> erstelleEntlangStrasse(x,y);
-> y.freieGrundstuecke-1;
-> Wenn (y.freieGrundstuecke = 0 ) -> y.zugebaut = true)
}
fügeStrasseStadthinzu(y);
usw.
In der IT sind verstärkt modernere Arbeitstechniken wie Scrum im Einsatz, in dem es darum geht, in kleinen Teams kurze Sprints an Implementierungsarbeit einzulegen (z.B. Dauer eine Woche) und am Ende schauen, wo es hakt, wenn die einzelnen Ergebnisse zusammengefügt werden.
Weitere Techniken sind z.B. das Rapid Prototyping, was man derzeit in der Spielebranche gehäuft bei Indie-Entwicklern vorfindet, die z.B. jede Woche den aktuellen Stand als "Early-Access" anbieten/verkaufen.
Komplexität wird also häufig mit Iteration begegnet.
3. Sind Transparenz und Komplexität Antagonisten oder notwendigerweise
komplementär?
In der Politik Antagonisten, in der richtigen Welt komplementär. Ohne 1+1 kein 2+2, und das muss bekannt und einsehbar sein. Stichwort, auch in der VWL beliebt: "Vollständige Information"
4. Ist der aktuell in der Organisationstheorie gehypte Ansatz des
»Komplexitätsmanagenents« grundsätzlich nützlich oder falsch?
Da kann ich leider nichts zu sagen, habe mich damit nicht direkt beschäftigt.
Und nun zu euch:
5. Welchen Grad an Komplexität empfindet ihr als angenehm, welchen nicht
mehr?
Ich denke mal, jeder würde gerne die Weltformel entwickeln, was aber wohl ne Spur zu groß sein dürfte. Ergo: Ein Problem sollte handhabbar sein; ungefähr wissen, was man mit vorhandenen Mitteln und Wissen lösen kann, und dies auch so kommunizieren. Just do it :)
6. Geht unsere Gesellschaft (ihre Mitglieder) an zu großer Komplexität
zu Grunde, führt diese prinzipiell zu Entfremdung? Mit anderen Worten:
Macht euch Komplexität haltlos, heimatlos in der Gesellschaft?
Lügen, Korruption und Desinformation machen einen kaputt, nicht die Komplexität.
7. Wie reduziert ihr in eurem Alltag Komplexität?
Zeit nehmen und sich in ein Thema einarbeiten, soweit möglich. Wenn es zu schwer wird, liegen lassen oder eine Lösung nehmen, die vielleicht 80-90% erfüllt, je nachdem.