Nur soweit, wie die Feudalgesellschaft Fundament des Buergertums ist

Miesespeter, Montag, 18.01.2016, 21:49 (vor 3672 Tagen) @ pigbonds3143 Views
bearbeitet von unbekannt, Montag, 18.01.2016, 22:22

„"Glaubet nicht, ich sei gekommen, Frieden auf die Erde zu bringen.
Ich bin nicht gekommen, Frieden
zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu
entzweien mit seinem Vater und
die Tochter mit der Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer
Schwiegermutter. Matt. 10,34-35“

Harte Kost. Gewalt, Krieg?

Ich verstehe es aber so, dass eben Gottes Wort, blasphemisch vereinfachend
"das Gesetz", über
der Blutbande stehen muss.
Der Vater liefert seinen gesetzesbrüchigen Sohn aus, er darf ihn aber
nicht mehr selber richten, noch
bestrafen noch muss er ihn verstossen.

Schoenes Fundstueck, vielen Dank, sehr plastisch.


Ich verstehe die abrahamitischen Religionen als den Versuch, Ordnung in
die Gesellschaft zu bringen,
eine Gesellschaft, die von nomadisierenden Stämmen zu komplexen
Kollektiven wurden, wo nicht mehr jeder
jeden kennt.

Das war nötig, um überhaupt eine bürgerliche Gesellschaft zu schaffen.

In der neolithischen Revolution, die damit einherging, wurde allerdings nicht die buergerliche Gesellschaft erschaffen, sondern die Feudalgesellschaft.

Es war die frz. Revolution, welche den Grundstein fuer die buergerliche europaeische Gesellschaft legte. Wikipedia recht treffend:

Die Abschaffung des feudalabsolutistischen Ständestaats sowie die Propagierung und Umsetzung grundlegender Werte und Ideen der Aufklärung als Ziele der Französischen Revolution – das betrifft insbesondere die Menschenrechte – waren mitursächlich für tiefgreifende macht- und gesellschaftspolitische Veränderungen in ganz Europa und haben das moderne Demokratie­verständnis entscheidend beeinflusst.

Mit dem Staendestaat war selbstverstaendlich ganz vorne der erste Stand abgeschafft, und nach Napoleons Konkordat war fuer Europa die Frage nach der Rolle der Kirche geklaert, zumindest bis Nietzsche.

Diese Ideen,
wie

oben angefuehrt, sind im Prinzip in den meisten europaeischen Laendern

als

Aufforderung

zu Straftaten[/link] eindeutig strafbewehrt.


In der Kirche, Synagoge oder Moschee lernt man das Geschriebene in der
Relation zur Gegenwart zu sehen.

Natürlich besteht das Risiko, das hie und da ein Karlstadt von der
Kanzel
predigt, der Bilderstürmer zur Zerstörung von Kulturgütern (wie derzeit
in Syrien,
Afghanistan) anheizt.

Karlstadt = 16. Jhdt, vor der buergerlichen Gesellschaft. Im Mittelalter wurden die entsprechenden Passagen sicherlich oftmals auch im Christentum durchaus wortwoertlich ausgelegt (Kreuzzuege, Inquisition, Hinrichtung von Ketzern, Hexen, Blasphemisten, Wissenschaftlern) und stellten keinen Straftatbestand dar. Das ist im heutigen Europa anders.

In den Kirchen oder Synagogen mag man das Geschriebene daher auch durchaus entsprechend - relativierend - in Relation zu dieser Gegenwart setzen (man hoert wenig Gegenteiliges), in Moscheen scheint es jedoch nicht durchgehend so zu sein.

Weil vielleicht die Gegenwart im Islam nicht mir der europaeischen Gegenwart uebereinstimmt, und man sich dort tatsaechlich erst im Jahre 1437 befindet?


In der Reformation entdeckten die Christen auch das Wort und nahmen es
wörtlich, weil die Geistlichen sich zu sehr im Weltlichen zu vergnügen
begannen und an Glaubwürdigkeit verloren. So folgte die Reformation und
die
Reformation der katholischen Kirche.

Ja, 1517ff. Einhundert Jahre spaeter gipfelte die Gewalt und es kam zu massiven Fluechtlingsstroemen.

Nach dem totalen Desaster erkannten dann auch die feudalen Patriarchen, dass es sich nicht lohnt, fuer die Aufrechterhaltung wohlfeiler Geschichtchen seine ganzen Arbeitsheere zu vernichten, so wie der alte Fritz:

Alle Religionen seindt gleich und gut, wan nuhr die leute, so sie profesieren, Ehrlige leute seindt, und wenn Türken und Heiden kämen und wollten das Land pöplieren, so wollten wir sie Mosqueen und Kirchen bauen.

(Man bemerke jedoch, er wollte sie schon profesierend und ehrlig haben)

Ein Problem stellen die absoluten Dogmen der Schriften dar, weshalb
komplexe
Interpretationen nötig sind.

Ich uebersetze das mal so: 'Ja, die Aussagen in den Schriften sind hahnebuechen und dogmatisch, aber wenn wir sie ausreichend relativieren und verschwurbelt interpretieren, dann koennen wir uns die Religionen vielleicht weiterhin zu nutzen machen'.

Wohl bekommts.

Die bürgerliche Gesellschaft kann sich ebenso in Dogmen verfangen.

Interessant ist es daher, die "Schwesterrepubliken" Schweiz und USA zu
betrachten.

Die USA verfügt über eine starre Verfassung, die soviel ich weiss, nur
ergänzt,
aber Bestehendes nicht verändert, werden darf. Daher hat sich über die
Jahrzehnte ein regelrechter
Kanon an wegweisenden Gerichtsurteilen gebildet, eine Kirche der
Rechtsgelehrten
sozusagen.

Hingegen kann die Schweiz ihre Verfassung in Volksentscheiden einfach und
pragmatisch
anpassen. Das halte ich für einen langfristigen Vorteil.

Die amerikanische Konstitution ist ja auch von Gott inspiriert, welcher Sterbliche wuerde das aus rein oportunistischen Gruenden veraendern? Kann man die 10 Gebote modernisieren?

Man kann daran gut erkennen, wie resistent Gesellschaften gegenueber jeglicher Veraenderung sind. Die Schweiz ist in diesem Sinne ja eine seltene Ausnahme. Wer also diesbezuegliche Sachverhalte und Moeglichkeiten untersucht, ist gut beraten, bei seinen Betrachtungen von der Norm auszugehen und nicht vom selten anzutreffenden 'Best Case'.

Gruss,
mp


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