Ob Schulrat (!) Juergen Reichens "Lesen durch Schreiben" zur Reformpaedagogik gehoert, darf man bezweifeln ...
... denn es waere leicht nachzuweisen, dass eine Methode, die wahrhaft reformpaedagogisch waere, es nicht in den staatlichen Schulalltag schaffen kann. Da ist im Zweifel zuviel Emanzipation "drin".
Fehlerfrei Lesen lernt man in einer Woche!
mein Kind wurde dieses Jahr eingeschult. Nun hat es sein Arbeitsheft (es handelt sich um "Bausteine" von Diesterweg) mitgebracht, mit der "Hausaufgabe", seinen Eltern das Vorwort zur Lektüre vorzulegen.
Das wird bei manchen Eltern heutzutage schwierig
...
Dort werden die Eltern beispielsweise aufgefordert, Schreibfehler des Kindes nicht zu korrigieren.
Nicht gaenzlich falsch, uebrigens. Aber aus einem anderen Grunde: denn dies verankert den Fehler zusaetzlich neuronal im Hirn des Kindes. Wer sein Kind beim Sprechen lernen dauernd korrigiert, statt diese anfaenglichen (!) Fehler zu ignorieren (! - sofern der Sinn klar ist, sonst nachfragen!), der/die erzieht sich nachweislich Kinder mit verzoegertem Mutterspracherwerb.
Da beim Sprechen zum Glueck Automatismen wirksam werden, die sich einer paedagogischen Einflussnahme von aussen so gut wie vollstaendig entziehen, korrigiert sich das aber dennoch mit der Zeit. (Nicht so [einfach] beim Schriftspracherwerb.)
"Korrigieren", aufgepasst, heisst: das Kind passt seinen Sprachgebrauch an den seiner Bezugspersonen an, wenn diese ihren Soziolekt ungezwungen sprechen. Sprechen diese Dialekt, so ist es der Dialekt, der perfekt beherrscht wird!
Wie man am Schwyzerduetsch schoen sieht, ist eine abweichende "Aussprache" nicht etwa ein Problem beim Schriftspracherwerb. Von den Eigenheiten der schweizer Sprache (und der Schweiz im allgemeinen) ganz abgesehen (selbiges gilt fuer Oesterreich oder die deutschsprachigen Enklaven in z.B. Belgien, Luxemburg, Kanada, USA, Afrika etc.). Sonst koennte kein Englaender je schreiben lernen, kaum ein Franzose oder Letzeburger, und ein Chinese oder Japaner schon gleich gar nicht ...
Wenn das Kind z.B. "ICH HAP OICH LIP" schreibt, soll man sich am Inhalt erfreuen und sich nicht über die Rechtschreibung aufregen.
Eigentlich richtig - bei einem Kind, das sich z.B. mit drei Jahren selbst das Schreiben beibringt (was ihm dann leider oft ausgeredet wird, mit dem Argument, dass das spaeter in der Schule stoeren wuerde - in der Tat stoert das, u.a. die Allmacht der staatlichen Lehrkraft!).
Aber man muss sich fragen, wenn man so argumentiert, ob man den Sinn des Schreibens verstanden hat. Ist es nicht sinnvoll, anzunehmen, dass die kognitive Entwicklungs-Reihenfolge beim Spracherwerb hin zur Sprachbeherrschung sein sollte:
A) Sprechen koennen,
B) Lesen koennen
und danach, als Letztes,
C) (richtig Recht-) Schreiben koennen???
Warum ist Reichen nicht den entscheidenden Schritt weiter gegangen und hat noch die Methode fuer Eltern Neugeborener entwickelt, die da hiesse "Sprechen durch Schreiben"???
Schliesslich ist die Koordination der Arm- und Fingermuskeln wesentlich leichter zu "begreifen" als das Erlernen der Glottiskoordination.
Aufgeregt habe ich mich dann aber doch: Allerdings nicht über die Fehler meines Kindes, sondern über die Rechtschreibfehler im Vorwort. Nur eine knappe Seite, trotzdem vier Fehler, die selbst ich nicht überlesen konnte.
Ja, saemtliche zur Verwendung an Schulen freigegebenen Buecher strotzen nur so von Fehlern. Fast keine Seite fehlerfrei und fast auf jeder dritten eine wissenschaftlich falsche, unhaltbare oder missverstaendliche Aussage. Und von wem wohl werden solche Buecher geschrieben???
Es ist mit erzieherischen Grundsaetzen nicht zu vereinbaren, sein Kind einer solchen Verbildungsumgebung auszusetzen, ja, wuerden die Jugendaemter genuegend Kapazitaeten haben, wuerden sie saemtlichen Eltern, die ihre Kinder an staatlichen Schulen unterrichten lassen, das Erziehungsrecht entziehen!
Aber nun denke ich mir: ist das vielleicht nur ein Test?
Ja, nennt man in der DV "Bananenprodukt", d.h. man hofft, da die bereits eine Elite unter den staatlichen Lehrkraeften darstellenden Verfasser solcher staatlich zugelassener Schullehrbuecher nicht fehlerfrei schreiben koennen (vom Denken ganz abgesehen), dass sich unter den Schul-Eltern ein paar noch finden moegen, die Rechtschreibung oder Prozentrechnung beherrschen.
Da es aber den Beruf des Schriftsetzers nicht mehr gibt, ist selbst das ein Vabanque-Spiel.
Gib' einen beliebigen Text an zehn Akademiker zur Korrektur und ... es kommen (in der Regel) mehr Fehler hinzu, als insgesamt gefunden werden.
Will die Lehrerin nur feststellen, welche Eltern entspannt über Fehler hinwegschauen können und welche Eltern die Erbsen zählenden Querulanten sind?
Hm, wenn eine Lehrkraft schon mit den ihr anvertrauten Kindern ueberlastet ist?
Und sind vielleicht statt vier Fehlern zehn Fehler im Text versteckt?
Siehe oben!
Ich waere da vorsichtig.
Bin gespannt wie ein Flitzebogen, was da noch auf mich wartet.
Ein Kind, das nach seiner Pensionierung seine Liebe zur Literatur entdeckt und dann auch Orthographie erlernt, zumal sich bis dahin die Rechtschreibreform der Realitaet angepasst haben wird ...
Ich wuenschte, ich koennte mich auf einen Lebensabend freuen, in dem ich mal noch basale Kulturfaehigkeiten hinzugewinnen duerfte ...
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Um nicht alles wiederkaeuen zu muessen:
Zur Legathenie etc.
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Zu Paedagogik und Didaktik im allgemeinen:
Den Lerneifer muss man erst separat ertoeten
Bloss kein Hauptschulabschluss ... sonst keine Lehrstelle ...
Das Grundproblem ist, dass Reformpaedagogik immer schon die unglaublichsten Scharlatane anzog. Paederastie ist nur eine der Facetten.
Dass viele Reformpaedagogen ratlos sind, sieht man gut daran, dass Maria Montessori eine Paedagogik fuer's Kindergartenalter geschaffen hat (eine sehr gute, wenn man mal von der theosophisch belasteten "Kosmischen Erziehung" absieht), man aber jede Menge weiterfuehrende Schulen sieht, die meinen, mit Montessori werben zu muessen. Montessori geht aber im Wesentlichen nicht ueber den Schriftspracherwerb und das Rechnen hinaus.
Freinet wiederum ist keine Methode an sich, von der Schuldruckerei abgesehen, sondern lebt vom je eigenen Inhalt, den man entweder vor Ort und "in sich" hat ... oder eben nicht.
Und so koennte man vieles durchhecheln an Reformansaetzen (Steiner/Waldorf ist noch mal was ganz eigenes und keine Reformpaedagogik, im Uebrigen), aber das grundsaetzliche bleibt: entweder man stuetzt sich auf Neurologie und Entwicklungswissenschaft, oder man bleibt ein Scharlatan.
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Mit 40 DM pro Kopf begann die Marktwirtschaft, mit 400.000 Euro Schulden pro Kopf wird sie enden.
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